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23/10/2018 18:47 CEST | Aktualisiert 23/10/2018 18:47 CEST

Brief einer Ex-Kranken: "Liebe Depression: Danke, dass es dich gab"

"Ich habe lange Zeit nicht verstanden, warum du da warst, Depression."

yurii_zym via Getty Images
Helene litt jahrelang unter Depressionen (Symbolbild). 

Helene (Namen geändert) litt jahrelang unter starken Depressionen – damit verbunden waren ein Selbstmordversuch, stationäre Klinikaufenthalte und diverse Therapien. 

Obwohl ihre Krankheit ihr oft sinnlos erschien, hat sie einen Weg gefunden, mit ihr umzugehen. Die Depression hat ihr geholfen, sich selbst besser kennenzulernen. 

Deswegen schreibt sie hier einen Liebesbrief an ihre Depression.

Liebe Depression, 

viele Jahre lang hast du mich begleitet und warst nahezu ein Teil meiner Selbst. In guten Zeiten warst du für mich da, um mich daran zu erinnern, dass das Leben vielleicht doch nicht so lebenswert ist – in schlechten Zeiten saßt du wortlos neben mir, während ich geweint, geschrien oder einfach nur die Wand angestarrt habe.

Depression, du warst der beschissenste Begleiter, den man sich vorstellen kann. Und trotzdem hast du mich gerettet: Ohne dich wäre ich heute nicht die, die ich bin. Erst du, Depression, hast mir bewusst gemacht, was die Wurzel meines Problems ist.

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Ich komme aus einem sehr autoritären Elternhaus – meine Eltern haben mir eigentlich nie eine Entscheidung überlassen. Sie bestimmten, wann, wie und was ich zu lernen habe, wann ich meine Freunde treffe, wie ich mich anziehe, wie meine Zukunft auszusehen hat. 

Ich war nicht bereit, allein zu sein

Als Kind neigte ich schon zu Schwermut – aber ich konnte die späteren Konsequenzen noch nicht ahnen. Dass meine Familie meinen Weg für mich bestimmte, gab mir schließlich auch eine ungeheure Sicherheit. Ich musste nicht auf eigenen Beinen stehen.

Erst, als ich in eine andere Stadt ging, um zu studieren (einen Studiengang, den selbstverständlich meine Eltern für mich ausgesucht hatten), merkte ich, wie ich den Boden unter den Füßen verlor: Ich war nicht bereit, alleine zu sein. Ich war nicht bereit, wie ein erwachsener Mensch zu agieren. Ich hatte nicht das richtige Werkzeug, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. 

Als ich das Gefühl hatte, alle würden mich fallen lassen, ich sei allein und zu nichts nutze, kamst du in mein Leben, Depression.

► Du warst bei mir in den dunkelsten Stunden.

► Du warst bei mir, als ich im Affekt beschloss, mich umzubringen.

► Du warst auch bei mir, als ich in der Klinik wieder aufwachte und dachte: Oh nein, ich bin wieder zurück in diesem Leben.

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Du, Depression, warst wie ein dunkler Schatten, der mich ständig begleitete. Wenn ich morgens aufwachte, war es, als würdest du das Sonnenlicht von mir abschirmen und ich sah meine Umgebung in einem ständig trüben Licht.

Du hast den Platz meiner Freunde eingenommen – ich hatte keine Lust mehr, irgendjemand anderen zu sehen als dich. Ich sah die Welt nur noch durch deine Augen, Depression: Es war, als hättest du mir eine dunkle Brille aufgesetzt, die mich nichts Schönes mehr sehen ließ.

Depression, ich habe dich gehasst

Ich verbrachte viele Monate in der Klinik. Ich hatte unzählige Therapeuten, die mir versuchten zu erklären, dass ich krank sei und heilen müsste. Dass mir jetzt nur eine Therapie helfen und dass es mir bald besser gehen würde. Also biss ich die Zähne zusammen und kämpfte mich durch die Gesprächstermine mit Psychologen, die therapeutischen Malstunden, ging joggen, um mich abzulenken. Und auch da warst du immer bei mir, Depression.

Und ich habe dich gehasst. Ich habe alles versucht, um dich loszuwerden: Ich nahm Medikamente. Ich las Bücher, um in schönere Welten zu entfliehen. Ich fand eine Psychoanalytikerin, mit der ich jahrelang versuchte, die Wurzeln meiner Probleme zu analysieren. 

Ich habe lange Zeit nicht verstanden, warum du da warst, Depression

Und trotzdem konnte ich dich lange Zeit nicht abschütteln, Depression. Du warst präsent, wenn ich sonst nichts fühlte. Wenn ich in dieser tiefen Trauer und Sinnlosigkeit versank. Und es schien mir, als wärst du gekommen, um zu bleiben.

► Ich habe lange Zeit nicht verstanden, warum du da warst.

► Ich habe dir lange Zeit die Schuld gegeben, dass es mir schlecht geht.

► Dass ich mich hasse.

► Dass ich die Welt um mich herum hasse und nicht mehr leben will.

Und irgendwann, nach vielen Gesprächen mit meiner Therapeutin und viel Arbeit habe ich verstanden: Du, Depression, warst nicht das Problem. Du hast mich aufmerksam gemacht auf mein wahres Problem: Ich war nicht bereit, erwachsen zu sein. Ich musste erst lernen, mit mir selbst zurechtzukommen, selbstständig zu sein, mich selbst überhaupt kennenzulernen. 

Depression ist eine Krankheit, die jeden treffen kann – allein in Deutschland leiden schätzungsweise über vier Millionen Menschen an ihr. Knapp über zehn Prozent der Deutschen geben an, an einer chronischen Depression zu leiden. Frauen geben sich in der Regel häufiger als Betroffene zu erkennen als Männer.

Ohne dich, Depression, hätte ich das nicht geschafft. Damit du endlich aufhören konntest, mich zu quälen, musste ich mich zwingen, an meinen wahren Problemen zu arbeiten, mein Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein aufbauen. Obwohl es manchmal viel bequemer gewesen wäre, einfach nur heulend mit dir zusammen in meinem Bett zu liegen und einfach nicht mehr aufzustehen.

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Ich hoffe, du wirst mich nie wieder langfristig begleiten

Obwohl ich dich niemals gebeten habe, zu kommen, geschweige denn so eine lange Zeit mit mir zu verbringen, bin ich trotzdem dankbar, dass es dich gab. Ohne dich wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin.

Heute habe ich einen festen Job, einen Partner, Freunde, Interessen. Ich habe mein Leben im Griff.

Und obwohl du manchmal noch vorbeikommst, Depression, weiß ich, dass die Besuche nur kurz sind. Dass sie Signale dafür sind, dass sich wieder eine Baustelle in meinem Leben auftut, an der ich arbeiten kann – denn nun weiß ich, wie. Und nach ein paar Stunden oder Tagen kann ich dich wieder bitten, zu gehen.

Deswegen möchte ich sagen: Danke, Depression, dass es dich gab. Ich hoffe, du wirst mich nie wieder langfristig begleiten müssen. 

Deine Helene

Hinweis der Redaktion: Wenn ihr selbst betroffen seid oder mehr Informationen zum Thema Depressionen einholen wollt, könnt ihr euch an die Deutsche Depressionshilfe wenden. Telefonisch erreicht ihr die Experten unter 0800 / 33 44 533.

Dieser Text wurde aufgezeichnet von Agatha Kremplewski.

(ujo)