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26/04/2018 16:28 CEST | Aktualisiert 26/04/2018 18:15 CEST

Brief einer Mutter an die Kollegen: Darum komme ich so oft zu spät

Euer Tag beginnt ganz anders als meiner.

kovaciclea via Getty Images
"Jeden Morgen hetze ich ins Büro." (Symbolbild)

Liebe Kollegen, 

ihr könnt es euch vermutlich nur schwer vorstellen. Denn viele von euch haben noch keine Kinder. Euer Morgen beginnt ganz anders als meiner. 

Vielleicht ist es euch auch noch gar nicht aufgefallen, aber oft komme ich ziemlich abgehetzt ins Büro. Und oft auch ein paar Minuten zu spät. 

Das hat einen simplen Grund: Jeden Morgen hält meine fast 4-jährige Tochter Mila mich davon ab, das Haus zu verlassen. 

Das macht sie natürlich nicht absichtlich. Sie weiß nicht, was es heißt, zu spät zu kommen. Sie versteht nicht, warum es für mich wichtig ist, die Wohnung pünktlich zu verlassen. Und Sätze wie ‘Ich muss jetzt los’ sind ihr egal.

Für Mila zählt nur der Moment. Nur ihr Bedürfnis. 

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Heute Morgen zum Beispiel. Eigentlich war alles wunderbar. Sie war gut gelaunt. Dann zog ich meinen Labello aus der Hosentasche und cremte meine Lippen ein. Als Mila das sah, fiel ihr wieder ein, dass sie ja auch unbedingt einen Lippenstift haben möchte. Denn ihre Kindergartenfreundin Hannah hat schon einen. 

Meine Tochter fing an zu weinen

“Mama, wann kaufst du mir einen Lippenstift?”, fragte sie mich. Und ich sagte, dass ich nicht vorhabe, das zu tun. 

Daraufhin wurde sie ziemlich wütend: “Hannah hat aber auch einen”, fing sie an zu schimpfen. 

Sie steigerte sich immer mehr in das Thema rein und fing schließlich an zu weinen. Ich versuchte sie zu beruhigen und sagte ihr, dass ich darüber nachdenken werde, ihr bald einen Lippenstift zu kaufen. 

Während wir diskutierten, spannte sich mein Körper immer mehr an. Denn mir wurde bewusst: Ich komme mal wieder zu spät. 

Ich nahm sie auf den Schoß, küsste und drückte sie – und ihr Lachen kam wieder zurück. 

Vielleicht liegt ihr noch im Bett, während ich Tränen trockne

Diese Szenen spielen sich bei mir jeden Morgen ab – weil sich Mila einen Lippenstift wünscht, weil sie nicht Zähne putzen will, weil sie unbedingt noch ihre Puppe anziehen muss, bevor sie frühstücken kommt. 

Jeden Tag gibt es einen anderen Grund. 

Vielleicht liegt ihr noch im Bett, während ich Tränen trockne.

Vielleicht dreht ihr euch gerade noch mal um, wenn ich Mila davon überzeuge, dass sie ihre Hände waschen soll, wenn sie auf dem Klo war. 

Vielleicht steigt ihr gerade entspannt in die U-Bahn ein, wenn ich die Tür hinter mir schließe und die Treppen herunter renne.  

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Bei vielen von euch beginnt der Tag ganz anders als bei mir.

Liebe Kollegen, wenn ich das nächste Mal zu spät komme und erst einmal fünf Minuten durchatmen muss, dann denkt daran: Ich habe heute morgen einer kleinen Dame gezeigt, dass ihre Mutter nicht einfach aus der Tür stürmt, wenn sie eine Krise hat. 

(ks)