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05/10/2018 22:22 CEST | Aktualisiert 05/10/2018 22:22 CEST

Brief an meine Mutter, die meint, die Araber seien an allem Schuld

Ich will deinen Missmut verstehen, ohne ihn zu verstärken.

Godong/UIG via Getty Images

Liebe Mama,

ich schreibe dir diesen Brief nicht, weil ich dir etwas unterstellen will. Ich nenne dich weder dumm noch einen Nazi. Ich glaube nicht, dass deine Meinung unwichtig ist oder dass es dir nicht erlaubt sein dürfte, sie zu äußern.

Ich schreibe diesen Brief, weil ich dennoch manchmal nicht weiß, wie ich mit dir reden soll und wie ich manche deiner Äußerungen noch respektieren kann. Denn viele Dinge, die du über Menschen anderer Kulturen, vor allem über arabische, sagst, sind voreingenommen, verallgemeinernd, manchmal geradezu hasserfüllt. 

Man könnte sagen: Manchmal sagst du Dinge, die rassistisch sind. Weil du scheinbar alles Schlechte dieser Welt auf deine arabischen Nachbarn, die türkischen Jugendlichen im Park oder Kopftuch tragende Frauen schieben willst.

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Wenn etwas schiefgeht, schiebst du es “den Türken” in die Schuhe

Vor ein paar Wochen zum Beispiel hast du mir erzählt, dass bei euch im Park nebenan plötzlich Fleischstücke am Wegrand lagen. Für dich als Hundebesitzerin ist das natürlich ein alarmierendes Signal – jemand könnte Giftköder ausgelegt haben.

Das ist natürlich furchtbar. Aber da du nicht gesehen hast, wer die Fleischstücke ausgelegt (oder vielleicht nur fallen gelassen) hat – wieso gehst du davon aus, dass es “wieder mal die Türken” waren? Denn genau das hast du gesagt:

 “Die verdammten Türken haben bestimmt das Fleisch im Park ausgelegt.” 

Ich vermute, hier hast du ein paar Klischees zusammengeworfen – Jugendliche, die im Park herumhängen, Döner essen, ihren Müll herumliegen lassen, plus das Stereotyp vom Hunde hassenden Araber/Türken (scheint für dich ja irgendwie dasselbe zu sein). 

Du magst deine Nachbarin nicht – auch, weil sie Kopftuch trägt

Auch schimpfst du regelmäßig auf deine Nachbarin, die tatsächlich kein netter Mensch zu sein scheint. Sie grüßt nicht, hat dich wegen einer Bagatelle tatsächlich schon einmal beschimpft und ihre Kinder sind sehr laut, wenn sie vor deinem Fenster spielen.

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Das alles verstehe ich, denn das würde mich auch stören. Das würde mich allerdings nicht mehr oder weniger stören, weil die Nachbarin ein Kopftuch trägt. Für dich scheint ein Konflikt mit diesem Merkmal zu stehen und zu fallen. 

In einem ruhigen Moment sagst du, du könntest dich nicht mit der Kultur dieser Frau identifizieren – und meinst damit allerdings ihre alltägliche Verhaltensweise, denn ihre Kultur kennst du nicht. Außer, dass du ihr Kopftuch siehst. 

In einem weniger ruhigen Moment schreist du mich an, wenn ich sage: “Nenn die Frau doch nicht immer so abfällig ‘die Araberin’, du weißt doch nicht mal, wo sie herkommt, du kennst die Frau doch gar nicht.”

Dann motzt du: “Wie soll ich die denn sonst nennen? Die trägt doch Kopftuch, dann ist sie doch Araberin?

Und ich antworte: “Nicht zwangsweise. In jedem Fall ist sie aber eine ‘Frau’ oder deine ‘Nachbarin’, so kannst du sie doch auch nennen.”

Du findest mich kleinkariert und arrogant

Wenn ich so antworte, nennst du mich arrogant. 

Wenn ich sage “Du kannst doch nicht alle Türken, Araber und alle, die so ähnlich aussehen, in einen Topf werfen, nur weil du eine unfreundliche Nachbarin hast oder ein paar Jungs im Park dich nerven”, nennst du mich kleinkariert. 

Wenn ich finde, dass du solche Sätze wie “Schwarze Menschen haben eine gute Kultur, Araber nicht” eigentlich nicht sagen kannst, weil du einer Hautfarbe keine Kultur unterstellen kannst, sagst du, ich akzeptiere deine subjektive Meinung nicht.

Und ganz ehrlich: Es fällt mir tatsächlich schwer, eine “subjektive Meinung” zu akzeptieren, wenn sie Unwahrheiten propagiert.

Ich weiß, dass ich mich durch mein akademisch geprägtes und internationales Umfeld in einer Blase befinde. In meiner Welt ist es meist selbstverständlich, dass wir Menschen nicht nach Hautfarbe, Herkunft oder Kultur bewerten. Oder dass wir es hinterfragen, sollten wir es doch tun.

Wir leben in zwei verschiedenen Welten

In meiner Welt mache ich die negativen Erfahrungen, die du beschreibst, meist nicht. Oder ich nehme sie anders wahr und interpretiere sie anders. Meine Kopftuch tragende Nachbarin grüßt mich ganz normal. Türkisch sprechende Jungs, die an der Tankstelle gegenüber herumhängen, interessieren mich nicht, solange sie mich nicht direkt ansprechen oder gar beleidigen. Und ob du es glaubst oder nicht – in den meisten Fällen tun sie das nicht. 

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Wenn etwas schiefgeht, sei es in meiner direkten Umgebung oder irgendwo in Deutschland, glaube ich nicht, dass “die Türken”, “die Araber”, “die Muslime”, “die Flüchtlinge” oder sonst eine Gruppe daran schuld ist. Natürlich können einzelne unfreundliche Menschen, Störenfriede oder gar Kriminelle zu diesen Gruppen gehören. Aber ich habe, anscheinend im Gegensatz zu dir, nicht genügend negative Erfahrungen gesammelt, um mich auf solche Schlussfolgerungen zu versteifen. 

Mehr Angst als arabisch- oder türkischstämmige Menschen in Deutschland macht mir die gereizte Stimmung gegenüber Ausländern. Das “Kanaken-Klatschen” in Chemnitz. Die Demonstrationen in Köthen. Die Neonazis in Dortmund. Die Tatsache, dass die AfD bei Umfragen als zweitstärkste Partei abschneidet.

Deutschland scheint sich in zwei Gruppen von Menschen aufzuteilen: Diejenigen, die Angst haben vor Ausländern, die ihre “subjektive Meinung” über nachvollziehbare Fakten stellen und die sich von “denen da oben” nicht mehr verstanden fühlen. Und jene, die kulturelle Offenheit und faktenbasierte Diskussionen verteidigen.

Deutschland teilt sich auf, in Menschen wie dich und Menschen wie mich. Und irgendwie müssen wir miteinander wieder ins Gespräch kommen.

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Selbst wenn wir in zwei verschiedenen Welten leben, selbst wenn wir verschiedene politische Meinungen haben – ich will dich deswegen nicht verlieren. 

Wie können wir nun miteinander reden, ohne Hass?

Wie können wir uns nun wieder einander nähern, liebe Mama? Denn ich will deinen Missmut verstehen, ohne ihn zu verstärken. Ich will keine Verallgemeinerungen unterstützen, aber dir gleichzeitig das Gefühl geben, eine relevante Meinung zu haben. Ich will allerdings auch nicht ständig als der überhebliche Snob angegriffen werden, wenn ich etwas unlogisch oder kurzsichtig finde.

Wir repräsentieren zwei Fronten in Deutschland – und wir werden sie nicht so schnell vereinen können. Aber wir beide können uns gemeinsam an einen Tisch setzen und unsere Probleme diskutieren, diesen Riss kitten. Vielleicht ist das der erste Schritt, um auch größere Auseinandersetzungen zu lösen.

Deine Kristin*

*Name wurde von der Redaktion geändert.

(nc)