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20/04/2018 10:48 CEST | Aktualisiert 20/04/2018 10:59 CEST

Brief an alle, die Alleinerziehende verurteilen

Ich habe mir eine gemeinsame Zukunft mit meinem Mann gewünscht.

Giselleflissak via Getty Images
"Wir tun das für unsere Kinder. Wir tun das mit vollem Einsatz und von ganzem Herzen." (Symbolbild)

Als ich meinen Mann kennen lernte, wollte ich eigentlich das, was die meisten Menschen wollen, wenn sie sich kennen lernen: eine gemeinsame Zukunft, gemeinsam alt werden.

Daraus wurde: alleinerziehend.

Das stand niemals auf meiner Liste (und ja, ich wage zu behaupten, dass das bei keiner Alleinerziehenden auf der Liste stand, auch bei dem geringen männlichen Anteil nicht).

Was alleinerziehend sein wirklich bedeutet

Jetzt ist es so und heute will ich mir von der Seele schreiben, was das bedeutet.

Alleinerziehend heißt:

  • Je jünger die Kinder sind, desto weniger steht dein Wohl im Vordergrund. Kinder werden als Egoisten, als hilflose Nestflüchter geboren, nur so können sie überleben. Heißt im Klartext: erst das Kind, dann du. Hast du mehrere Kinder, multipliziert sich das.
  • Egal, wann du ‘Mamaaa’ hörst, du musst ran. Nie, nie, nie kannst du sagen: ‘Schatz, kümmerst du dich bitte drum?’
  • Hörst du das ‘Mamaaa’ nachts, weißt du, dass es jetzt ernst wird. Rumdrehen, weiter schlafen – Fehlanzeige. Entweder musst du das Kind zur Toilette führen, ins Bett geleiten, weil es schlafwandelt, Alpträume mildern, Monster negieren, Bettwäsche wechseln oder den Kotzeimer halten. Andere Ursachen nicht ausgeschlossen.
  • Du bist immer und alleiniges Vorbild. Du stehst immer unter Beobachtung. Auch wenn du krank bist.
  • Du weißt ganz genau, dass die Wäsche geduldig auf dich wartet, auch nachts.
  • Du bist all den Launen, Wutausbrüchen und Anfeindungen schutzlos und alleine ausgeliefert.
  • Dass du alle Kontrollarzttermine definitiv nicht zum notwendigen Zeitpunkt ausmachst.
  • Du weißt, dass du die Rechnungen komplett alleine bezahlt musst.
  • Du weißt, dass der Papierkram einzig und allein deine Sache ist.
  • Du musst dich allen Themen stellen.
  • Bereiche wie Müll, Auto, Lampen anschließen, Wände streichen, Bäume absägen oder Schränke umstellen, uvm. können dich nicht mehr herausfordern.
  • Du stehst, egal wo, an der Kasse und siehst, dass Familientickets grundsätzlich günstiger sind als ein Ticket Erwachsener plus zwei Kinder.
  • Falls du es dir jemals leisten kannst in einem Hotel zu übernachten, zahlt Kind eins den Erwachsenenpreis.
  • Dass man auf Steuerrückerstattungen meist verzichten muss. Wenn zwei Verdiener zusammen veranlagt werden, kann es eine ganz passable Rückerstattung geben. Für Alleinerziehende, nun ja, reden wir nicht drüber.
  • Dass du nicht wirklich für deine Freunde flexibel einsetzbar bist. Musst du doch immer erst die Kinder organisieren.
  • Dass du weißt, wenn dir die Stadt einen Brief schreibt, dass deine Hecke zu weit in den Radweg ragt, du sie selbst schneiden und entsorgen musst.
  • Deine Sorgen, Ängste und Nöte machst du grundsätzlich mit dir selbst aus.
  • Hobbys haben sich minimiert.
  • Dass du – falls du überhaupt Zeit und Muße hast, jemanden zu daten – das immer mit Sicherheitsnetz und doppeltem Boden tust.
  • Dass du Schweißausbrüche beim Thema Kindergeburtstag bekommst, erst recht wenn du keinen Bus fährst.
  • Dass du, wenn du verwitwet bist, Glück im Unglück hast, wenn Witwen- und Waisenrente zusammen ungefähr den Unterhalt ergeben.
  • Dass du dich jeden Tag mit dem Thema Familie auseinander musst. Mit dem Thema Partnerschaft. Im schlimmsten Fall zusätzlich zum Alltag mit dem Thema häusliche Gewalt, Unterhalt, Hochstrittigkeit auf der Elternebene Umgang, Gerichtsverfahren, Gerichtskosten oder der Angst, die Kinder ans andere Elternteil zu verlieren.
  • Einsamkeit
  • Alles mit sich ausmachen zu müssen.
  • Die Verantwortung für alles komplett alleine tragen zu müssen.
  • Ausgeschlossen zu werden.
  • Verurteilt zu werden.
  • Wenn frau arbeitet, zu wissen, dass man bei der Arbeit alles gibt, und es zuhause dann an Kraft fehlt.
  • Nie allem gerecht werden zu können.
  • Oft auf dem letzten Loch zu pfeifen.
  • Trotzdem schwer um Hilfe bitten zu können.
  • Oft zu hören, dass andere Kinder das aber haben, können, dürfen.

Mehr zum Thema: Warum ich den Vater meines Kindes hassen darf

Alleinerziehend und krank heißt:

  • Dass du all die Dinge des Alltags trotzdem erledigen musst. Den Kühlschrank interessiert es nicht, ob du die Grippe hast.
  • Dass du überlegen musst, ob du das Gezeter deines Kindes noch länger erträgst (du hast das ja schon aufgeschoben) oder ob du jetzt mit ihm endlich zum Frisör fährst und damit eventuell einen Konflikt mit deinem Arbeitgeber riskierst.
  • Deine Wärmflasche und deinen Tee musst du selbst machen.
  • Dass du kochen musst, obwohl dir kotzübel ist.
  • Dass du die dringend benötigte Ruhe zu deiner Genesung nicht bekommen wirst.
  • Dass du demjenigen an die Gurgel springen willst, der dir sagt: ‘Deine Gesundheit sollte es dir wert sein.’
  • Dass die einzige Zeit, in der du zur Ruhe kommst, die Zeit ist, zwischen Bringen und Abholen der Kinder zur Schule oder Kiga. Im schlimmsten Fall ist das zwischen 8:35 und 11:20 Uhr.
  • Dass du dem Arzt an die Gurgel springen willst, der sagt, dass du Ruhe und Zeit brauchst und etwas für dich tun sollst.

Lest das, bevor ihr Alleinerziehende verurteilt 

Alleinerziehend zu sein ist ein täglicher Kraftakt, egal wo. Es beinhaltet aber auch Freiheit bis zu einem gewissen Grad.

Und wir wissen am Ende eines jeden Tages, was wir geleistet haben.

Mehr zum Thema: Ich bin keine schlechte Mutter, nur weil ich arbeiten gehe - hört auf, mich dafür zu verurteilen

Das wichtigste Mittel für uns Alleinerziehende, um unsere Kontakte zu pflegen, ist das Handy, manchmal die einzige Verbindung zur Außenwelt. 

An dieser Stelle geht ein großer Dank an all die alleinerziehenden Mädels in meiner Freundesliste. Danke fürs Zuhören, Lesen, Ermutigen, Dasein.

Wir tun das für unsere Kinder. Wir tun das mit vollem Einsatz und von ganzem Herzen.

Ich möchte hiermit eine Lanze für alle Alleinerziehenden brechen. 

Für alle anderen: Lest das, bevor ihr Alleinerziehende verurteilt. Fragt, ob sie Hilfe brauchen, manchmal reicht eine Umarmung, ein liebes Wort.