POLITIK
16/02/2018 17:19 CET | Aktualisiert 16/02/2018 22:09 CET

Thorntree ist die Brexit-Hauptstadt – nun kommen den Menschen dort erste Zweifel

"Die Mehrheit hat nun das Gefühl, dass sie nicht das bekommen hat, was sie wollte."

CHRIS BOOTH FOR HUFFPOST UK
Geschäfte im Vorort Thorntree von Middlesbrough.
  • Der kleine Vorort Thorntree ist so etwas wie die Brexit-Hauptstadt: Nirgendwo war der Anteil der Stimmen für den EU-Austritt höher
  • Haben die Menschen ihre Meinung geändert? Ein Ortsbesuch

“Ich denke, viele Menschen fühlen sich definitiv betrogen”, sagt Linda Kime.

Die 56-Jährige nippt an ihrem Tee. Wir sprechen mit ihr über den Verlauf der Brexit-Verhandlungen und den Plänen von Theresa May, der britischen Premierministerin.

Kime leitet ein Gemeindezentrum in Thorntree, einem kleinen Vorort von Middlesbrough im Nordosten von England. 

► Thorntree ist vor allem durch eines bekannt: Nirgendwo sonst haben mehr Briten für den Brexit gestimmt als dort. 83 Prozent der Wähler wollten die EU verlassen.

Ich will heute aber nicht über das Referendum sprechen. Sondern über die heftigen Zahlen der geleakten Brexit-Analyse der Regierung.

Wem der Brexit am meisten schaden wird

Der Bericht zeigt auf:

Die Region North East England wird um 16 Prozent weniger wachsen in den 15 Jahren nach dem Brexit, wenn es zu keinem Deal mit der EU kommt (der sogenannte harte Brexit).

Sie wird um 11 Prozent weniger wachsen, wenn es ein Freihandelsabkommen zwischen EU und Großbritannien gibt …

… und um 3 Prozent weniger, wenn Großbritannien Teil des EU-Binnenmarkts bleibt (der sogenannte weiche Brexit).

Eine Erkenntnis der Analyse ist auch: Die Regionen, die den Brexit am meisten unterstützt haben, werden am meisten darunter leiden.

Wird das die Meinung der Brexit-Wähler ändern? 

Wollten die Menschen diesen Brexit?

CHRIS BOOTH FOR HUFFPOST UK
Linda Kime im Thorntree Community Hub.

“Ich denke, dass es eine sehr schwere Entscheidung war”, sagt Kime über das Referendum. “Und obwohl die Menschen eine bittere Pille schlucken mussten, hat die Mehrheit nun das Gefühl, dass sie nicht das bekommen hat, was sie wollte.”

Sie erzählt: “Zu mir sind Leute gekommen, die gesagt haben: ‘Ich habe nur für den Brexit gestimmt, weil auf dem großen roten Bus stand, dass all das Geld in das Gesundheitssystem fließen würde’.” 

Mittlerweile sei einigen klar geworden: “Es waren nur Lügen.”

Paul J. J. Welfens, Ökonom an der Universität Wuppertal und Autor des Buchs “Brexit Aus Versehen”, geht auch davon aus, dass die Brexit-Befürworter ihre Meinung nun langsam ändern könnten:

“Je stärker regional konkretisiert Brexit-Kosten den Wählern im Vereinigten Königreich erscheinen, um so weniger abstrakt erscheint die Debatte”, sagt Welfens der HuffPost. 

Die neuen Ergebnisse der Brexit-Analyse “erhöhen sicherlich in Nord-England die Stimmenanteile gegen den Brexit.”

Die unerwarteten Brexit-Auswirkungen

CHRIS BOOTH FOR HUFFPOST UK
Jackie Webb geht davon aus: Die Menschen ändern ihre Meinung.

Jackie Webb stimmt zu: Veränderung liege in der Luft. Die 58-jährige Trauerassistentin in einem Obdachlosenheim und frühere Krankenschwester sagt:

“Ich glaube, die Einstellung der Menschen hat sich seit der Abstimmung langsam verändert.”

Und fügt hinzu: “Ich glaube nicht, dass ihnen die Auswirkung, die diese Entscheidung haben kann, wirklich bewusst war.”

Den Menschen werde klar, dass der Brexit nicht nur ihre Verwandtschaft betreffe. “Es geht um unsere Kinder und deren Kinder”, betont Webb.

Brexit-Wähler: “Ich habe die Medien abgeschaltet”

CHRIS BOOTH FOR HUFFPOST UK
Bereut es nicht, für den Brexit gestimmt zu haben: Lehrer Rawlings.

Aber während der Bericht über die wirtschaftlichen Folgen des Brexits Schockwellen durch die Londoner Regierungsviertel gejagt hat, haben es viele außerhalb dieser Blase nicht zur Kenntnis genommen.

Es gibt eine Spaltung zwischen der Elite in London und der Bevölkerung im North East England. Das merke ich, als ich mit Gavin Rawlings rede.

Auf die Frage, wie die Brexit-Verhandlungen aus seiner Sicht laufen, antwortet der Lehrer: “Ich habe seit Juni letzten Jahres keine Nachrichten mehr geschaut. Ich habe die Medien komplett abgeschaltet.”

Die Nachrichten würden ihn nicht interessieren, sagt er. 

Die Londoner Blase

Rawlings sieht sich und seine Mitmenschen nicht in den Medien repräsentiert. 

“Ich glaube, was die Brexit-Abstimmung zeigt, ist der massive kulturelle Unterschied zwischen dem Norden und London”, erklärt der Lehrer.

Die Medien in diesem Land präsentieren die Dinge aus dem Londoner Blickwinkel. In jeder Werbung, die ich sehe, ist eine gemischte Familie zu sehen – und das ist hier oben einfach nicht der Fall.”

Für ihn fühle es sich an, als ob den Menschen hier in der Region “Multikulti” aufgezwungen werden.

“Es wird schlimmer, bevor es besser wird”

Rawlings bereut nicht, für den Brexit gestimmt zu haben. Egal, was noch passiert.

Denn, so erklärt er: “Dinge werden immer erst schlimmer, bevor sie besser werden. Wir werden in einer viel besseren Position sein, wenn wir aus der EU raus und frei von Brüssel sind”, sagt der Mann mit Überzeugung.

Es gebe “da draußen” Märkte wie in Neuseeland oder Australien, denen würde bei dem Gedanken, mit Großbritannien handeln zu können, das Wasser im Mund zusammen laufen. 

Auf die Frage, was das verlorene Wachstum ausgleichen soll, sagt Rawlings, mit einem optimistischen Achselzucken: “Wer weiß. Es gibt viele kleine, risikobereite Unternehmen hier draußen.” Der Nordosten Englands sei wettbewerbsfähig. 

Gefragt, ob die Brexit-Abstimmung aus seiner Sicht eine unfaire Wahl war, sagt er: “Es ist genau das Gleiche wie bei einer Parlamentswahl, beide Seiten erzählen Lügen.”

“Dann treten wir wieder in die EU ein” 

CHRIS BOOTH FOR HUFFPOST UK
Hat für den Brexit gestimmt: Ian Perkins.

Ian Perkins ist ein weiterer Brexit-Unterstützer, der seine Entscheidung nicht bereut.

Der 62-Jährige passt auf den Laden seiner Frau auf, während sie im Krankenhaus wegen ihrer Krebserkrankung behandelt wird.

“Ich habe für den Brexit gestimmt, weil ich mehr Geld für das Gesundheitssystem wollte”, sagt er. Und er habe für den EU-Ausstieg votiert, “damit die Politiker wieder direkt verantwortlich gemacht werden können, wenn etwas falsch läuft.”

Es gebe in der Region keine Jobs. Mit dem Brexit soll das besser werden – vielleicht.

“Wir sind ein tolles Land.” Perkins glaubt, “wir sind außerhalb der EU besser aufgehoben.” Er sagt aber auch: “Wenn es anfängt, richtig schief zu gehen, können wir ja auch wieder in die EU eintreten.”

Ökonom Welfens erklärt der HuffPost:

Politische Wahlverhaltensanalysen zum EU-Referendum 2016 in Großbritannien zeigten:

► Relativ geringer Bildungsgrad gehe einher mit Einschätzung, dass es Großbritannien wirtschaftlich außerhalb der EU besser gehen werde als jetzt in der EU

Dazu kommt: “Die Regionen in Nord-England haben relativ hohe Anteile an Industriearbeiterschaft, was zu hohen Brexit-Stimmanteilen in diesen Regionen passt.”

Es geht um Macht – und Kontrolle

Der Brexit sei keine simple Angelegenheit über Jobs und Handel, sagt der Lehrer Rawlings. Es gehe um Macht – und wer sie hat.

“Mir hat es nicht gefallen, dass so viele Kompetenzen nach Brüssel abgegeben wurden”, sagt er. “Das sind komplett namen- und gesichtslose Menschen, die Entscheidungen treffen, die das Leben von allen in diesem Land beeinflussen.”

Er sei froh, diesen Menschen nun den Rücken zuzuwenden. “Ich wollte mehr Freiheit für unser Land, auf der nationalen und der regionalen Ebene”, sagt Rawlings.

Aber selbst das reicht ihm noch nicht. “Ich will noch einen Schritt weitergehen und nicht nur aus Brüssel, sondern auch aus London Kompetenzen abziehen”, betont er.

Sich die Kontrolle zurückholen – das war eines der entscheidendsten Motive während der Brexit-Kampagne. Sich die Kontrolle zurückzuholen ist wie ein Impuls für die Menschen in North East England.

Der Stolz hat gelitten

Offizielle Statistiken zeigen, dass die Region die höchsten Kürzungen an Staatsausgaben in den vergangenen fünf Jahren miterlebt hat. 

Der Stolz North East Englands leidet immer noch darunter, dass die örtlichen Stahlwerke 2015 zugemacht haben. Damit ging eine 170-jährige Tradition von Stahlproduktion in der Region um Middlesbrough zu Ende.

Und: Die Schließung hat 2.200 Jobs gekostet.

Getty
Middlesbrough wurde wirtschaftlich hart getroffen in den vergangenen Jahren.

Mit dem Brexit könnten weitere Arbeitsplätze verloren gehen. Selbst der japanische Botschafter in Großbritannien, Koji Tsuruoka, warnte, dass ein schlechtes Handelsabkommen mit der EU schwere wirtschaftliche Folgen für Großbritannien haben werde.  

Die japanischen Unternehmen Hitachi und Komatsu beschäftigen tausende Menschen in der Region – und ihre Zulieferer genauso.

Der größte Arbeitgeber im Nordosten ist der staatliche Gesundheitsdienst. Der größte Arbeitgeber im Privatsektor ist die Autofabrik von Nissan in Sunderland mit mehr als 6.000 Arbeitnehmern. Die meisten von ihnen haben für den Brexit gestimmt.

Die Arbeitslosigkeit in North East England ist mit 5,2 Prozent vergleichsweise hoch – und doch exportiert keine britische Region mehr in die EU.

Sollte es noch eine Abstimmung geben?

Aber der Optimismus ist bei den Menschen groß – sowohl bei den Befürwortern als auch bei den Gegnern des Brexit.

Die Leiterin des Gemeindezentrums in Thorntree, Linda Kime, die für den Verbleib gestimmt hat, sagt: Die Region habe auch die Deindustrialisierung der Thatcher-Ära überlebt.

“Die Widerstandsfähigkeit hat sich über viele Jahre aufgebaut”, sagt sie. “Wir wissen nicht, was morgen passiert. Aber wir müssen mit der Situation klarkommen.”

Die Idee, eine weitere Abstimmung zu machen, tauge nichts, glaubt sie.

“Ich finde nicht, dass es eine zweite Chance für eine Abstimmung geben sollte. Die Menschen haben ihre Entscheidung getroffen”, betont Kime.

Ein Referendum über den zweiten Deal

Jude Kirton-Darling, eine Europaparlamentsabgeordnete der sozialdemokratischen Labour Party aus dem Nordosten, sieht das ähnlich: “Ich glaube nicht, dass es ein Verlangen nach einem zweiten Referendum zu derselben Fragestellung gibt.”

Sie sagt aber auch: Das Verlangen steige, dass die Menschen vor einem finalen Abkommen noch einmal mitreden dürfen. Womöglich mit einem weiteren Referendum.

Hinter verschlossenen Türen höre die Abgeordnete von Unternehmen in der Region, dass die Konzerne auch Notfallpläne in der Taschen haben – die auf dem denkbar schlechtesten Ausgang der Brexit-Verhandlungen basieren. 

“Es gibt einen Punkt, an dem der Brexit unvermeidbar wird”, betont Kirton-Darling. 

Dann werden die Unternehmen womöglich ihre Produktion verlagern. Daher müssten die Politiker die Menschen nun über die wirtschaftlichen Folgen des Brexit aufklären. 

Damit es kein böses Erwachen gibt.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der britischen Ausgabe der HuffPost und wurde von Dominik Guggemos übersetzt und von Leonhard Landes bearbeitet und ergänzt.

(mf)