POLITIK
15/01/2018 18:50 CET | Aktualisiert 16/01/2018 16:42 CET

Klassenkampf: In den Brennpunktschulen scheitert die Politik

Das deutsche Schulsystem ist hochgradig ungerecht - die Folgen sind dramatisch. Ein Appell für eine radikal neue Schulpolitik

NORBERT MICHALKE VIA GETTY IMAGES
Brennpunktschulen haben häufiger ein Gewaltproblem
  • An Brennpunktschulen ist die Situation dramatisch
  • Sie müssen endlich stärker gefördert werden

Die Spaltung Deutschlands beginnt schon im Klassenzimmer.

Auf der einen Seite gibt es Schulen, wo kaum Unterricht ausfällt. Die Schüler von den Eltern Hilfe bei den Hausaufgaben bekommen. Wo die Anmeldeliste beim Elternsprechtag mehrere Seiten lang ist.

Auf der anderen Seite gibt es die Schulen, wo kaum ein Lehrer arbeiten will. Wo kein Kind mehr richtig Deutsch spricht, wo mehr Unterricht ausfällt als abgehalten wird. Wo Eltern ihre Kinder kaum fördern.

“In vielen Haushalten steht nicht ein einziges Buch”

Zugespitzt gesagt: Deutschland ist ein Zweischulenland.

Auf die einen Schulen gehen diejenigen, die später gute Chancen auf beruflichen Erfolg haben. Auf die anderen Schulen gehen diejenigen, die mit großer Wahrscheinlichkeit sozial auf der Strecke bleiben.

Vor allem in den Großstädten entsteht ein immer größerer Graben zwischen den Schulen in wohlhabenden Vierteln und in sozialen Brennpunkten.

Olaf Schäfer, Lehrer an einer Brennpunkt-Grundschule in Berlin beschreibt die aktuelle Situation in der Hauptstadt gegenüber der HuffPost so

“Unseren Schülern fehlen oft die elementarsten Fähigkeiten und Einstellungen. Denn materielle Armut geht oft auch mit kultureller Armut einher. In vielen Haushalten unserer Schüler steht nicht ein einziges Buch.”

Mehr zum Thema: Gewalt, Rassismus, Beleidigungen: So schlimm steht es um deutsche Grundschulen

Um die Chancengleichheit in Deutschland ist es schlecht bestellt

Wer arm ist bleibt so meist arm, wer wohlhabend ist, hat gute Chancen noch wohlhabender zu werden.

Kein Wunder, dass die OECD beklagt, dass es in kaum einem Industrieland um die Chancengleichheit so schlecht bestellt ist wie in Deutschland.

Aber auch für die Lehrer hat die soziale Herkunft ihrer Schüler Folgen. Schäfer schildert seinen Alltag so: “Die Hälfte unserer Arbeitszeit verbringen wir damit, die Kinder auf ihren Plätzen zu halten, Streit zu schlichten, Nasen zu putzen, Schuhe zu binden und ansonsten bürokratische Dinge zu erledigen.”

Der Unterricht fällt hinten runter. Die Kinder auch.

Schulen müssen unterschiedlich ausgestattet werden

Aber muss das so sein? Nein!

Denn es gäbe ein vergleichsweise einfaches Mittel, um gegen den Schulnotstand in Deutschland vorzugehen: Nämlich die Schulen in sozialen Brennpunkten endlich stärker zu fördern, als die Schulen im gesellschaftlichen Lummerland.

Die Wochenzeitung “Die Zeit” brachte die Mittelverteilung im deutschen Schulsystem vor kurzem so auf den Punkt:

“Wer hat, dem wird gegeben, sagt die Bibel. In der Schule gilt dieses Matthäus-Prinzip manchmal doppelt: Wer Geld hat, erhält weiteres hinzu; wer Probleme hat, bekommt zusätzliche Aufgaben obendrauf.”

Konkret bedeutet das:

► Lehrer an Brennpunktschulen müssten mehr verdienen als ihre Kollegen in reicheren Gegenden.

► Pro Schüler müssten an Brennpunktschulen mehr Lehrer arbeiten und die Klassen müssten im Vergleich zu anderen Schulen kleiner sein.

► Schulen in sozialen Brennpunkten müssten mehr Geld für Kurse, Lernmittel und Sozialarbeiter haben.

Aber wäre eine solche Ungleichbehandlung wirklich gerechtfertigt?

Wer die Situation an Brennpunktschulen und die Auswirkungen der aktuellen Schulpolitik betrachtet, der merkt schnell, dass die Antwort auf die Frage einfach ist: Ja, es ist Zeit die Schulen ungleich zu behandeln.

Denn...

► … Brennpunktschulen haben häufiger ein Gewaltproblem

Wie eine Umfrage unter 2000 Lehrern an Brennpunktschulen kürzlich zeigte, stieg die Gewalt besonders an Grundschulen in den fünf vergangenen Jahren an. Ein Fünftel der Befragten gab an, von Schülern angegriffen worden zu sein.

► … Brennpunktschulen leiden unter Ghettoisierung

Besonders in Großstädten lernen Kinder von Einwandererfamilien an sog. segregierten Schulen. Das bedeutet: Sie lernen meist mit anderen Schülern mit Migrationshintergrund.

Dasselbe gilt für wirtschaftliche Situation der Familien. Laut den letzten verfügbaren Zahlen aus dem Jahr 2014 kam zum Beispiel in Berlin jeder dritte Schüler aus einer Familie, die Sozialleistungen erhielt. Die Familien wiederum konzentrieren sich in bestimmten Stadteilen.

► … Schüler an Brennpunktschulen lernen schlechter

2017 wurden 56,5 Prozent der Grundschullehrer in Brennpunkten mit “Quereinsteigern” besetzt. Lehrer gehen bisher, wenn möglich, eher an Schulen in besseren Stadtteilen.

Wie eine Umfrage im Auftrag der “Zeit” ergab, fällt für Schüler aus armen Haushalten zudem der Unterricht besonders häufig aus.

Demnach fallen bei Schülern aus Haushalten mit einem Nettoeinkommen von unter 3.000 zwölf Prozent der Stunden aus - bei Schülern aus Haushalten mit einem Nettoeinkommen von mehr als 5.000 Euro liegt der Wert nur bei knapp drei Prozent..

► … Schüler an Brennpunktschulen scheitern häufiger

Eine Studie der Caritas ergab kürzlich, dass in Deutschland pro Jahr 47.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen, das sind fast sechs Prozent der Schulabgänger.

Unter Kindern mit Migrationshintergrund - und die kommen meist aus sozialen Brennpunkten - sind die Quoten doppelt so hoch.

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Die Folgen dieser Entwicklung sind verheerend. Denn Kinder, die in der Schule scheitern, müssen später häufig teuer durch das Sozialsystem unterstützt werden. Dem Arbeitsmarkt fehlen auf der anderen Seite dringend benötigte Fachkräfte.

Was passieren müsste?

Derzeit machen Hamburg und Berlin vor, wie dem Problem vielleicht beizukommen ist:

 In Berlin startete kürzlich das Projekt “School Turnaround“. Eine Zusammenarbeit der Robert-Bosch-Stiftung mit dem Berliner Senat. Außerdem hat der Senat in diesem Jahr weit mehr Geld speziell für Brennpunktschulen zur Verfügung gestellt.

► Brennpunktschulen werden damit von erfahrenen Schulexperten unterstützt. Sie arbeiteten wie eine Art Unternehmensberater, die Teamstrukturen veränderten, neue Schulleiter einsetzten und die Schulen berieten, wofür Fördergelder am besten eingesetzt werden.

► Lehrer an Brennpunkt-Schulen steigen auf Initiative des Senats jetzt vermehrt auf einer der höchsten Gehaltsstufen ein. Damit sollen erfahrene Lehrer an Brennpunktschulen gelockt werden.

► Weiter sollen Lehrer an Brennpunktschulen einen Bonus erhalten. Wenn mehr als 70 Prozent der Eltern der Schüler auf Sozialleistungen angewiesen sind, erhalten die Lehrkräfte eine Zulage von 300 Euro. Bei über 80 Prozent armer Kinder, wären es sogar 400 Euro.

 Über 3000 Lehrkräfte könnten davon profitieren.

 ► Um die Qualität des Unterrichts zu verbessern, sollen besonders die Quereinsteiger besser ausgebildet werden.

 So sollen Sie vier Wochen vor Beginn Ihrer Tätigkeit an einer Unterrichtsvorbereitung teilnehmen und die ersten zwei Monate zumindest ein Drittel ihrer Stunden zusammen mit ausgebildeten Lehrern gemeinsam unterrichten.

 ► Gleichzeitig hat der Berliner Senat nun mehr Geld bewilligt, um die Anzahl an Schulsozialpädagogen an Brennpunktschulen zu erhöhen.

 Und auch Hamburg geht das Problem der Brennpunktschulen verstärkt an.

 Die Schulbehörde der Hansestadt befragt alle fünf Jahre die Schüler und Eltern ob sie einen Rasenmäher haben, wir oft sie in Theater gehen, ob sie eine Zeitung abonnieren und natürlich, wie hoch das Haushaltseinkommen ist.

Danach wird errechnet, wie stark der Förderbedarf der Kinder und dementsprechend der Schule ist. Hieraus erstellt die Stadt dann einen Sozialindex, der bestimmt, wie groß die Unterstützung - an neuen Lehrern, Sozialarbeitern und Fördergeld - der jeweiligen Schule ist. Wie die “Zeit” berichtet, gibt derzeit kein Bundesland pro Einwohner mehr Geld für seine Grundschulen aus, als Hamburg.

► Die Klassen sind nie größer als 23 Kinder, in Brennpunktschulen sind es sogar nur 19.

► Gleichzeitig gibt es dort umfassende Sprachförderungskurse.

Es ist Zeit für einen Klassenkampf

Was die Vorgehensweisen von Berlin und Hamburg gemeinsam haben, ist eins: Sie beide setzen auf systematische Ungleichbehandlung. Dort, wo die Not am größten ist, gibt es die meiste Hilfe.

Denn Gleichbehandlung hat nichts mit Fairness zu tun.

Deshalb ist es Zeit für einen Klassenkampf an deutschen Schulen. Ein Zweiklassensystem ist nötig, um am Ende einen Klassenkampf in der Gesellschaft zu vermeiden.

Denn nur wenn die, die Hilfe am meiste benötigen, besser behandelt werden, erreichen wir, dass alle gleiche Chancen haben.

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Wie eine Schulpolitik aussehen kann, von der alle profitieren, darüber diskutieren wir diese Woche mit Lehrern, Forschern, Politikern und Eltern in der HuffPost.

Wenn ihr euch an der Debatte beteiligen wollt, dann schreibt uns unter Blog@huffpost.de.

(tb)