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16/01/2018 12:00 CET | Aktualisiert 18/01/2018 09:26 CET

In Deutschland wird oft nur Kindern geholfen, die keine Hilfe brauchen

Wer hat, dem wird gegeben – alle anderen bleiben auf der Strecke.

RICHLEGG VIA GETTY IMAGES
Viele Familien können ihren Kindern nicht einmal das Essen im Kindergarten bezahlen.

Alina Papke ist Kindergärtnerin in einem Brennpunktviertel im Ruhrgebiet. Die Familien dort haben kaum Geld, sprechen selten Deutsch und sind oft arbeitslos.

Hier schildert Papke ihren Alltag als Erzieherin und erklärt, warum Förderprogramme der Bundesregierung den Kindern nicht helfen - und warum es Kinder in reichen Stadtvierteln so viel einfacher haben.

Für sie ist klar: In Deutschland wird vor allem denen geholfen, die keine Hilfe benötigen – alle anderen bleiben zu häufig auf der Strecke.

Andauernd höre ich Sprüche wie: “Es wird so viel Geld für Bildung und für Integration ausgegeben, und nichts passiert.”

Dabei ist das Schwachsinn.

Ja, es werden Millionen in Bildungseinrichtungen gesteckt. Doch das Geld kommt nur selten dort an, wo es dringend gebraucht wird.

Das Mittagessen wurde billiger

Ich bringe mal ein Beispiel: Es gibt das sogenannte “Bildungs- und Teilhaberpaket” der Bundesregierung. Damit soll Familien mit einem geringen Einkommen geholfen werden, um beispielsweise das Mittagessen im Kindergarten zu bezahlen.

Der Preis für das Mittagessen wurde zwar um einen Euro gesenkt. Ein echter Fortschritt. Doch diesen einen Euro gab es für uns im Kindergarten nicht einfach geschenkt. Immerhin wohnen wir in Deutschland, der Heimat der Bürokratie.

Wir mussten eine ganze Menge Anträge bearbeiten, denn natürlich benötigt so etwas erstmal eine Genehmigung – in Zusammenarbeit mit den Eltern, dem Kindergarten und den Trägern.

Das meiste Geld landet in der Verwaltung

Bis das Amt diesen einen Euro pro Essen bewilligte, wurde bereits eine Menge Geld ausgegeben. Denn ein großer Teil des Geldes für das “Bildungs- und Teilhaberpaket” landet nicht etwa bei den Brennpunkt-Kindergärten oder den Eltern – sondern in der Verwaltung.

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Und das, obwohl dieser eine Euro bei uns im Brennpunkt sehr viel wert ist. Der Großteil der Kindergartenplätze ist sowieso schon vom Staat bezahlt – einfach weil die Eltern kein Geld haben.

Zahlen und Fakten zum Bildungs- und Teilhabepaket

► Das Paket soll 2,7 Millionen Kindern aus einkommensschwachen Familien helfen.

► Seit 2014 wurden etwa 531 Millionen Euro ausgegeben.

► 136 Millionen Euro gehen allein für die Verwaltung drauf.

► Der Verwaltungsaufwand ist so hoch, dass viele Menschen die Hilfe nicht annehmen.

► Es hat sogar dazu geführt, dass viele Projekte, die dadurch gefördert werden sollten, weniger Teilnehmer bekamen als zuvor.

► Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, will das Paket abschaffen. Er sagt in der “Süddeutschen Zeitung”, “diesen Murks kann man nicht reformieren.“

Man sieht das auch an dem, was die Eltern ihren Kindern zu Essen mitgeben. Am Anfang des Monats gibt es noch ein volles Frühstück und vielleicht sogar mal eine Milchschnitte, doch am Monatsende bleibt nur noch Geld für eine Scheibe Toast übrig.

Der eine Euro für das Mittagessen kann also wirklich helfen. Allerdings liegt es an uns, den betroffenen Eltern das komplizierte System zu erklären, das hinter der Idee steckt.

Denn was die Politik nicht versteht: In vielen Brennpunkten sprechen die Eltern oft kaum Deutsch. Wie sollen die diese ganzen Anträge ausfüllen?

Natürlich helfen wir ihnen dabei. Aber am Ende sind wir Erzieher es, die den Eltern hinterher rennen und dafür sorgen müssen, dass die Anträge ausgefüllt werden.

Wir müssen jeden Tag kämpfen

So sind alle unzufrieden. Wir haben mehr Arbeit, die Eltern haben mehr Stress, die Verwaltung frisst eine Menge Kohle und am Ende ist die Hilfe nur gering.

Warum da nicht einfach das Essen komplett bezahlen? Das hilft jedem und es gibt keine Ausgrenzung unter den Kindern, wer Geld hat und wer nicht.

Im Gegensatz dazu ist die Situation in den wohlhabenderen Stadtteilen geradezu paradiesisch.

Ich habe auch schon als Erzieherin in reicheren Vierteln gearbeitet. Hier gibt es teilweise Küchenkräfte, die das Mittagessen für alle frisch zubereiten.

► In einem Waldorfkindergarten wurde jeden Tag der Haferschleim frisch zubereitet. Wir müssen um jeden Euro kämpfen, damit die Kinder überhaupt etwas zu essen haben.

► In dem Kindergarten im reicheren Stadtteil waren die großen Fragestellungen, wohin der nächste Ausflug geht. Bei uns geht es darum, genug Geld für Bastelpapier, Windeln und Wechselkleidung zu haben.

► Im reichen Viertel gab es Gespräche, ob man einen Englisch-Frühkurs einführen sollte. Die Kinder im Brennpunkt sprechen nicht mal Deutsch.

Sprich: Das Geld ist nicht da, wo es wirklich gebraucht wird

Das alles hängt mit der Art und Weise zusammen, wie Kindergärten generell finanziert werden. Meist gibt es einmal im Jahr Geld vom Staat. Das muss dann für ein ganzes Jahr reichen. Für uns Erzieher heißt das: kreativ werden.

Wo man richtig reinbuttern müsste, da fehlt das Geld

Wenn es dann mal doch eng wird – und das wird es eigentlich immer - hat fast jeder Kindergarten einen Förderverein. Da drin sitzen dann meist Förderer wie die Kirchen, private Unterstützer wie reichere Bürger der Stadt, und natürlich die Eltern.

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In einer Gegend, wo reichere Leute wohnen, hat natürlich auch der Förderverein ganz andere Möglichkeiten. Wenn aber schon zwei Drittel der Eltern Hartz IV bekommen, dann kann man sich vorstellen, wie viel Geld in so einem Förderverein vorhanden ist. Dabei wird es hier viel mehr gebraucht.

In den Regionen, wo die Kriminalität niedrig ist, die Bildung und das Einkommen hoch, da ist Geld da. Aber hier, wo man richtig reinbuttern müsste, damit es die Kinder raus schaffen, reden wir weiter um den Euro fürs Mittagessen.

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Alina Papke möchte anonym bleiben, da sie Angst hat, sonst ihren Job zu verlieren. Ihr Name ist der Redaktion bekannt.

 (tb)