GOOD
17/08/2018 16:16 CEST | Aktualisiert 17/08/2018 16:16 CEST

Sind Rechte nur einsam? Eine Spurensuche bei Ex-Nazis und Dating-Portalen

Was mir ehemalige Rechtsextreme über ihr Verhältnis zur Zärtlichkeit verraten haben.

Tobias Kaiser

Als im Mai 2018 die rechtsextreme Kleinstpartei “Der III. Weg” durch das sächsische Chemnitz marschieren wollte, schmetterten ihnen die Chemnitzer Rockband Kraftklub und hunderte Gegendemonstranten den “Schrei nach Liebe” als Cover entgegen. 

Den Song der Berliner Band Die Ärzte kennt fast jeder. Zuerst im Jahr 1993 veröffentlicht, ist er mittlerweile zu einer zeitlosen Hymne gegen Rechtsextremismus geworden und darf bis heute bei keiner Aktion gegen Rechtsaußen fehlen.

Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe / Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit. Die Ärzte, "Schrei nach Liebe"

Das Lied skizziert Extremisten als vernachlässigte und ungeliebte Wutbürger – aber auch als Menschen mit einem ganz normalen Bedürfnis nach Nähe.

Und Romantik ist für dich / Nicht bloß graue Theorie / Zwischen Störkraft und den Onkelz / Steht ’ne Kuschelrock-LP. Die Ärzte, "Schrei nach Liebe"

Was ist dran an der Idee, dass Fremdenfeinde vor allem eines sind: männlich, verbittert und Single? Und kann man sie vielleicht sogar mit mehr Liebe in die Gesellschaft zurückholen?

Ich mache mich auf Spurensuche: bei Dating-Portalen, mit einem Psychologen und Szene-Aussteigern.

Wie finden Neonazis eigentlich den Traumpartner? Wahrscheinlich nicht bei Dating-Portalen

“Man ist schon viel in Gruppe unterwegs. Aber eine Beziehung haben nur wenige.” Jens K. ist ein Aussteiger und war bis vor vier Jahren noch in der deutschen Neonazi-Szene unterwegs. Er erzählt von einer vertrauten Gemeinschaft mit klaren Regeln, in der für Zärtlichkeit wenig Platz ist: 

Nach einem Marsch gegen Linke hast du halt wenig Bock auf Kuscheln. Es geht vor allem um Fußball, Saufen, Musik und Aktionen. Klar lernst du immer wieder viele neue Kumpels kennen. Aber wenige Mädels. Jens K., Ex-Neonazi

Natürlich gebe es auch langjährige Beziehungen unter rechtsextremen Männern und Frauen. Schließlich ist das weibliche Geschlecht in der Szene häufiger vertreten, als es die männlich dominierten Aufmärsche vermuten lassen. 

Doch generell herrscht unter Fremdenfeinden ein Männerüberschuss, mit ganz eigenen Problemen: “Wenn du Thor Steinar trägst, zeigst du nach außen klar, wo du stehst. Da ist es dann schon nicht so einfach, an normale Frauen ranzukommen. Wenn es mal in der Szene funkt, dann ist halt die Gesinnung am Ende doch oft ’n Problem.”

Du willst Artikel lesen, die Hoffnung machen und dir helfen zu verstehen, wie die Welt funktioniert?

Erhalte jede Woche den neusten Artikel von Perspective Daily direkt in dein Postfach.

 

Denn auch unter Rechtsextremen gibt es sehr unterschiedliche Ansichten, etwa zu Themen wie Gewalt, Freiheit oder diversen Verschwörungstheorien, die nicht immer miteinander kompatibel sind.

Auch Jens war nach zwei enttäuschenden Beziehungen lange Zeit auf der Suche nach einer neuen Partnerin. 

Warum hast du Angst vorm Streicheln / Was soll all der Terz / Unterm Lorbeerkranz mit Eicheln / Weiß ich schlägt dein Herz. Die Ärzte, "Schrei nach Liebe"

Doch das ist gar nicht so einfach, wenn man in einem kleinen Dorf in einem fremdenfeindlichen Freundeskreis lebt. Während die meisten Singles heutzutage ihre Chancen auf Liebe mit einer breiten Auswahl von Online-Dating-Portalen verbessern, blieb Jens genau das verwehrt. Denn zwischen gängigen Dating-Portalen und Extremisten liegen unüberwindbare Gräben.

Auf Dating-Portalen ist kein Platz für Rechtsextreme

Beim Dating-Portal Elitepartner etwa wird jede Anmeldung und jede Änderung im Profil von Hand überprüft, bevor es online gestellt wird. “Niveau, Seriosität und Stil” ist der Werbespruch und extreme Ansichten passen da einfach nicht dazu, wie eine Anfrage an die Website bestätigt: 

Selbstverständlich tolerieren wir keine extremen politischen Äußerungen in den Profil-Texten, ebenso wenig wie politisch extreme oder sogar verfassungsfeindliche Symbole in den Bildern. Beatrice Bartsch, PR-Managerin bei Elitepartner.de

Auch bei der Dating-Seite LOVOO kennt man kein Erbarmen mit politischen Extremen. So landen eindeutig politisch extreme Begriffe auf einer Blacklist und werden automatisch an das Support-Team gemeldet – das den Account dann dauerhaft sperren und den Nutzer ausschließen kann. 

Mehr zum Thema: Neue Traditionen braucht das Land

Das passierte im Jahr 2017 etwa dem in den USA bekannten Rechtsextremen Christopher Cantwell. Die Dating-Plattform OKCupid sperrte ihn lebenslang– aufgrund seiner politischen Einstellung.

Matthias Rietschel / Reuters
Teilnehmer einer Neonazi-Demo im Mai 2018 in Chemnitz.

Die harte Kante der Portale scheint auf den ersten Blick einleuchtend: Dating-Portale wollen vor allem eine liebevolle, sichere Umgebung erzeugen. “Es gibt keinen Platz für Hass an Orten, an denen Menschen nach Liebe suchen”, schrieb OKCupid in einem Statement.

Damit sind Anhänger extremer Ideologien von der heute so wichtigen Online-Dating-Welt abgeschnitten. Aus dieser Ausgrenzung entstehen immer wieder kurzlebige Kleinstportale:

MA-Flirt: Das deutsche Portal war um das Jahr 2009 aktiv und versammelte NPD-Anhänger und Neonazis unter Nutzernamen wie “Sturmgewitter” und “Hadolf1888″. Es wurde noch im selben Jahr gehackt und die Daten der Mitglieder online gestellt.

Where White People Meet: Das US-amerikanische Portal war um das Jahr 2016 aktiv. Der Gründer, ein Autohändler aus Dallas, wehrte sich in Interviews noch vehement gegen Rassismusvorwürfe. Es sei eine logische Marktlücke.

 WASP Love: Den Platz des mittlerweile geschlossenen Portals Where White People Meet hat in den USA WASP Love eingenommen. Slogans wie “Love your race! Procreate!” machen aus den rassistischen Hintergründen keinen Hehl mehr.

Doch selbst auf solchen Portalen finden notorische Fremdenfeinde nicht unbedingt das Liebesglück. Denn der größte Liebesblocker ist die Fremdenfeindlichkeit selbst.

Die Psychologie des Hasses – deshalb sind Fremdenfeinde in der Liebe verbittert

Ich sag mal so: Jeder will ja auch mal glücklich sein. Und wenn es dann wieder und wieder nicht klappt, fragt man sich schon, was da schiefläuft. Da schlägt der Frust dann schon bis zur Halsader. Jens K., Ex-Neonazi

Dass die Verbitterung bei der Partnersuche besonders bei Fremdenfeinden hoch ist, zeigen auch zwei Untersuchungen des Online-Dating-Portals Gleichklang. 

Mehr zum Thema: Ich habe 4 Jahre lang den menschlichen Körper studiert. Und das Gefühl für meinen eigenen dabei fast verloren

Es befragte in den Jahren 2017 und 2018 über 1500 Singles zu ihren politischen Ansichten, Werten und Chancen auf Liebe. Der Leiter der Untersuchungen und Psychologe Guido F. Gebauer war nicht überrascht vom Ergebnis: ”‘Man wird in der Liebe nur verarscht.’ ‘Die wahre Liebe gibt es gar nicht.’ Solche Einstellungen sind unter denen verstärkt vertreten, die fremdenfeindliche Ideen verfolgen.”

Guido Gebauer
Guido F. Gebauer betreut und berät das Dating-Portal Gleichklang als Psychologe.

Das liege daran, so Gebauer, dass gerade Werte wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit eng mit positivem Sozialverhalten und Empathie verbunden seien. Menschen, die diese Werte hochhielten, zeigten in den Untersuchungen auch eine positive Einstellung zur Liebe.

Die Angst vor dem Neuen, vor dem Fremden und vor Veränderung korreliert vor allem mit rechtsgerichteten Ideologien. Das führt schnell dazu, dass man all das, was nicht vertraut ist, als Bedrohung wahrnimmt – gegen das man sich zur Wehr setzen will. In einer Beziehung wirkt das natürlich abschreckend. Guido F. Gebauer, Psychologe

Andersherum legen die Ergebnisse nahe, dass ein Mangel an Mitmenschlichkeit auch mit mangelnden psychischen Voraussetzungen für eine glückliche Liebesbeziehung einhergeht.

Wenn Fremdenfeinde also in der Liebe frustriert sind, dann auch deshalb, weil ihre politische Einstellung Beziehungsdefizite fördert. Denn in einer erfüllten Beziehung geht es immer auch darum, sich für Neues zu öffnen, sich auf andere Perspektiven einzulassen und Kompromisse zu finden. Auch wird gerade die für Beziehungen wichtige Zärtlichkeit in rechtsextremer Ideologie oft als “weich” und “schwach” abgelehnt.

Weil du Schiss vorm Schmusen hast, bist du ein Faschist. Die Ärzte, "Schrei nach Liebe"

Negative Beziehungserlebnisse wiederum können, so Gebauer, zynische Weltbilderverstärken und dabei helfen, sich selbst stärker in einer “Opferrolle” zu sehen. Ein Teufelskreis, den auch Jens K. erlebt hat.

Nach Jahren des Liebesfrustes in der Szene meldete er sich heimlich auf einem Dating-Portal an, verbarg seine Gesinnung, passte auch sein Äußeres an und lernte jemanden kennen.

“Natürlich gab es da auch Streit und Tränen, als ich dann später von meinem sonstigen Leben erzählt habe. Sie hat mich dann knallhart vor die Wahl gestellt und klar gesagt: ‘Mit einem Neonazi leben, das kann ich einfach nicht.’

Damit es dieses eine Mal klappte, hinterfragte Jens seine Ansichten und schaffte an der Seite seiner neuen Partnerin den Ausstieg aus der Szene. Ein Sieg für die Liebe gegen den Hass.

Deshalb ist “Liebe statt Hass” nicht immer die Lösung

Die Geschichte von Jens K. ist kein Einzelfall, wie Ricardo M. vom Aussteigerprogramm Sachsen weiß. Er begleitet Aussteiger bei ihrem harten Weg zurück in die Mitte der Gesellschaft, bei dem gerade Beziehungen eine wichtige Rolle spielen.

Nach unserer Erfahrung kann es ein einschneidendes Ereignis sein, einen neuen Partner kennenzulernen. Wenn er andere Positionen vertritt, kann das deradikalisierend wirken und einen Ausstieg verstärken und stabilisieren. Ricardo M., Aussteigerprogramm Sachsen

So berichtet Ricardo M. zwar, dass bei rund einem Drittel der betreuten Ex-Neonazis die Beziehung ausschlaggebend für den Ausstieg war. Dazu kommt aber noch ein weiteres großes Thema, das auch mit Beziehungen zu tun hat: Elternschaft. 

“Wenn jemand ein Kind bekommt, dann hinterfragt er oft seine Zukunftsperspektive. Viele wollen dann nicht, dass das Kind ein schweres Leben hat”, berichtet Ricardo M. von seiner Arbeit.

Deshalb ist die Frage nach einem sozialen Netz, Verwandten und vor allem Beziehungen ein zentraler Teil der Aussteiger-Aufnahmegespräche. Sie alle können beim Ausstieg helfen und sogar im Vorfeld als Schutzfaktoren gegen Radikalisierung wirken.

Mehr zum Thema: Warum ich fürchte, dass Deutschland die Stabilität Europas gefährdet

Doch “Liebe mit Extremisten” hat eigene Fallstricke: Denen täte zwar ein wenig mehr Liebe und Zärtlichkeit ganz gut. Doch in einer Partnerschaft besteht immer auch das Risiko, dass sich der gemäßigtere Partner radikalisiert oder sich zwei fremdenfeindliche Partner gegenseitig bestärken.

Denn – anders als der Ärzte-Song weismachen will – es gibt weit mehr Gründe für Fremdenhass als nur Frust aus Liebesmangel. Und auch Hass kann verbinden.

Denn wie Liebe ist er eine starke Emotion, die Identität und Selbstbestätigung geben kann. Den Beweis tritt derzeit das neue Dating-Portal “Hater” an. Das war erst als Scherz gemeint und verkuppelt heute über 200.000 Singles über gemeinsame Ablehnung – etwa gegenüber Donald Trump oder Avocados.

Fremdenfeinde sind aber weiterhin unerwünscht – und das ist gut so. Denn wäre Fremdenhass auf Dating-Plattformen akzeptiert, würde dies ein falsches Signal aussenden und den Hass nur ein Stück weiter normalisieren.

Dieser Artikel ist zuerst bei Perspective Daily erschienen.

(ujo)