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08/08/2018 12:42 CEST | Aktualisiert 08/08/2018 13:48 CEST

Boyan Slat will das Meer vom Plastikmüll befreien – und könnte Erfolg haben

Auf den Punkt.

Im Video oben erzählt Boyan Slat wie er auf die Idee gekommen ist und wie er sie umsetzen will

Boyan Slat hat einen wahnwitzigen Plan: Er will die Meere vom Müll befreien. Jetzt ist der 24-jährige Niederländer seinem Ziel einen kleinen, aber vielleicht entscheidenden Schritt näher gekommen. 

Umweltschützer lassen in diesen Tagen eine riesige Plastikmüll-Sammelanlage in Alameda bei San Francisco in Kalifornien zu Wasser. Sie soll Plastikteile im sogenannten Great Pacific Garbage Patch (GPGP) einfangen, einem Meeresgebiet zwischen der Westküste der USA und Hawaii.

► Forscher schätzen, dass in dem Gebiet, das viereinhalb mal größer als Deutschland ist, 80.000 Tonnen Plastik schwimmen. Das entspricht ungefähr der Menge an Plastikabfall, den zwei Millionen Deutsche pro Jahr verursachen. 

Die Anlage hat Slat in einem jahrelangen Prozess zusammen mit Experten entwickelt. Das Projekt findet weltweit Interesse – ruft aber auch Kritik hervor. Denn viele Experten fragen sich: Kann eine Müllabfuhr auf dem Meer wirklich funktionieren?

Das sind die wichtigsten Informationen über das Projekt:

Was geplant ist:

► Slats niederländische Stiftung The Ocean Cleanup setzt eine 600 Meter lange schwimmende Barriere aus Kunststoff ins Meer. An der Anlage ist ein Netz befestigt, das in der Mitte der Barriere drei Meter tief ins Wasser reicht und an den Seiten etwas kürzer ist.

► Der Wind und die Strömung, so die Idee der Ingenieure, werden die frei schwimmende Barriere zu einem U zusammendrücken. In dieser künstlichen Bucht sammeln sich dann die Plastikteile.

► Ist ausreichend Müll eingefangen, melden Sensoren das an die Zentrale in San Francisco. Alle sechs bis acht Wochen, so die Prognose, wird ein Schiff kommen, das das Plastik an Land zum Recycling bringt.

► Laut der Stiftung lassen sich mit der Vorrichtung sogar kleine Plastikteile, die nur einige Zentimeter groß sind, einfangen.

► Insgesamt will die Stiftung 60 dieser Barrieren bauen und so innerhalb von fünf Jahren die Hälfte des Mülls im Great Pacific Garbage Patch einsammeln. 

► Meerestiere sollen, unterstützt von der Wasserströmung, problemlos unter der Barriere durchtauchen können.

► Am 8. September soll die erste Anlage fertig aufgebaut sein. Test- und Prototypen waren unter anderem in der Nordsee installiert worden.

Wer hinter dem Projekt steckt

► Hinter Ocean Cleanup steht der Niederländer Boyan Slat.

► Der 24-Jährige mit dem Wuschelkopf weiß, wie man Menschen begeistert. So hat er in den vergangenen Jahren mehr als 27 Millionen Euro für sein Projekt gesammelt.

Slat versprüht Energie, wirkt dabei aber nicht naiv. Er und sein Team beherrschen die Kommunikation im Internet; die Website seines Projekts ist deutlich professioneller als die vieler Großkonzerne.

► Bis Anfang 2013 studierte Slat Luftfahrt-Ingenieurwesen in Delft. Seitdem widmet er sich ganz seinem Müllsammel-Projekt. Und hat dafür extrem viel Aufmerksamkeit und zahlreiche Auszeichnungen bekommen:

Unter anderem zeichneten die Vereinten Nationen (UN) Slat 2014 als Champion of the Earth aus. Es ist der höchste Umweltschutzpreis, den die UN vergeben. 2016 nahm das Magazin “Forbes” ihn in seine Liste der 30 jungen Europäer auf, die Herausragendes in der Wissenschaft geleistet haben.

► Slat, so beschreibt er es, wurde als 16-Jähriger beim Tauchen in Griechenland auf das Plastik-Problem aufmerksam. Damals habe er mehr Plastik als Fische gesehen. Und was ihn noch mehr gewundert habe: Dass keiner etwas dagegen unternahm.

► Inzwischen arbeiten mehr als 70 Mitarbeiter für seine Stiftung. Im wissenschaftlichen Beirat sitzen Professoren für Ozeanographie und anderer Fachrichtungen verschiedener europäischer Universitäten. 

Warum das Projekt wichtig ist

► In den Meeren treiben gigantische Mengen Plastikmüll, ganze Tüten und Flaschen etwa, und winzige Plastikteilchen. 

Laut dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) sterben daran jährlich bis zu 100.000 Meeressäuger und Meeresvögel, weil sie Plastik fressen oder sich in alten Plastiknetzen verfangen.

Bei der Zersetzung des Plastiks werden giftige Stoffe wie Bisphenol A, Phtalate oder Flammschutzmittel freigesetzt, die in die Nahrungskette gelangen und das Erbgut und den Hormonhaushalt schädigen können.

► Wind und Strömungen konzentrieren die Plastikteile in den Ozeanen in fünf großen Teppichen; einer davon ist der Great Pacific Garbage Patch.

Im Auftrag von Slat haben Forscher den GPGP genauer untersucht. Sie werteten Luftbilder und Proben aus, die Schiffe dort gesammelt hatten.

Das Ergebnis hat ein Team von Wissenschaftlern – auch aus Deutschland – im März im renommierten Fachmagazin “Nature” veröffentlicht. Demnach dümpelt auf dem GPGP sehr viel mehr Müll als vorher angenommen.

Mehr als drei Viertel des Mülls dort soll größer als fünf Zentimeter sein, 46 Prozent seien FischernetzeMikroplastik soll acht Prozent des Mülls dort ausmachen. 

Was Kritiker sagen

Kritik an Slats Projekt gab es schon früh – teilweise ist sie inzwischen aber obsolet:

► Das Hauptargument der Kritiker war, dass das meiste Plastik im Meer so klein ist, dass man es nicht sammeln könne. Die Studie über den GPGP legt das Gegenteil nahe.

► Die “Süddeutsche Zeitung” rechnete vergangenes Jahr etwa vor, dass das Plastik extrem weit verstreut ist, auf mehrere Quadratkilometer komme ein Plastikteil.

Die neue Studie legt nahe, dass die Dichte doch höher ist. Was aber durchaus stimmt: Wir sprechen nicht von einem leicht einzusammelnden Plastikteppich.

► Zweifel gab es auch an der Konstruktion des Müllsammlers. Anfangs war die Barriere nicht freischwimmend konzipiert, was einige Probleme ergeben hätte. Ingenieure zweifelten auch, ob die Konstruktion der Gewalt des Meeres standhalten könne. Zumindest die Konstrukteure scheinen daran aber nach Tests keine Zweifel zu haben.

► Mancher Experte kritisiert, man müsse als Erstes verhindern, dass überhaupt weiter Plastik ins Meer gelangt und dafür erstens Müll schon vor der Entstehung vermeiden und bestehenden Müll an den Küsten und Zuflüssen einsammeln.

Tatsächlich packt Slats Projekt das Problem nicht an der Wurzeln. Das behauptet allerdings auch keiner. Und Maßnahmen auf dem Meer und an den Küsten schließen sich auch nicht aus. 

Bei Ocean Cleanup heißt es auch, man wolle erst einmal das Projekt auf See zum Laufen bringen. Aber man denke auch darüber nach, ob man in Zukunft ähnliche Projekte an Küsten oder in Flüsse realisieren könne.

Auf den Punkt gebracht

Ob Slat mit seinem Projekt, das jetzt Wirklichkeit wird, die Weltmeere wirklich vom Plastikmüll befreien kann, muss sich erst noch zeigen. Die Chancen stehen laut aktuellen Erkenntnissen wohl besser als Kritiker zunächst dachten.

Doch selbst wenn das Projekt scheitert, sind damit nicht Millionen verschwendet, wie Kritiker sagen: Dann ist klar, wie es nicht geht. Das ist auch eine Erkenntnis. 

Und schon jetzt hat der junge Slat mehr Problembewusstsein geschaffen als es viele Umweltorganisationen je erreicht haben.

(ben)