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10/03/2018 09:04 CET | Aktualisiert 10/03/2018 09:04 CET

Ich habe mit dem Sport begonnen, um der Armut zu entfliehen – plötzlich war ich die Beste

Nicht nur in meinem Land wird Mädchen immer noch erzählt, dass sie in die Küche gehörten.

JEWEL SAMAD via Getty Images
Deepika Kumari bei den Olympischen Spielen in Rio 2016. Die Bogenschützin ist eine Inspiration für Millionen benachteiligte Mädchen.

Eine Freundin sagte zu mir, wenn meine Geschichte nur ein einziges Mädchen in Indien motivieren würde, dann hätte das allein mein Leben schon lebenswert gemacht. 

Es war ein komischer Tag. Ich war gerade einmal 17 Jahre alt und hatte keine Ahnung, welchen Einfluss meine Leistungen haben könnten. Da sagte man mir, dass ich nun unter den weiblichen Bogenschützen weltweit die Nummer eins sei.

Die beste auf der Welt? Ich?

Ich hatte vor gerade einmal vier Jahren mit dem Bogenschießen begonnen. Eigentlich mehr, um der Armut zu entfliehen, als aus Liebe zu dem Sport. Um ehrlich zu sein, wusste ich damals gar nicht, was Bogenschießen eigentlich ist.

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Doch ich war bald davon begeistert. Sobald ich herausgefunden hatte, dass ich eine natürliche Begabung hatte, wurde ich vollkommen verrückt nach diesem Sport.

Ich trainierte, weil ich ihn so gern ausübte, und nicht, weil ich gewinnen wollte. Doch meine schiere Begeisterung, Freude und Naivität brachten mir irgendwie einen Sieg nach dem anderen ein. Ich verstand weder, was da vor sich ging, noch war ich in irgendeiner Weise darauf vorbereitet.

Innerhalb von vier Jahren hatte sich mein Leben von einem Leidensweg in eine Erfolgsgeschichte entwickelt. Wann war das alles passiert? Lass mich dir die ganze Geschichte erzählen ...

Kindheit in Armut

Ich wurde an einem Straßenrand in dem Dorf Ratu in Jharkhand geboren, Indiens zweiärmstem Bundesstaat. Mein Vater war Rikscha-Fahrer und meine Mutter arbeitete als Krankenschwester in einem staatlichen Krankenhaus.

Doch ihr Gehalt wurde nie pünktlich ausgezahlt. Sie war eine der wenigen Frauen in meinem Dorf, die zur Arbeit gingen. Denn in meinem Dorf wurden die meisten Frauen schon früh aus der Schule genommen und viele meiner Klassenkameradinnen wurden als Teenager zu arrangierten Ehen gezwungen.

Mein Onkel hatte ebenfalls solche Überzeugungen. Er schlug meine Mutter oft, weil sie als Frau einen Job hatte. Doch meine Mutter steckte das einfach weg und sorgte dafür, dass ihre Tochter anders behandelt wurde.

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Unsere finanzielle Situation war sehr angespannt. Es reichte einfach hinten und vorne nicht und manchmal hatten wir nicht einmal genug zu essen, um damit über die Runden zu kommen.

Weil ich den Druck auf meine liebenden Eltern und meine zwei Geschwister verringern wollte, beschloss, ich von zuhause wegzugehen. Ich war damals zwölf Jahre alt.

Sport dürfen nur Jungs machen

Ich hatte von einer Akademie gehört, die von der Regierung gefördert wurde. Mädchen, die darin aufgenommen wurden, würden eine gesicherte Mahlzeit am Tag sowie ein Dach über dem Kopf erhalten. Und vor allem sollte das Ganze kostenlos sein.

Mein Vater war total dagegen, dass Mädchen Sport machten. Fairerweise muss ich sagen, dass es dafür in meinem Dorf auch keine Vorbilder gab. Denn die Mädchen dort sollten für gewöhnlich nur im Haushalt mithelfen, kochen und putzen.

Sport durften nur Jungs machen. Doch nach vielen Tränen ließ mein Vater mich schließlich doch mein Glück bei der Akademie versuchen.

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Auf dem Übungsplatz reichte man mir Pfeil und Bogen aus Bambus. Ich hatte so etwas noch nie in der Hand gehalten und ich wusste nicht, wie man zielte und schoss. Ich brauche wohl nicht zu erklären, dass ich komplett versagte und die Akademie mich ablehnte!

Amit Dave / Reuters
Deepika Kumari nach dem Gewinn der Goldmedaille bei den Commonwealth Spielen in Neu Delhi 2010.

Ich war am Boden zerstört. Doch ich bat die Akademie, mir eine Gnadenfrist von drei Monaten einzuräumen – wenn ich mich in der Zeit nicht verbessern würde, könnten sie mich wieder zurück nach Hause schicken.

An dem Tag, an dem ich es schaffte, in die Akademie aufgenommen zu werden, obwohl ich keinerlei Erfahrung oder Fähigkeiten mitbrachte, sollte mein Leben erst so richtig beginnen. Es war der Beginn einer noch immer andauernden Reise, in der ich einige Höhen und Tiefen durchmachte ...

Olympische Spiele: Hoffnungen und Träume von Milliarden

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, ich war mit 17 Jahren an der Weltspitze angekommen. Mein Leben, das einer Achterbahnfahrt glich, sollte bald eine unangenehme Wendung nehmen. Ich war jahrelang völlig unbekannt gewesen, doch plötzlich war ich der Liebling der indischen Medien.

Berichte, Auszeichnungen und Lobeshymnen wegen meiner Leistungen waren an der Tagesordnung. Was die indischen Medien jedoch wirklich gut beherrschten, war Druck auf meine unerfahrenen Schultern auszuüben.

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Man sagte mir, dass ich bei den Olympischen Spielen in London im Jahr 2012 mindestens eine Goldmedaille gewinnen müsste, wenn ich nicht alle enttäuschen wollte. Ich sollte die Hoffnungen und Träume von Milliarden Menschen erfüllen.

Ich kam aus einem kleinen Dorf und hatte gerade einmal herausgefunden, worum es bei den Olympischen Spielen überhaupt ging. Und hier wurde mir gesagt, dass ich ein ganzes Land enttäuschen würde, wenn ich nicht gut abschnitt.

Ich war darauf nicht vorbereitet und ich hatte keinen Mentaltrainer an meiner Seite, der mir dabei helfen konnte, meine Gedanken zu konditionieren. Und so versagte ich. Ich war siebzehn Jahre alt und galt als Versagerin und Enttäuschung für das ganze Land.

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Es war der schlimmste Tag meines Lebens. Ich verlor meine Hoffnung. Ich wollte aufhören und verfiel in eine tiefe Depression. Ich hatte den Glauben an mich selbst verloren.

Ich wollte meinen Bogen nicht mehr anfassen und ich hatte unter all dem Druck meine pure Begeisterung für den Sport verloren.

Plötzlich Vorbild für Mädchen

Doch ein Besuch bei meiner ersten Akademie, an der alles begonnen hatte, änderte alles. Ich traf dort auf kleine Mädchen zwischen zwölf und 13 Jahren, die es versucht hatten und die wegen meiner Geschichte mit dem Bogenschießen begonnen hatten.

Als ihre Eltern davon gehört hatten, dass ich meine Familie finanziell unterstützte, hatten auch sie den Mut gefasst und ihre Töchter eine Sportart lernen lassen, anstatt bei dem zu bleiben, was sicher und bekannt war. Ich war eine Inspiration für sie.

Ich hatte mir niemals vorgestellt, dass ich später einmal ein Vorbild sein könnte. Doch da waren diese kleinen Mädchen und sagten mir, dass sie so sein wollten wie ich. Ich hatte sie dazu motiviert, große Träume zu haben, sich Hoffnungen zu machen und zu kämpfen, um das Unmögliche wahr werden zu lassen.

Ich habe es geschafft, mit meinen eigenen beschränkten Mitteln eine Sichtweise in einem Land zu verändern, in dem Mädchen erzählt wird, dass sie in die Küche gehörten.

Eine Freundin sagte zu mir, wenn meine Geschichte nur ein einziges Mädchen in Indien motivieren würde, dann hätte das allein mein Leben schon lebenswert gemacht.

Einige meiner Kindheitsfreundinnen riefen mich weinend an und erzählten mir, dass sie zuhause festsaßen. Dass sie verheiratet waren und Kinder hatten und dass sie sich wertlos fühlten, weil ihre Schwiegereltern ihnen nicht erlaubten, zur Arbeit zu gehen.

Sie baten mich, ihnen zu helfen ... Ich wusste, dass ich ihnen zwar vermutlich nicht aus ihrer jetzigen Lage heraushelfen konnte. Doch ich konnte der nächsten Generation helfen, wenn ich jetzt nicht aufgab und wieder zu trainieren begann.

Ladies first

“Ladies first” – das ist ein Begriff, den ich noch immer nicht ganz verstanden habe. Wir verwenden ihn in so vielen Zusammenhängen. Doch wir benutzen ihn niemals, wenn es wirklich um etwas geht.

Wir verwenden ihn nicht, wenn es um Frauen im Berufsleben, Frauen im Sport oder Frauen in typischerweise männerdominierten Bereichen geht. Wir verwenden den Ausdruck fälschlicherweise für banale Angelegenheiten.  

Mint via Getty Images
Deepika Kumari beim Training in Jamshedpur 2012.

Doch jetzt ist die Zeit gekommen, ihn auch in den Bereichen zu benutzen, in denen er am dringendsten benötigt wird. Denn jetzt heißt es: “Ladies first”.

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Als kleines Mädchen hatte ich davon geträumt, eines Tages in ein Flugzeug steigen zu können. Ich habe mir diesen Traum erfüllt und die ganze Welt bereist. Und jetzt habe ich noch größere Träume. Ich wünsche mir, die erste Inderin zu werden, die eine olympische Goldmedaille gewinnt!

Ich habe 2016 in Rio sehr viel besser abgeschnitten und ich arbeite daran, 2020 in Tokio zu gewinnen. Der Sport hat mir eine wichtige Lektion fürs Leben erteilt. Nämlich niemals aufzugeben und immer weiterzukämpfen, ganz egal, was auch passiert.

Sport kann auch dabei helfen, Vertrauen, Selbstbewusstsein, Teamfähigkeit, Ausdauer und Geschlechtergleichheit aufzubauen. Mein wichtigstes Ziel ist es jedoch, die Einstellung zum Frauensport in Indien zu verändern.

Das wäre eine so weitreichende Veränderung, dass ihre Auswirkungen verhindern würden, dass wir jemals wieder zu den antiquierten Vorstellungen der Vergangenheit und der Gegenwart zurückkehren könnten.

Die Dokumentation ‘Ladies First’ über Deepika Kumaris Reise erscheint am 8. März auf Netflix.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.