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04/07/2018 11:06 CEST | Aktualisiert 04/07/2018 17:20 CEST

"Bitte Abstand halten": Warum Deutsche nicht mit Trauer umgehen können

„Wenn jeder zu mir kommt, mir die Hand gibt und mich in den Arm nimmt – das schaffe ich nicht."

Im Video oben seht ihr, wie in Indonesien um Angehörige getrauert wird.

Nicole Rinder kennt sich aus mit dem Tod – sie arbeitet als Bestatterin in München. Menschen, die zu ihr kommen, trauern um Familienangehörige und Freunde und suchen Trost im Abschied. Doch in Gesprächen fällt Rinder immer wieder auf, dass viele gar nicht mit ihrer Traurigkeit umgehen können: 

“Unsere Gesellschaft geht in eine Richtung, in der wir nicht einmal mehr in der Lage sind, Trost anzunehmen. Mehr noch: Viele würden es mit ‘Abstandsbekundungen’ sogar anderen verbieten.”

Jeder hat bereits eine solche Bitte in Traueranzeigen in Zeitungen gelesen: “Von Beileidsbekundungen bitten wir Abstand zu nehmen.”

“Das finde ich sehr schräg. Und es macht mich traurig”, sagt die Bestatterin der HuffPost.

“Die sollen mich bloß in Ruhe lassen”

“Wenn ich als Bestatterin ein Familienmitglied frage, warum es Anteilnahme bei einer Beerdigung nicht möchten, bekomme ich immer dieselbe Antwort: ‘Weil ich das nicht aushalte.’ Dann sagen die Leute: ‘Wenn jeder zu mir kommt, mir die Hand gibt und mich in den Arm nimmt – das schaffe ich nicht. Die sollen mich bloß in Ruhe lassen.’”

Unsicherheit statt Ablehnung

Das heiße aber nicht unbedingt, dass man tatsächlich nicht umarmt werden möchte, erklären die Soziologen Thorsten Benkel und Matthias Meitzler, die zusammen die Onlineseite “Friedhofssoziologie” betreiben, gegenüber der HuffPost. “Es kann auch damit zu tun haben, dass man niemanden in Verlegenheit bringen möchte.”

Außerdem sei nicht klar, ob mit der Anteilnahme ein ‘inneres Bedürfnis‘ verbunden sei oder schlichtweg soziale Konventionen bedient würden. Zudem sei jeder Mensch anders, daher sei Verdrängung eine gute Option: “Oftmals werden Unsicherheiten dadurch gelöst, dass man Trauernden mehr oder weniger unbewusst aus dem Weg geht.”

In Deutschland gibt es keine einheitliche Trauerbewältigung

Laut Benkel und Meitzler gibt es mehrere Faktoren, die Trauer beeinflussen:

“Wie konkret getrauert wird, hängt vor allem davon ab, wie man bezüglich Sterben, Tod und Trauer sozialisiert wird und welche Bedeutung beispielsweise religiöse Konzepte haben.”

In Deutschland gebe es kein einheitliches Bild. Hierzulande stehe ein autonomes, selbstbestimmtes Trauern im Vordergrund. In anderen Ländern wie beispielsweise Mexiko sei Trauer vor allem ein Ereignis, das in einer Gemeinschaft stattfinde. Auch sei das Thema Tod dort stärker im gesellschaftlichen Fokus als in Deutschland.

Rinder: “Die Menschen haben Angst vor ihren Emotionen”

Für Bestatterin Rinder ist Trauer aber “ein wichtiges und wertvolles Gefühl, das uns stärker machen” kann.

“Die Beerdigung ist die letzte und oft einzige Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Der Familie kann es viel Kraft geben, wenn Menschen in ihrer Nähe sind, die für sie da sind und an sie denken. Diese Erfahrung nehmen sich die Menschen meistens selber.”

Dann hätten sie nur Angst vor den Emotionen: “Sie denken, dass sie ihnen mehr Kraft nehmen als geben.”

Diesen Gedanken findet Rinder sehr tragisch.

Viele Menschen würden sich eine Maske aufsetzen

Die Bestatterin fragt sich, warum Trauernde nicht normal mit dem Thema Tod umgehen können. Normal heißt für sie: offen über Trauer reden, weinen dürfen, sich nicht verstecken müssen. 

“Geschweige denn, dass die Gesellschaft von uns verlangt, dass wir nach dem Tod eines geliebten Menschen nach wenigen Wochen wieder ein gewohntes Leben führen.”

Viele Menschen würden sich eine Maske aufsetzen. Das sei das, was einen als Menschen so unter Druck setze. Rinder wünscht sich, dass sich unsere Gesellschaft in eine Richtung verändert, in der wir offen und menschlich bleiben dürfen, ohne perfekt wirken zu wollen.

“Menschen wünschen sich eine Enttabuisierung des Themas Tod”

Soziologe Meitzler hat bereits viele Interviews für Forschungsprojekte geführt und ist der Meinung: Viele Menschen wünschen sich eine Enttabuisierung des Themas Tod.

“Wir hören sehr häufig, dass sich unsere Gesprächspartner spätestens ein paar Wochen oder Monate nach dem Verlust von ihrem Umfeld allein gelassen fühlen.”

Mit diesem Erlebnis sei der Wunsch verbunden, das Thema Trauer nicht zu tabuisieren, sondern zuzulassen – damit ein offener Umgang damit möglich werde.