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06/12/2018 12:00 CET | Aktualisiert 06/12/2018 12:00 CET

Bitcoin-Absturz: Was steckt dahinter?

Bitcoin-Preis in US-$ in den Jahren 2017 bis 2018
Quelle: https://coinmarketcap.com/currencies/bitcoin/

  • Extreme Krypto-Volatilität ist ein Zeichen von Vitalität und Jugend des Marktes
  • Nur Kryptowährungen mit den besten Geldfunktionen werden überleben
  • Marktkräfte lösen aktuelle Probleme der Technologie durch Wettbewerb

Krypto-Preisschwankungen sind Zeichen bester Markt-Gesundheit

Viele Protagonisten verfallen wegen schwankender Krypto-Preise in Hysterie und Panik, dabei sind sie ein normales Phänomen des Marktes. Das war Ende 2017 so, als der Preis von vorher umgerechnet etwa 1.000 US-$ auf fast 20.000 US-$ angestiegen ist und das ist auch jetzt Ende 2018 so, wo der Preis um über 80 Prozent auf sogar knapp unter 4.000 US-$ gefallen ist. Die schwankenden Preise setzen den Marktteilnehmern Signale und steuern ihn. Wer schon einmal auf einem Obst- und Gemüsemarkt Einkäufe erledigt hat, merkt das: Abends kostet die Ware dort zum Beispiel oft nur noch die Hälfte verglichen zum frühen Morgen, oder wird sogar zum Null-Preis verschenkt. Dieser Mechanismus steuert den Markt sinnvoll und bewirkt etwa in diesem Fall, dass die Händler ihre Ware noch losbekommen, ehe sie verdirbt. Was Händler, Marktfrauen und Kunden beim Gemüse kalt lässt, verschreckt jetzt viele Krypto-Frischlinge, darunter sogar namenhafte Ökonomen und Behörden. Ein Markt ohne schwankende Preise aber wäre kopflos, vergleichbar mit einem Koma-Patienten. Das einzigartige am Krypto-Markt ist, dass er noch kaum reguliert ist und auch kaum regulierbar ist. Darum können sich hier die heilenden Kräfte frei schwankender Preise voll entfalten. Vergleicht man den Krypto-Markt mit den regulierten, überwachten und stabilisierten Preis-Blasen im bestehenden Geldsystem - etwa aktuell den Markt für italienische Staats- und Bankanleihen - mit einem Ökosystem, kommt man zu folgendem Bild: Auf der einen Seite steht der noch unberührte Regenwald voller Artenreichtum mit all seinen Chancen und Risiken. Auf der anderen Seite steht die amtlich zugelassene und zertifizierte Monokultur. Ersteres System wirkt zwar viel wilder und unberechenbarer, ist aber sozial und ökonomisch betrachtet in Summe viel stabiler. Letzteres System wirkt vorübergehend stabil und sicher, doch durch kleinste Schocks kann es wie schon 2008 während der Finanzkrise geschehen unerwartet fast vollständig kollabieren.

Blockchain-Technologie wächst und gedeiht entlang des Preisgefälles

Und obwohl gutes Geld als Wertaufbewahrungsmittel die Eigenschaft der Wertstabilität mit sich bringen sollte, tun gerade diese extremen Preisschwankungen und jetzt Preiseinbrüche dem jungen Markt des Krypto-Geldes und der es ermöglichenden Blockchain-Technologie jetzt richtig gut. Sie prügeln die besten Währungen und technischen Lösungen sozusagen aus dem bunten Strauß von mittlerweile über 2.000 Krypto-Coins regelrecht heraus. Ineffiziente oder wenig wenig nützliche Währungen verschwinden dadurch vom Markt. Durch den Preisverfall lohnt sich zum Beispiel das Mining, also das Zurverfügungstellen von Rechenleistung zur Verarbeitung von Transaktionen, für schlechtere Währungen nicht mehr. Die Transaktionsgebühr bezahlt in solchen Pleite-Währungen, zieht nicht mehr genug Miner an, der Betrieb der Währung wird eingestellt und sie stirbt. Zahlreiche Initial-Coin-Offerings (ICOs), also Neu-Emissionen von Tokens, bzw. Krypto-Coins fassen in diesem fallenden Markt ebenfalls keinen Fuß mehr. Eine gnadenlose Selektion beginnt, bei der nur die besten Ideen und Krypto-Coins Chancen haben und überleben. Die große Masse an neuen Coins und Krypto-Start-ups ohne wirklichen Mehrwert haben Krypto-Kritiker im Boom Ende 2017 heftig kritisiert. Jetzt im Bust Ende 2018 beklagen sie deren Bereinigung. Was diese “Kritiker” damit gemeinsam haben ist, dass sie, nicht wissen, was sie eigentlich wollen. Wohl auch, weil sie weder Technik noch Ökonomie hinter der Blockchain verstehen und sie noch nie selbst in irgendeiner Form besessen oder ausprobiert haben. Wie bei allen neuen Technologien ist es auch bei Kryptogeld so, dass sich die Menschen erst einmal daran gewöhnen müssen. Gerade weil Ökonomie und Technik für den menschlichen Geist oft sehr abstrakt sind, gilt hier mehr denn je das Motto “Probieren geht über Studieren”. Und natürlich sollte man gerade beim Probieren, stets die nötige Vorsicht walten lassen.

Skalierungsprobleme der Blockchain-Technik müssen jetzt gelöst werden

Selbstverständlich können die aktuellen Preisschwankungen alle möglichen Gründe haben. Es ist kein Wunder, dass der kleine und noch junge Markt der Kryptowährungen, der gemessen an seiner Marktkapitalisierung weniger als ein Tausendstel des gesamten Geldvermögens ausmacht, starken Preisschwankungen unterliegt. Erst wenn viele Menschen dieses Geld nutzen und sich Angebot und Nachfrage stabilisieren, wird Preisstabilität daraus resultieren und somit echte Tauglichkeit der bis dahin noch existierenden Kryptowährungen als Geld. Während es Geld quasi seit Anbeginn der Menschheit gibt und Historiker die erstmalige Existenz staatlich beliebig vermehrbarer und ungedeckter Fiat-Währungen schon vor rund 1.000 Jahren - damals als reines Papier-Geld - in China sehen, ist die Geschichte von Kryptowährungen erst 10 Jahre alt. Entsprechend nüchtern muss man die Messlatte an sie ansetzen, selbst wenn schon heute klar zu sein scheint, dass sie ein fundamentales Problem in der Informationstechnik und Geldgeschichte - wie hier in HuffPost bereits beschrieben - auf revolutionäre Weise lösen: Durch die Blockchain wird es möglich, dass Informationen und auch Geld sowohl knapp und sicher gehalten werden können (Lösung des sogenannten Double-Spending-Problems, welches das Internet bisher nicht lösen konnte), als auch verteilt und somit universell verfügbar sind (was das Internet bereits gelöst hat). Bereits in den 90er Jahren hat der marktliberale Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman die Entstehung eines solchen Krypto-Geld vorausgesagt. Während jedoch Sicherheit und Dezentralität schon jetzt durch die Blockchain gewährleistet, bzw. durch eine zehnjährige Historie empirisch erprobt sind, hakt es noch mit der Skalierbarkeit. Bisher können etwa beim Bitcoin nur wenige Transaktionen pro Sekunde durchgeführt werden, nötig wären eher hunderttausende. Dieses Skalierungsproblem wird momentan gelöst.

Neue, konkurrierende Skalierungslösungen sind gut für den Krypto-Markt

Um dieses Problem zu lösen entsteht um den Bitcoin herum momentan das sogenannte Lightning-Netwerk. Hier werden nicht alle Transaktionen gleich in die kapazitätsbegrenzte Blockchain geschrieben, sondern erst einmal auf einer schnelleren, dafür aber weniger sicheren Blockchain gesammelt, verrechnet und nur hin- und wieder in die sicherere, dafür aber auch teurere und trägere Blockchain von Bitcoin eingebucht. Das ist vergleichbar mit dem Anschreiben lassen im Wirtshaus und tatsächlich gezahlt wird einmal im Monat. Für kleinere Beträge kann dies durchaus Sinn machen. Auch wurde, um die Skalierbarkeit zu verbessern, Bitcoin Cash als Abspaltung vom Bitcoin ins Leben gerufen. Dieser hat u. a. eine höhere Blockgröße und kann somit mehr Transaktionen pro Sekunde verarbeiten. Aktuell hat sich der Bitcoin Cash wieder gespalten und zwar in Bitcoin Cash und Bitcoin SV. Beide setzen in Nuancen wieder auf andere Lösungen, um die Skalierbarkeit zu verbessern. Anleger, die von Anfang an Bitcoin hatten, besitzen jetzt alle diese drei Währungen, Bitcoin, Bitcoin Cash und Bitcoin SV. Marktbeobachter meinen, dass die aktuelle Spaltung zur Verunsicherung des Marktes und damit zu dem starken Preisrückgang nicht nur von Bitcoin, sondern von allen anderen Kryptowährungen geführt habe. Tatsächlich könnte man das vermuten, ob dem so ist weiß niemand. Denn niemand kennt alle individuellen Gründe der Marktteilnehmer und weiß, warum diese ihre Kryptowährungen derzeit in Überzahl verkaufen statt kaufen wollen, was zu fallenden Kursen führt. Tatsächlich sind die Bemühungen rund um eine Verbesserung der Skalierbarkeit als fundamental positiv zu betrachten und auch die zunehmende Anzahl verschiedener im Wettbewerb stehender Lösungen hierzu. Die besten Lösungen als offenes Ergebnis des Wettbewerbs können sich naturgemäß nur etablieren, wenn es solche Alternativen im Wettbewerb gibt.

Fazit: Fahrlässige und unkundige Investoren können aktuell viel Geld mit Bitcoin und Co. verlieren, weil sie durch Euphorie angetrieben zu Höchst-Kursen Ende 2017 gekauft haben und jetzt durch die Panik angetrieben gerade Ende 2018 zu Niedrigst-Kursen wieder verkaufen. Die Medien können diesen Euphorie-und Panik-Zyklus teils verstärken. Dieser Beitrag will konträr dazu einen nüchternen Blick auf das Thema schaffen:

  1. Kryptowährungen insgesamt haben, richtig eingesetzt, großes Potenzial und einen fundamentalen Wert für die Gesellschaft, denn sie lösen das Double-Spending-Problem.
  2. Die derzeit hohen Schwankungen sind als gegeben und normal hinzunehmen, waren sogar schon höher; sie zwingen Hersteller von Kryptowährungen zu besseren Lösungen, die sich im Markt behaupten können.
  3. Welche Kryptowährung sich in Zukunft genau durchsetzen werden ist alles andere klar und als Ergebnis des Wettbewerbsprozesses naturgemäß offen, niemand kann das exakt vorhersagen.
  4. Anleger sollten darum wie bei einem Index z. B. auf die fünf größten Kryptowährungen setzen, anstelle nur auf eine einzige; an Spaltungen, bzw. Innovationen dieser Währungen partizipieren sie dann bei richtiger Verwahrung automatisch mit.
  5. Anleger sollten sich fragen, ob sie grundsätzlich etwas von der Technik halten und sie ausreichend verstehen und nur wenn ja, dann einen angemessenen, also nicht allzu großen Teil ihres Vermögens investieren. Denn wie bei allen anderen Anlageklassen auch, gibt es ein Totalverlustrisiko: Risikostreuung, also nicht alle Eier in einen Korb legen, ist darum langfristig die beste Richtschnur.