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09/06/2018 16:41 CEST | Aktualisiert 09/06/2018 16:42 CEST

Meine bipolare Störung ist das Beste, was mir je passiert ist

Ich habe einen Zufluchtsort für verlorene Seelen geschaffen.

Privat
Seine psychische Erkrankung hat dem Filipino Jetro Rafael dabei geholfen, sich selbst leben zu lernen. 

Es gab eine Zeit, da dachte ich, jemand hätte mich mit einem Fluch belegt, den ich für den Rest meines Lebens nicht mehr loswürde. 

Als bei mir eine bipolare Störung diagnostiziert wurde, brach meine Welt zusammen. Ich war voller Schmerz und Wut und Bitterkeit, dass ich begann, mich selbst, meine Familie, meine Freunde und mein ganzes Leben zu hassen. 

► Es wurde so schlimm, dass ich nicht mehr leben wollte.

Ich stand auf dem Dach eines Hochhauses, ganz vorne am Rand und wollte mich gerade hinunterstürzen, als ich plötzlich einen kleinen Funken Hoffnung verspürte. Ein kleines Lichtlein inmitten all der Düsternis und Leere, die sich in mir ausgebreitet hatte. 

Wenn ich jetzt so zurückblicke, zehn Jahre später, denke ich anders über meine Krankheit. Sie ist kein Fluch, sondern ein Segen. Denn sie war wie ein Weckruf für mein wahres Ich. 

Was ist eine bipolare Störung?

Früher war die Krankheit unter dem Namen manische Depression bekannt. Sie zeichnet sich durch extreme Stimmungsschwankungen aus, von höchster Euphorie bis hin zur tiefsten Depression. 

Noch sind sich Wissenschaftler nicht einig darüber, was die Ursachen der Krankheit sind. Vieles deutet darauf hin, dass es genetische Veranlagung eine Rolle spielt. Aber auch chronischer Stress wird als Faktor gehandelt.  

In Deutschland leiden nach offiziellen Zahlen 800.000 Menschen an einer bipolaren Störung.

Ich wollte noch einmal von vorne beginnen 

Ich hatte nie vor, ein Restaurant zu eröffnen. Als ich das Haus in der Maginhawa Straße in Manila gemietet habe, war ich eigentlich bloß auf der Suche nach einem neuen Wohnort. 

Ich wollte von vorne beginnen und mich von meinem alten Leben lossagen.

Doch dann fingen meine Freunde an, Fragen zu stellen. Sie wollten wissen, was ich eigentlich den ganzen Tag mache. Und etwas essen wollten sie auch.

Eines Tages schlug ich vor, ihnen eines meiner speziellen Gerichte zu kochen. Ich nenne sie “Stimmungsheiler”, weil sie darauf ausgelegt sind, bestimmte Botenstoffe im Gehirn zu aktivieren.

Manche, wie Dopamin oder Serotonin, helfen dabei, die Laune zu heben. Andere Botenstoffe wirken beruhigend auf Menschen, die sich ängstlich, reizbar oder rastlos fühlen. Ich nenne es die “Spinner-Diät”.

Mir persönlich hat sie geholfen, meine Emotionen besser in den Griff zu bekommen. Die Nahrung, die ich zu mir nehme, ist wie eine Art homöopathische Medizin.

So beschloss ich, mein eigenes Restaurant bei mir zuhause zu eröffnen: “Van Gogh is Bipolar”.

Zufluchtsort für verlorene Seelen 

Die Arbeit im Restaurant gibt mir unglaublich viel. Denn ich habe dabei gelernt, was Liebe und Menschlichkeit wirklich bedeuten. 

“Van Gogh is Bipolar” ist ein Zufluchtsort für Menschen wie mich. Für Menschen, die sich als Aussätzige fühlen, die aus der Reihe tanzen oder sich verloren fühlen. 

Einige von ihnen kommen jeden Tag vorbei. Deshalb habe ich angefangen, sie einzustellen. Fast alle meine Angestellten sind psychisch krank. Allerdings ziehe ich es vor, sie nicht so zu bezeichnen. Ich finde sie sind einfach außergewöhnlich. Wie wir alle. 

Arbeiten mit einer psychischen Erkrankung 

Etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann ist im Laufe des Lebens von einer Depression betroffen. Jeder dritte Mensch in Deutschland leidet an einer Angststörung, einer von 100 Erwachsenen erkrankt in seinem Leben an Schizophrenie.

Obwohl sich die Zahl der psychischen Erkrankungen in Deutschland und der Welt erhöht, kommt eine Diagnose in vielen Fällen immer noch einer Exilierung aus der Gesellschaft gleich. 

Besonders schlecht stehen die Chancen auf Anschluss auf dem Arbeitsmarkt. Viele Unternehmen hätten Sorge, dass Betroffene nicht leistungsfähig seien, sagte Christina Ramb von der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände der “Wirtschaftswoche” (“Wiwo”) in einem Interview.

Denn im Gegensatz zu körperlichen Behinderungen seien psychische Erkrankungen schlecht kalkulierbar. Arbeitgeber befürchten eine verminderte Leistungsfähigkeit. Denn wer beispielsweise depressiv ist, ist unter Umständen nicht in der Lage morgens aufzustehen.

Mehr zum Thema: Diese schonungslos ehrlichen Fotos zeigen, was Menschen mit Depressionen fühlen

Dafür bringen Betroffene andere Qualitäten mit: Menschen mit psychischen Erkrankungen haben eine besonders hohe emotionale Intelligenz, sagt Rehabilitationspsychologin Kathrin Zeddies. “Viele kommen im Privatleben nicht zurecht, geben auf der Arbeit aber mehr als 100 Prozent. Sie sind Kämpfen gewohnt.“

Es ist erstaunlich zu sehen, mit welcher Hingabe und Leidenschaft meine Angestellten arbeiten.Tatsächlich habe ich noch nie Menschen getroffen, die so arbeitsmotiviert sind.

Ich denke es liegt daran, dass sie wie ich auch sich nirgendwo je zugehörig oder akzeptiert gefühlt haben. Ganz zu schweigen davon, wie schwer es für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist, Arbeit zu finden.  

Wir alle sind sehr dankbar für unsere kleine Gemeinschaft. 

Privat
Jetro Rafael hat seine Wohnung in ein Restaurant verwandelt. Er schläft in einem 10 Quadratmeter großen Raum in einer entlegenen Ecke. 

Es ist okay, traurig oder wütend zu sein

Diese Menschen sind nicht bloß Angestellte für mich, sie sind eine Familie geworden. Ich habe so viel von ihnen über das Leben gelernt. 

Zum Beispiel habe ich erkannt, dass psychische Erkrankungen selten der eigentliche Grund sind, warum es jemandem schlecht geht. Viel schmerzhafter und schwerer zu ertragen ist das Gefühl von Entfremdung von sich selbst.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es immer darum geht, sich selbst zu optimieren, die beste Version von sich selbst zu sein.

Mehr zum Thema: Ich lebe mit 21 Persönlichkeiten - das passiert, wenn eine davon meinen Körper übernimmt  

Uns wir eingebläut, dass wir nicht traurig sein dürfen, oder wütend oder enttäuscht. Dass wir unsere wahren Gefühle vor der Welt verstecken müssen. Deshalb haben wir den Eindruck, dass wir schlechte Menschen sind, wenn wir negative Gefühle empfinden.

Diese Denkweise ist sehr schädlich. Und sie ist Schuld daran, dass psychische Erkrankungen wie Depressionen oder bipolare Störungen noch immer mit einem Stigma versehen sind. 

Ich will das nicht hinnehmen. Ich will die Menschlichkeit in all ihren Formen und Schattierungen feiern, damit jeder Mensch – egal wer er ist, oder wo er herkommt, oder welche Probleme er mit sich herum trägt – weiß, dass er geliebt wird. Und dass er einzigartig ist. 

Das Gespräch wurde von Anna Rinderspacher aufgezeichnet und aus dem Englischen übersetzt.

Hinweis der Redaktion:

Wenn du das Gefühl hast, dein Leben macht keinen Sinn mehr, wende dich bitte an die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

Beim Jugendinformationszentrum München findest du zudem persönliche und telefonische Beratung für Kinder und Jugendliche. Telefonnummer: 089 550 521 50 (Sprechzeiten: Montag bis Freitag von 13 – 18 Uhr). Beratung für Eltern zum Thema Mobbing findest du unter 0800 111 0550 (Sprechzeiten: Mo. - Fr. 9.00 - 11.00 Uhr, Di und Do 17.00 - 19.00 Uhr).

(ll)