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05/04/2018 19:25 CEST | Aktualisiert 05/04/2018 19:25 CEST

Biomüll: Warum wir Abfall neu denken müssen

Wie Abfallprodukte heute genutzt werden

In Deutschland werden bislang nur zwei der neun Millionen Tonnen Biomüll energetisch verwertet. Dabei könnten damit 600 000 Haushalte ein Jahr lang mit Energie versorgt werden, weist Ralph Diermann in seinem SZ-Artikel „Was lange gährt“ nach. Biomüll ist für Abfallentsorger keine übel riechende Masse, sondern etwas sehr Wertvolles. Für sie sind die organischen Reststoffe, die in Deutschland in den Haushalten über die Biotonne eingesammelt oder als Grünschnitt in Recyclinghöfen abgegeben werden, ein nachhaltiger Rohstoff, aus dem nährstoffreicher Kompost gemacht oder zu Blumenerde aufbereitet wird.

2016 startete der Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM) eine Kampagne mit dem Gesicht von Gerold Brenner („Euer Trenner“), der auf seinem Balkon einen Komposthaufen hat und hier Tomaten und Kräuter anpflanzt. Die Botschaft: Wer die Möglichkeit hat, Bio-Abfälle als Kompost wiederzuverwenden, sollte dies wahrnehmen.

Dr. Alexandra Hildebrandt

Der eigene Kompost ist sehr wertvoll: Verwelkte Salatblätter, Eierschalen oder Kaffeesatz und abgeschnittene Sommerblumen landen in der Biomülltonne, das in einem Komposter zum rein natürlichen Dünger wird, der im Frühjahr oder vor der Bepflanzung auf die Beete ausgebracht und in die Erde eingearbeitet wird und für viele Gartenpflanzen eine reiche Nahrungsquelle ist.

Der Abfalleimer spielt beim Kreislaufdenken eine genauso wichtige Rolle wie die Stofflichkeit von Lebensmitteln und die Art und Weise, wie sie mit der materiellen Kultur unseres Haushalts in Verbindung stehen. Eine nachhaltige Lösung für das Sammeln von Biomüll in Haus und Wohnung sind Bio-Mülleimer (BioBag) aus Recycling-Polypropylen: Große Belüftungsschlitze reduzieren die Feuchtigkeit um bis zu 40 Prozent und verhindern unangenehme Geruchsbildung. 75 atmungsaktive, kompostierbare Bioabfall-Beutel aus Maisstärke sind inklusive. Bioabfall-Behandlung mit Tonerde-Streu ist das natürliche Mittel gegen schlechte Gerüche im Biomüll-Eimer. Es wirkt gegen Pilzkeime, Maden, Fliegen und bindet große Mengen Feuchtigkeit. Das reine Naturprodukt ist frei von schädlichen Zusatzstoffen und unbedenklich für Mensch und Natur (Quelle. memolife).

Das Start-up Landpack bietet nachhaltige Isolierverpackungen aus Stroh und Hanf an. Sie ersetzen Mengen an Styropor, das oft nicht in die normale Mülltonne passt, weil es sich nur schwer recyceln lässt. Gemeinsam mit ihrem Mann Thomas tüftelte Patricia Eschenlohr seit 2013 an verschiedenen Prototypen aus Materialien wie Maisstärke. Allerdings konnten sie die Ergebnisse nicht überzeugen. Irgendwann kamen sie auf Stroh, einer der wichtigsten Dämmstoffe und ein landwirtschaftliches Abfallprodukt, das bislang wenig genutzt wird. Eine selbst gebaute Maschine reinigt das Stroh, zerkleinert es und macht es formbar. Anschließend wird es zu Platten zusammengepresst, mit denen der Boden und die Seiten von Pappkartons ausgekleidet werden. Das Produkt ist nach Angaben der Unternehmer weltweit die erste Isolierverpackung, die im Biomüll entsorgt werden kann.

Der Produktdesigner Julian Lechner hatte, als er in Bozen studierte, die Idee, Kaffeetassen aus Kaffeesatz zu machen. Inzwischen gründete er das Start-up „Kaffeeform“. Um monatlich einige tausend Tassen zu verkaufen, sammelt er 300 Kilogramm Kaffeesatz in Berliner Cafés, die ihn in einen Eimer füllen. Die Masse wird in Säcke gefüllt, getrocknet und anschließend in Tassenform gebracht. Fünf bis sechs Personen sind täglich damit beschäftigt, den Kaffee morgens abzuholen und zu trocknen.

Biomüll als Energielieferant

Im Kaffeesatz oder in Kohlrabiblättern steckt allerdings viel mehr als nur ein Wachstumsbeschleuniger für Feldfrüchte und Balkonpflanzen: Die Küchen- und Gartenabfälle können zusätzlich Energie liefern, wenn sie vor der Kompostierung zu Biogas vergoren werden. Der Entsorger AHE errechnete, dass sich aus einer Bananenschale genügend Biogas gewinnen lässt, um damit eine 11-Watt-Glühbirne 34 Minuten lang leuchten zu lassen. Etwa 100 Anlagen zur Vergärung organischer Haushaltsabfälle sind in Deutschland im Betrieb.

Dass die Kombination von energetischer Nutzung und stofflicher Verwertung aus Klimaschutzperspektive sinnvoll ist, weist Diermann in seinem Artikel mit Bezug auf Berechnungen des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (IFEU) nach: Moderne, Vergärung und Kompostierung verbindende Anlagen würden pro Tonne organischer Abfälle 194 Kilogramm Kohlendioxid einsparen (ohne Biogas-Erzeugung wären es 39 Kilogramm). Ein besonders wichtiger Aspekt ist auch, dass Landwirte mit dem Kompost weniger Kunstdünger verwenden müssen. Leider bekommen sie häufig von landwirtschaftlichen Beratungsdiensten Pestizide und mineralische Dünger empfohlen, ohne genügend über deren Anwendung zu erfahren. So entstehen landwirtschaftliche Praktiken, die für Mensch und Umwelt gefährlich sind.

Ob sich Vergärungsanlagen rentieren, hängt von der Art des eingesetzten Biomülls ab: Küchenabfälle und Lebensmittelreste liefern nachweislich deutlich mehr Biogas als die schwer zu vergärende, holzige Gartenabfälle. „Viel von der energiereichen, für den Ertrag und damit die Wirtschaftlichkeit der Anlagen so wichtigen Biomasse aus der Küche landet jedoch gar nicht im Fermenter, sondern wird von den Bürgern als Restmüll entsorgt“, so Diermann. Etwa dreißig bis vierzig Prozent des Restmülls bestehen durchschnittlich aus organischen Stoffen. Werden diese in Müllverbrennungsanlagen gegeben, verschwinden dadurch wertvolle Ressourcen. Der organische Abfall kann dann nicht mehr für eine Kompostierung zur Verfügung stehen.

Der Journalist verweist noch auf ein weiteres Hindernis: die Förderpraxis des Erneuerbare-Energien-Gesetzes: „Wer mit seiner Biomüll-Vergärungsanlage davon profitieren will, muss sich in einer Ausschreibung durchsetzen. Die Gewinner sind dann verpflichtet, innerhalb von zwei Jahren den ersten Strom einzuspeisen.“ Biogut unterliegt jedoch dem Abfallrecht, was wiederum mit viel höheren genehmigungsrechtliche Auflagen und hygienischen Anforderungen verbunden ist. Erwogen werden könnte, die Entsorger zur energetischen Nutzung des Biomülls zu verpflichten.

Eine ausführliche Beschäftigung mit diesem SZ-Beitrag lohnt sich deshalb, weil es darin nicht nur um Themen wie Abfalltrennung im Haushalt geht, sondern um ein neues Denken und die Rolle der Abfallforschung, die sich mit sämtlichen Verbindungen beschäftigen muss, die zwischen den einzelnen Faktoren bestehen und untrennbar miteinander verbunden sind.

Weiterführende Informationen:

Ralph Diermann: Was lange gährt. In: Süddeutsche Zeitung (27.3.2018), S. 72.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Circular Thinking 21.0: Wie wir die Welt wieder rund machen von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

CSR und Energiewirtschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag, Berlin und Heidelberg 2015.