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05/05/2018 09:07 CEST | Aktualisiert 05/05/2018 09:07 CEST

Bildung gibt es nicht national!

Macron hat es schon wieder getan. Nach seiner legendären Rede an der Sorbonne-Universität sprach der nicht zu bremsende Franzose letzte Woche vor dem Europaparlament und verfestigte seine Ideen eines noch enger verbundenen Europas. Wie schon bei seiner Rede davor, sprudelte es nur so von Ideen aus dem französischen Präsidenten, die die anwesenden Abgeordneten teils bewundernd, teils hilflos, teils überfordert zurückließen. Vieles hätte bereits auch umgesetzt können, ist doch der Konsens der politischen Mitte im EU-Parlament vorhanden. Doch entgegen den FakeNews der EU-Skeptiker gibt in Europa nicht Brüssel den Takt an, sondern beispielsweise die Parlamente in Berlin, Rom, Paris und Warschau.

Mit den Visionen von Macron fängt die Arbeit erst an. Zu lange haben die großen politischen Lager nichts gemacht, einfach abgewartet und somit nur die Dinge angepackt, die auch wirklich nicht mehr zu vermeiden waren. Jetzt die Ideen Macrons umsetzen zu können, in Reformen, Gesetze und Konzepte zu packen, wird nicht einfach werden. Denn zur konkreten Umsetzung sagt der französische Präsident bislang wenig.

Nehmen wir einmal die europäischen Universitäten. Hier hat Macron vorgeschlagen, ein Hochschulnetzwerk zu bilden, die ihre Studierenden auf einen Austausch schicken, nachdem mindestens zwei europäische Sprachen gelernt wurden. 20 Universitäten sollen dabei bis 2024 mitmachen und einen starken europäischen Bezug haben. Eine klasse Idee, die eine ganz neue, junge Generation glühender Europäer hervorbringen könnte. Doch dazu müssen sich die Nationalstaaten bewegen. Denn wie sollen wir junge, angehende Akademiker zusammenbringen, wenn sich ihre Studienzeiten in Trimestern und Semestern überschneiden? Wie wollen wir die Finanzierungsfrage lösen, wenn Studierende in den Ländern wahlweise Studiengebühren zahlen müssen oder eine Art Grundeinkommen bekommen? Und wer soll eigentlich die Hochschulen finanziell unterstützen – und bekommt welches Mitspracherecht bei der Akkreditierung und der Konzeption der Studiengänge? Hier ist sich Deutschland nicht mal national einig, stolpert es doch immer über die eigenen 16 unterschiedlich großen Beine der Bundesländer. Deutschland erstmal seine Hausaufgaben machen, um überhaupt in Betracht zu kommen, Teil des europäischen Bildungsprojekts zu werden.

Ein anderes Thema seiner Rede war Erasmus. Um eine gemeinsame Identität zu schaffen, möchte Macron den Austausch weiter fördern und ausbauen. Und so neu gar nicht, immerhin gibt es das Programm schon seit mehr als 30 Jahren, daneben viele eigene Projekte und Allianzen verschiedener Hochschulen. Doch das kann nur der Anfang gewesen sein. Austausch muss es auf allen Ebene geben, nicht nur für angehende Akademiker. Dazu sollen europäische Fremdsprachen zur Pflicht, nötige Anrechnungen harmonisiert werden. Nur davon zu sprechen, sich auszutauschen, aber selber nicht bereit zu sein, seine Kompetenzen zu teilen, das ist so 2017. Auch hier muss Deutschland Vorreiter werden, nicht mühsam hinterhergezogen werden.

Und dann steht natürlich auch das Megathema Digitalisierung aus. Wieso findet Bildung eigentlich immer noch nur analog statt? Junge Leute, die mit Smartphones und sozialen Netzwerken aufgewachsen sind, können doch ihren Status als Natives nutzen und Bildung digitaler und individueller gestalten. Dafür müssen Zusatzangebote, Begleittexte und Videos aufbereitet und möglichst allen Schülerinnen und Schülern, Studierenden und Auszubildenden in Europa zur Verfügung gestellt werden. Nur so schafft man wirkliche Chancengerechtigkeit, solange die Bildungssysteme in den Ländern (oder Bundesländern) gravierende Unterschiede aufzeigen. Und wieso schaffen wir nicht gleichzeitig eine European Digital University, kurz EDU, nach Vorbild der Flüchtlingshochschule Kiron University in Berlin? Hier gibt es bereits Onlinekurse in verschiedensten Sprachen für eine ganze Reihe an Studiengängen. Und die Kosten sind sogar verhältnismäßig niedrig, was den Steuerzahler prinzipiell freuen würde!

Macron ist der Mann der Zeit, der die richtigen Visionen formuliert. Doch nun werden Leute gebraucht, sich dazu Konzepte zu überlegen und diese auch umzusetzen. Die Bundesregierung ist am Zug. Und muss heute schon damit beginnen – für ganz Europa. Denn Bildung und Wissenschaft funktionieren nicht national.