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18/02/2018 19:15 CET | Aktualisiert 18/02/2018 19:15 CET

Bilanz eines Grenzgängers

Gopal Chitrakar / Reuters

Der 1944 in Brixen, Südtirol geborene Reinhold Messner machte schon früh mit den Bergen Bekanntschaft. Bereits im Alter von fünf hatte ihn sein Vater auf den höchsten Gipfel der Geislerspitzen, den Sass Rigais (3027 Meter), mitgenommen. Das freie Klettern ist für ihn die Möglichkeit ein Höchstmass an Erlebnissen zu erfahren. „Ich wusste, dass mein Weg der des Verzichts sein musste, des Verzichts auf die letzten Tricks der Technik; nur so konnte gelingen, die Kletterschwierigkeit zu steigern.“

Mein Weg (Malik National Geographic, München 2017) ist eine sehr gelungene Zusammenstellung von Interviews, Vorträgen und Texten, die einen nicht nur auf Expeditionen mitnehmen – „Abenteuer Himalaja“ (1975), zusammen mit Peter Habeler, liest sich wie ein Thriller – , sondern auch Einblick geben in das Denken dieses hoch reflektierten Getriebenen, der auch (deswegen?) das Gefühl der heiteren Gelassenheit kennt und einem eindringlich vorführt, dass immer mal wieder höchste Konzentration und grösstes klettertechnisches Geschick vonnöten war, um heil wieder vom Berg runterzukommen. Was er ebenso klarmacht: Dass volle Konzentration einen in die Gegenwart katapultiert.

Warum er das mache, was seine Motivation sei?, wird er immer wieder gefragt. Spass dran haben oder die Natur erleben, empfindet er als unbefriedigende Antworten. Vielleicht sei es ja auch eine Sucht, aber auch dies hält er für eine oberflächliche Erklärung, denn schliesslich und endlich gibt es auf die Frage nach dem Warum keine gesicherte Antwort, nur Vermutungen. „Es ist für mich kein grosser Unterschied zwischen den beiden Fragen: Warum lebst du und warum besteigst du Berge.“

Beim Alleingang auf dem Naga Parbat ist er überzeugt, dass er mit Menschen spricht, „mit Wesen, die ich aus den Augenwinkeln zu sehen glaubte. Nein, das waren wirklich keine Halluzinationen. Ich unterhielt mich mit ihnen. Verstandesmässig glaubte ich selbst nicht an diese Begleiter, aber wenn ich an nichts dachte, waren sie wieder da.“ Das liess mich an Hanno Kühnerts Handbuch für Verstorbene denken, in dem die Toten, mit viel weniger Gewicht als zu Lebzeiten, noch unter uns sind, wenn auch nicht sichtbar.

Reinhold Messner wird häufig seine Geschäftstüchtigkeit vorgeworfen, meist von denen, die gerne ebenso so geschäftstüchtig wären. Um eine solche „Marke“ wie Messner zu werden, braucht es neben ganz viel Ehrgeiz, auch ein ausgeprägtes Anerkennungsbedürfnis. Darin unterscheiden sich Manager und Bergsteiger nicht. Dass Messner zu einer Weltberühmtheit geworden ist, verdankt sich wohl nicht zuletzt seinem Durchsetzungswillen, nicht nur am Berg, der Wüste und der Antarktis, sondern generell. Der Mann ist ein Besessener, von Kräften gesteuert, von denen er selber nicht weiss, woher sie kommen.

Dass er physisch immer wieder ans Limit geht und bislang von seinen Extrem-Expeditionen stets heil zurückgekehrt ist, trägt ihm nicht nur Bewunderung, sondern auch gehörig Neid ein. Es ist jedenfalls auffällig, dass er sich in Interviews dauernd dazu äussern soll, ob er ein Egoist, asozial, ja, ein Egomane sei. Seine Antworten zeigen dann, dass Reinhold Messner ein eigenständiger Denker ist (im Gegensatz zu seinen Befragern, die ausgesprochen stromlinienförmig unterwegs sind), der weiss, dass er andere Ansprüche an sich selber stellt, als die meisten.

Nicht nur Berge besteigt Reinhold Messner, der von sich sagt, im Grunde seines Herzens sei er Bergbauer, er durchquert auch die Antarktis und die Wüste Gobi. Er will selber bestimmen, wie er lebt, will sich selber sein. „Aber Vorsicht, sein eigener Gesetzgeber und Richter zu sein, ist eine schwierige Rolle. Es ist leichter zu sagen, jetzt bin ich frei, als es zu sein. In letzter Konsequenz frei zu sein ist eine grosse Verantwortung.“ Und oft mühsam.

Da will einer keine ausgetrampelten Pfade gehen, interessiert sich für andere Dinge als die meisten, insistiert auf seinem eigenen Weg. „Was mich interessiert, wenn ich draussen unterwegs bin, ist nicht das, was draussen geschieht. Mir geht es nicht um wissenschaftliche oder geographische Eroberungen, sondern um Antworten auf Fragen unserer Menschennatur.“

Dass die Leere der Wüste uns tiefere Erfahrungen zu vermitteln vermag, als die Hektik unseres Alltags, ahnen wir alle, doch hat das selten Konsequenzen. Für Reinhold Messner schon. Und das nehmen ihm viele übel, denn er erinnert sie daran, dass sie auch einmal ein anderes Leben wollten als ihr von Absicherungen geprägtes.

Mein Weg ist ein wunderbar inspirierendes Buch. Es regt uns an, auf kreative Weise egoistisch zu sein, ermuntert uns, für unser Leben die Verantwortung zu tragen.