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22/02/2018 17:32 CET | Aktualisiert 23/02/2018 08:58 CET

Biker: Wir helfen sexuell missbrauchten Kindern in Deutschland

Wir sind keine Racheengel, aber wir tun alles Nötige, um die Kinder zu beschützen.

Wie sich Biker sonst noch sozial engagieren, seht ihr im Video oben

Wir kamen mit 35 Bikern. Als wir die Straße entlang fuhren, sahen wir das Mädchen. Sie stand in einem Wendekreis am Ende einer Straße in einem kleinen Dorf und wartete auf uns.

Ich war sehr aufgeregt, denn es war das erste Mal, dass ich bei diesem Ritus dabei war.

Wir fuhren an dem Mädchen vorbei und parkten die Motorräder. Dann begannen wir mit dem Aufnahmeritual. Sie hatte einen Zettel geschrieben, auf dem all ihre Sorgen und Ängste standen.

Als wir den sogenannten Sorgenzettel bei unserem Ritual verbrannten, weinte die Kleine die ganze Zeit. Sie hatte Schlimmes durchgemacht.

Sie wurde sexuell missbraucht. Sie erstattete mit ihrer Familie Anzeige. Trotzdem hatte sie noch Angst. Sie war stark verunsichert.

Wir beschützen sexuell missbrauchte Kinder

Wir wollten das ändern. Wir sind B.A.C.A. – Bikers Against Child Abuse – eine Bikergruppe, die sich für missbrauchte Kinder einsetzt, sie beschützt und versucht, ihnen wieder ein sicheres Umfeld zu schaffen. Wir wollen diesen Kindern Kraft geben und ihnen ermöglichen, in einer Welt ohne Angst zu leben.

Ich bin Präsident des Vereins. Als ich vier Jahre in den USA gelebt habe, kam ich das erste Mal mit B.A.C.A. in Kontakt.

2013 gab es dann auf Facebook einen Aufruf für ein Treffen von B.A.C.A. in Deutschland. Ich ging hin. Und so fing alles an. Das war vor fünf Jahren.

Volker Vogel
Volker Vogel, der Präsident von B.A.C.A. 

Inzwischen war ich bei etlichen Aufnahmeritualen – dem sogenannten Level 1 – dabei und kenne viele Kinder. Wenn bei uns das Telefon klingelt und ein misshandeltes Kind Hilfe braucht, stehen wir bereit.

Zuerst treffen wir uns mit dem Kind und dem Sorgeberechtigten. Dann bereiten wir das betroffene Kind und seine Familie auf Level 1 und die Aufnahme in die B.A.C.A.-Familie vor.

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Schließlich kommt der Tag, an dem wir uns auf unsere Motorräder schwingen und mit 30, 40, 50 oder mehr Bikern zu dem Kind fahren. Wir tragen alle unsere B.A.C.A.-Kutten – unser Erkennungszeichen.

Wir vereinen uns vor dem Kind, um es in unsere Familie aufzunehmen. Auch das Kind bekommt von uns eine Kutte, auf der steht, dass es jetzt Teil unserer Familie ist. Damit signalisieren wir, dass wir es immer beschützen und da sind,

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Wir begleiten die Kinder viele Jahre

Dann schenken wir dem Kind noch einen Teddybären, den wir durch alle Hände der Mitglieder laufen lassen und mit Liebe und Kraft füllen. Wenn es die Sicherheit zulässt, machen wir auch eine kleine Motorradfahrt.

Das ist der Beginn einer langen Beziehung. Wir begleiten die Kinder meistens viele Jahre. Sie können immer auf uns zählen. Für jedes Kind werden zwei Paten ausgewählt, die in engem Kontakt stehen.

Wir treffen die Kinder regelmäßig, haben einen sehr intensiven Austausch und wissen, was gerade bei dem Kind los ist oder ansteht. Wir hören zu, versuchen eine Stütze zu sein. Im Notfall können sie uns 24 Stunden am Tag erreichen.

Einmal standen wir sieben Tage rund um die Uhr vor dem Haus eines Kindes, weil der Täter Steine und Böller auf das Fenster geworfen hat.

So etwas melden wir der Polizei, damit sich keiner wundert, warum zwei Biker vor der Haustür stehen. Die Polizisten haben uns dann gesagt, dass sie so eine Aktion gar nicht durchführen könnten und froh sind, dass es uns gibt.

BACA Deutschland
B.A.C.A. in Deutschland. 

Laut der polizeilichen Kriminalstatistik gab es in Deutschland im Jahr 2016 über 12.000 Ermittlungs- und Strafverfahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs. Opfer dieser Straftaten sind zu etwa 75 Prozent Mädchen und 25 Prozent Jungen.

Mehr zum Thema: Ein Kind muss vor Gericht aussagen - was diese Biker dann tun, ist tief berührend

Wir arbeiten mit bestehenden lokalen und staatlichen Kinderschutzorganisationen und Behörden zusammen. Zudem veranstalten wir regelmäßig Events mit Infoständen, verteilen Flyer und haben eine Website mit allen Infos. Viel läuft auch über Mundpropaganda.

So werden die Leute auf uns aufmerksam und kontaktieren uns. Sobald wir einen Anruf bekommen, werden wir aktiv. Allerdings brauchen wir immer eine offizielle Bestätigung, dass etwas vorgefallen ist. Der Fall muss also durch eine Behörde oder durch einen Therapeuten bestätigt sein.

Wir sind keine Schlägertruppe

Mit den Tätern haben wir nichts zu tun. Wollen wir auch nicht. Vielleicht sehen wir sie vor Gericht. Dahin begleiten wir die Kinder auch. Aber wir nehmen keinen Kontakt zu den Tätern auf. Recht spricht das Gericht.

Wir sind keine Racheengel. Wir sind auch keine Schlägertruppe. Und wir mischen uns auch nicht in Strafprozesse ein.

Ich maße mir nicht an, diese Urteile zu kritisieren. Das Gericht muss entscheiden, welche Strafe den Tätern zusteht. Dennoch: Für mich ist jede Strafe zu niedrig. Machen wir uns nichts vor: Für Kinder, die ein Trauma erleben, das womöglich lebenslang halten wird, ist eine geringere Strafe als “lebenslang” zu wenig.

Wer bei uns mitmachen will, muss mindestens 18 Jahre und Biker sein. Biker ist jeder, der ein eigenes Motorrad oder Zugriff auf eins hat. Natürlich haben wir auch viele Frauen.

Alle Mitglieder müssen ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen und regelmäßig Schulungen belegen, um zu lernen, wie man mit den Kindern und den Angehörigen am besten spricht.

Die B.A.C.A.-Mitglieder üben in ihrem normalen Leben alle möglichen Berufe aus. Wir haben Ärzte, Psychotherapeuten, Handwerker, Rentner, Berufssoldaten. Und sie engagieren sich alle ehrenamtlich für den Verein. Durch sie ist das Ganze überhaupt möglich.

Wenn man Gutes tun will, muss man anpacken

Ich bin selbst ein sehr fürsorglicher Familienvater und hatte bisher ein tolles Leben. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, etwas zurückzugeben und mich zu engagieren.

Wenn man etwas Gutes tun will, dann muss man selbst anpacken. Es reicht nicht, an Heiligabend in die Kirche zu gehen und ein paar Euro zu spenden.

Außerdem bekommt man auch so viel zurück. Ich muss immer wieder an das Mädchen denken, dass bei meinem ersten Aufnahmeritual geweint hat.

Nachdem der Sorgenzettel verbrannt war, wollten wir mit ihr eine kleine Spritztour machen. Alleine hat sie sich aber nicht getraut, deswegen fuhr sie gemeinsam mit ihrer Mutter mit.

Nach der ersten Runde hat das Kind so gelacht, das war ein sehr bewegender Moment. Wenn ich in lachende Kinderaugen blicke, wo gerade noch ganz viel Schmerz und Trauer war, dann weiß ich, warum ich das alles mache.

Hier könnt ihr Kontakt zu B.A.C.A. Deutschland aufnehmen.

Der Text wurde von Katharina Hoch verfasst.