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12/02/2018 16:51 CET | Aktualisiert 12/02/2018 16:51 CET

Ich habe meine beste Freundin dadurch kennengelernt, dass wir denselben Typen aufgerissen haben

Eigentlich sollte ich sie hassen, dachte ich mir.

wundervisuals via Getty Images
Wir traten uns gegenseitig unter dem Tisch ans Schienbein und grinsten uns an– genau wie meine Schwester und ich es früher immer getan hatten.

“Er ist ein ziemliches Arschloch”, sagte ich zu Jess. Der heiße Argentinier saß mit seinen Freunden im Auto und wartete darauf, Jess mit zu sich nach Hause zu nehmen.

“Er ist ein totales Arschloch”, antwortete mir Jess in ihrem starken französisch-kanadischen Akzent und zuckte mit den Schultern. “Aber es geht ja nur um Sex.”

Ich liebte dieses Mädchen jetzt schon. Doch eigentlich sollte ich sie hassen.

Denn vor gerade einmal zwei Stunden hatte genau dieser Typ mich in seiner Heimatstadt in Patagonien in einem Club aufgerissen.

Ich hatte schon oft Sex, doch es war echt schlecht

Er hatte sein bestes Stück eine gute halbe Stunde lang an meinem Hintern entlang gerieben und mich dann mit auf eine Spritztour genommen. Wohin wir fuhren, war mir vollkommen egal. Ich wollte einfach nur flachgelegt werden.

Sein Name war Sebastian. Das war jedoch auch schon alles, was ich über ihn erfuhr. Doch das war für uns beide vollkommen in Ordnung.

Ich hatte ja schon oft Sex im Auto gehabt, doch dieses Mal war es echt schlecht. Als es vorbei war, machte Sebastian einen Knoten in das Kondom und schleuderte es wie eine Handgranate aus dem Fenster.

Er zündete sich eine Zigarette an und brachte uns schnell von dem See weg, an dem wir gerade Sex gehabt hatten.

Wir fuhren zurück zur Bar

Ich war damals 34 Jahre alt und stand dazu, dass ich eine Schlampe war ― ähm, ich meine natürlich, dass ich ein entspanntes Verhältnis zum Thema Sex hatte.

Ich ging also davon aus, dass wir einen ganz normalen One-Night-Stand haben würden. Falsch gedacht. Wir fuhren zurück zu der Bar! Unsere gemeinsame Nacht sollte wohl nur eine halbe Stunde lang dauern.

Er holte seine Freunde ab, die er zurückgelassen hatte, und brachte uns alle zusammen in einen anderen Club.

Ich würde heute Nacht nicht die einzige sein

Die Gäste dort waren alle vollkommen besoffen und der ganze Boden war verklebt von verschüttetem Bier, so dass ich bei jedem einzelnen Schritt mit meinen Flip-Flops hängenblieb.

Sebastian schenkte mir keinerlei Beachtung mehr, denn er war damit beschäftigt, irgendjemand anderem Nachrichten zu schicken. Plötzlich kam ein Mädchen herein, das zehn Jahre jünger und um einiges hübscher als ich war.

Da wurde mir alles klar: Dieser Typ würde heute Nacht also gleich zwei Frauen flachlegen.

Ich wollte nach Hause gehen

Das Mädchen lächelte mich an, doch ich wollte nichts mit ihr zu tun haben. Ich bezeichne mich zwar selbst als Feministin, doch das Patriarchat hatte mir erfolgreich eingebläut, jede andere Frau zu hassen, die es wagte, sich zwischen mich und einen Mann zu stellen, der mich in meinem Wert bestätigte.

Ich sagte zu Sebastian, dass ich nach Hause gehen wollte, dass mein Pullover jedoch noch in seinem Auto lag. Daraufhin beschloss er, dass wir nun alle gehen sollten.

Tolle Idee! Lasst uns alle zusammen aufbrechen ― du, ich, deine Freunde und das Mädchen, das mich jetzt gleich ersetzen würde.

Ich kann nicht fies sein

Ich blieb ein paar Schritte hinter der Gruppe zurück, doch das Mädchen lief neben mir her und wollte sich mit mir unterhalten. “Du bist also Amerikanerin?!”

Richtig.

“Ich komme aus Kanada!”, sagte sie. Als ob ich meine Meinung über sie ändern würde, bloß weil wir eine gemeinsame Grenze teilten.

Ich bin nicht besonders gut darin, fies zu anderen zu sein. Nicht einmal bei Menschen, die ich hasse. Und deshalb bemerkte sie auch gar nicht, dass ich mir eigentlich dachte: “Hau bloß ab, verdammt!”

Wir tauschten unseren Nummern aus

Als wir bei Sebastians Auto ankamen, gackerten wir zu meiner eigenen Überraschung bereits wie zwei Hühner miteinander herum. Und ich warnte sie davor, dass er ein Arschloch war.

“Hm ... meinst du, es wäre komisch, wenn wir Freundinnen werden würden?”, fragte ich sie, bevor ich mich verabschiedete.

“Soll das ein Witz sein? Mir ist dieser Typ doch vollkommen egal”, antwortete sie und wedelte mit der Hand, als wolle sie ihn wie eine lästige Fliege verscheuchen. “Aber dich mag ich!”

“Ich mag dich auch!” Sebastian und seine Freunde starrten uns vollkommen perplex an, als wir unsere Nummern austauschten.

Ich suchte eine Ersatzschwester

“Du bist eine unabhängige Frau. Ich brauche starke Frauen in meinem Leben”, sagte Jess.

“Ich auch! Ohne eine Schwester fühle ich mich innerlich tot.” Ich war zu dieser Zeit verzweifelt auf der Suche nach einer Ersatzschwester.

Denn zum einen hatte meine echte Schwester gerade geheiratet und zum anderen hatte ich in den ersten Monaten, in denen ich allein durch Südamerika gereist war, noch keine einzige Freundin gefunden.

Die einzigen Bekanntschaften, die ich gemacht hatte, waren Männer, die mich über couchsurfing.com auf ihrem Sofa schlafen ließen. Und die Hälfte davon hatte erfolglos versucht, mich dabei auch direkt ins Bett zu kriegen.

Dieser Typ hatte mich an dem Abend versetz

Als ich nach Patagonien kam, knickte ich dann aber doch ein. Ich hatte die ganze Zeit über mit einem Typen was am Laufen, der mich in der Woche vorher bei sich aufgenommen hatte.

Okay, um ganz ehrlich zu sein, muss ich zugeben, dass ich überhaupt nur in den Club gegangen war, weil dieser Typ mich an dem Abend versetzt hatte. Ich wollte also ausgehen und mir beweisen, dass ich keinen Mann brauchte, um mich in meinem eigenen Wert zu bestätigen.

Doch damit lag ich wohl falsch.

Ich habe bisher nur mit Männern geschlafen, die mir nichts bedeuteten

Ich war schon mein ganzes Leben lang Single. Ich reiste seit Jahren vollkommen unbesorgt allein durch die Welt.

Ich trat in New York als Comedian vor einem vorwiegend männlichen Publikum auf. Ich hatte mit zwanzig einige Jahre lang als Führerin von Wildwasser-Rafting-Touren, als Skilehrerin und als Führerin von Kletter- und Wandertouren gearbeitet und in einem Transporter gelebt.

Im Bezug auf Beziehungen war ich jedoch ein schrecklicher Feigling. Und deshalb hatte ich bisher auch immer nur mit Männern geschlafen, die mir nichts bedeuteten.

Die Umstände waren nicht gerade ideal

Bei diesem Couchsurfing-Typ war es jedoch anders. Ich hatte mich ein wenig in ihn verliebt. Und das machte mich total verrückt. Tatsächlich hatte ich die Reisegötter an diesem Tag bereits angefleht, dass ich endlich eine Frau kennenlernen würde. Jemanden, der mir wieder Halt gibt.

Jess und ich lernten uns zwar nicht gerade unter den idealsten Umständen kennen, doch das war mir egal. Ich nahm, was ich bekommen konnte.

Sebastian hupte. Er wollte uns beiden Frauen nicht länger dabei zusehen müssen, wie wir uns anfreundeten.

Ich wusste, ich hatte etwas besseres verdient

“Wir sind jetzt Schwestern”, sagte Jess und bot an, mir ein Taxi nach Hause zu bezahlen.

“Danke, das ist süß. Aber ich gehe lieber zu Fuß nach Hause und laufe mir meine Schande vom Leib”, antwortete ich und umarmte sie zum Abschied.

Man muss sich absolut nicht dafür schämen, dass man hin und wieder One-Night-Stands hat. Doch sich etwas mit einem Typen anzufangen, der absolut nichts dafür tut, dass man eine schöne Zeit hat, nur um einen anderen Typen zu vergessen? Damit schadet man sich einfach nur selbst. Ich hatte etwas Besseres verdient und das wusste ich auch.

Am Tag darauf trafen Jess und ich uns auf einen Kaffee. Und drei Tage später brach sie mit mir zu einer einwöchigen Kletterexpedition durch Patagonien auf.

Innerhalb weniger Tage wurden wir beste Freundinnen

Wir sprachen insgesamt vielleicht fünf Minuten lang über Sebastian. Den Rest der Zeit unterhielten wir uns lieber über uns selbst.

Wir schliefen zusammen unter freiem Himmel. Wir kletterten im Schatten steile Wege empor. Und wir lernten coole Kletterer aus der ganzen Welt kennen.

Innerhalb weniger Tage wurden wir beste Freundinnen. Und wenn man so darüber nachdenkt, ist das echt ein Wunder.

Wie oft bestrafen wir eigentlich Frauen für das schlechte Verhalten von Männern? Wie viele wundervolle Freundschaften müssen wir verpassen, bevor uns klar wird, dass Männer kommen und gehen, während uns echte Freundinnen für immer bleiben?

Ich übte, ganz normale “Pärchensachen” zu machen

In den darauffolgenden Wochen verbrachte ich meine Zeit entweder mit Jess oder mit meinem Couchsurfing-Flirt. Er nahm mich mit zu seinen Bandproben und wir sahen uns bei ihm zuhause die Spiele des argentinischen Fußballclubs River Plate an.

Manchmal spielte er mir am See etwas auf seiner Gitarre vor. Ich übte, ganz normale “Pärchensachen” zu machen ― zum Beispiel, einfach nur angezogen miteinander Zeit zu verbringen und sich zu unterhalten.

Irgendwann stellte ich fest, dass ich den Gitarren-Mann tatsächlich ganz schön ins Herz geschlossen hatte, was mir wahnsinnige Angst machte.

Jess begann von mir zu schwärmen

Doch nach einiger Zeit wurde mir auch klar, dass er meine Gefühle nicht wirklich teilte. Denn er lud mich immer nur an den Abenden zu sich nach Hause ein, an denen er gerade keinen seiner ständig wechselnden Couchsurfing-Gäste hatte, die natürlich allesamt weiblich waren.

Als wir eines Abends zusammen feiern gingen, hatte er ziemlich einen über den Durst getrunken. Ich trinke generell keinen Alkohol, auch wenn man das kaum glauben mag.

Durch Zufall stand plötzlich Jess vor uns. Sie freute sich wie immer, mich zu sehen. Und dann begann sie, vor dem Gitarren-Mann von mir zu schwärmen.

“Sie ist eine wertvolle Perle”

“Dieses Mädchen hat mein Leben verändert. Bevor ich sie traf, war ich echt depressiv. Doch sie hat mich zum Klettern mitgenommen. Sie hat mich mit Liebe erfüllt. Sie ist für mich wie eine wertvolle Perle, die ich am Meeresboden gefunden habe.”

“Ohhh”, sagte ich und wurde rot. “Ist sie nicht eine Perle?”, fragte Jess ihn. “Haben wir beide nicht einen wahren Schatz gefunden?”

Betrunkene Leute tun sich schwer darin, Gefühle zu heucheln. Und deshalb antwortete der Gitarren-Mann genau so, wie er sich eben fühlte. “Klar”, sagte er und zuckte vollkommen gleichgültig mit den Schultern.

Der Gitarren-Mann zeigte kein Interesse

Ein paar Tage später lagen wir wieder zusammen im Bett. Ich erzählte ihm, dass ich für einen Produzenten in New York mit dem Handy einen Comedy-Podcast aufnehmen wollte.

Er sagte nur: “Das ist toll.” Und schon sprach er wieder über sich selbst und erzählte mir, wie sehr er Chile hasste. Ich als Comedian rede ja wirklich gerne über mein Privatleben.

Ich nutze absolut jede Gelegenheit, um mich über mich selbst oder über meine Arbeit auszulassen. Ich mache das jedoch nur, wenn mein Gegenüber zumindest irgendeine Art von Interesse daran zeigt. Doch das tat der Gitarren-Mann nicht.

Und als ich so darüber nachdachte, fragte ich mich: “Weiß der Typ überhaupt, dass ich Comedian bin? Ich kann mich nicht an eine einzige Situation erinnern, in der er mir eine Frage zu mir selbst gestellt hätte.”

Menschen, die sich mögen, interessieren sich füreinander

Als ich hingegen Jess von meinem Podcast erzählte, warf sie ihre Arme in die Luft und rief: “Das ist großartig! Ich bin so stolz auf dich! ... Was ist eigentlich ein Podcast?” Menschen, die sich mögen, interessieren sich füreinander. Oder zumindest tun sie so, als würden sie sich füreinander interessieren.

Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Für diesen Typen war ich überhaupt keine wertvolle Perle. Für ihn war ich nur eine gute Gelegenheit. Ein Groupie, das ihm brav Beifall spendete, wenn er mit der Gitarre spielte.

Ich war zwar damals nicht gerade eine Expertin im Bezug auf Beziehungen und Dates. Doch es erschien mir nur vernünftig, von einem Mann, mit dem ich ins Bett ging, zu erwarten, dass er mich mindestens genauso gern hatte wie meine Freunde, wenn nicht sogar noch lieber.

Vor allem angesichts der Tatsache, dass er nicht nur mein Freund sein durfte, sondern dass er nebenbei auch noch Sex mit mir haben durfte.

Ich nahm Jess mit zu meiner Familie

Als der Gitarren-Mann mich am nächsten Tag wieder versetzte, weil er sich um einen neuen Couchsurfing-Gast “kümmern” musste, beschloss ich, mich nie wieder mit ihm zu treffen.

Schließlich traf Jess ihn dann jedoch wenige Tage später auf einer Party wieder. Sie stellte ihn vor all seinen Freunden bloß und beschimpfte ihn als Arschloch, das sich an wehrlose Ausländerinnen heranmachte.

In den darauffolgenden fünf Monaten arbeitete ich als Englischlehrerin in Chile. Dort lernte ich dann noch zwei weitere tolle Frauen kennen. Als ich mit meinem Job fertig war, reisten Jess und ich wochenlang zusammen durch Argentinien.

Gegen Ende des Sommers luden meine Eltern mich zu einem Familienurlaub ein. Ich sollte ein Begleitung mitbringen, da meine Schwester mit ihrem Ehemann anreisen würde. Und natürlich nahm ich Jess mit.

Wir teilten ein Geheimnis miteinander

Meine Familie konnte gar nicht fassen, wie nah wir uns standen, obwohl wir uns gerade erst seit ein paar Monaten kannten.

“Wie habt ihr beiden euch denn eigentlich kennengelernt?”, fragte mein Vater uns eines Tages beim Abendessen. “Oh ... über einen gemeinsamen Freund!”, antwortete ich hastig.

Wir traten uns gegenseitig unter dem Tisch ans Schienbein und grinsten uns an. Genau wie meine Schwester und ich es früher immer getan hatten, wenn wir ein Geheimnis miteinander teilten.

Später an diesem Abend bekam Jess plötzlich auf Facebook eine Nachricht von Sebastian.

Ich wünschte, wir hätten uns vorher schon gekannt

Im Gegensatz zu mir hatte er ihr eine Freundschaftsanfrage geschickt. Er war total verwirrt, weil er die ganzen gemeinsamen Bilder von uns gesehen hatte. Und er wollte wissen, ob wir uns vorher schon gekannt hatten.

“Ich wünschte, das hätten wir!”, las Jess mir die Nachricht vor, die sie gerade schrieb. “Aber vielen Dank, dass du uns einander vorgestellt hast!”

Seit Argentinien leben Jess und ich leider nicht mehr im selben Land. Doch wann immer ich einen süßen Typen kennenlerne, denke ich an sie. Ich frage mich dann selbst, ob ich den Kerl eigentlich wirklich gern habe, oder ob ich nur seine Aufmerksamkeit haben will.

Und ich frage mich, ob er mir mit seinem Verhalten auch tatsächlich widerspiegelt, dass er mich wirklich gern hat. Denn wenn nicht, benutzt er mich auf der Suche nach seiner Perle nur als Zwischenlösung.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.