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28/05/2018 12:29 CEST | Aktualisiert 28/05/2018 17:03 CEST

Bestatterin: Mit diesen Worten verschlimmert ihr den Schmerz von Trauernden

“Mensch Mama, sei dankbar dafür, dass du ihn 60 Jahre lang hattest."

Im Video oben seht ihr die wahrscheinlich ehrlichste Todesanzeige aller Zeiten

Wer in mein Bestattungsunternehmen kommt, hat gerade etwas Schreckliches erlebt. Jeder Mensch verliert nur ein Mal im Leben einen Papa, eine Mama.

In meinem Beruf als Bestatterin muss ich erkennen, dass Trauer einmalig und einzigartig ist. Die Reaktionen auf den Verlust eines Menschen und auf den Schmerz, den jemand damit verbindet, fallen jedes Mal anders aus. 

Oft ist es so, dass Angehörige den Nahestehenden eines Toten helfen wollen, indem sie beispielsweise auf Positives verweisen. Positive Gefühle wie Dankbarkeit, dass jemand einen Menschen gekannt hat oder mit ihm einen Teil des Lebens verbringen durfte.

Doch genau das ist falsch, weil es immer viel zu früh passiert.

“Mensch Mama, sei dankbar dafür, dass du ihn 60 Jahre lang hattest”

Letztens saß eine Frau bei mir, die fast 60 Jahre lang mit ihrem Mann verheiratet war. Die gemeinsame Tochter war ebenfalls beim Bestattungsgespräch dabei.

► Während des Termins weinte die Frau bitterlich. Dabei betonte sie, wie furchtbar und schrecklich alles sei. Die Tochter, die daneben saß, antwortete ihr:

“Mensch Mama, sei doch dankbar dafür, dass du ihn 60 Jahre lang hattest.”

Das war ein Moment, der mich als Bestatterin fassungslos machte: Dieser Spruch kommt leider viel zu früh. Im Moment kann sie noch gar nicht dankbar dafür sein. Jetzt ist sie gerade nur so tieftraurig, dass er einfach nicht mehr da ist.

Und genau das sagte ich der Tochter auch. Sie hat es bestimmt gut mit ihrer Mutter gemeint. Doch die Worte haben sie gleichzeitig auch sehr getroffen, sehr verletzt. Es macht der Mutter nochmal bewusst, wie lange sie ihren Mann an ihrer Seite hatte. Jetzt ist er unwiderruflich fort. Ein unerträglicher Moment für die Frau.

Wir wissen nicht, wie wir mit Trauer umgehen sollen

Es passiert sehr schnell, dass andere Menschen einen trösten wollen. Trost und Trösten ist aber nicht einfach. Im Grunde genommen geht es darum, da zu sein, die Situation zusammen auszuhalten und den Weg des Trauernden mitzugehen. Doch genau das fällt uns Menschen sehr schwer. Denn wir haben nie gelernt, mit Trauer umzugehen. Deshalb sagte auch die Tochter lediglich:

“Jetzt komm, Mama. Beruhige dich.”

► Ich sage den Menschen immer, dass es in Ordnung ist, zu trauern. Egal auf welche Weise: “Doch andere trösten im Sinne von Wegreden – das ist nicht hilfreich.

Meist sind es die Menschen, die Trost spenden wollen und selbst den Verlust nicht aushalten

In meiner Arbeit erlebe ich oft Hilflosigkeit. Aber es sind meist genau die Menschen, die Trost spenden wollen, die den Verlust nicht aushalten.

► Denn Menschen möchten gerne helfen und meinen, man müsse etwas ganz Besonderes machen oder sagen.

Doch Trost braucht keine großen Worte. Sich auf Augenhöhe zu begegnen und zu signalisieren, dass man mit der Trauer des Gegenübers umgehen kann. Dem Schmerz dieser Frau, die mehr als 60 Jahre lang an der Seite ihres Mannes lebte – bis er starb.

Sich gemeinsam auf den Weg zu machen – das gibt Trauernden Halt, Stabilisierung und Trost. 

(jds)