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06/04/2018 19:35 CEST | Aktualisiert 06/04/2018 19:35 CEST

Besser schnell surfen als lange pendeln

Pixabay (CC0 Creative Commons)
Anstatt immer mehr Menschen immer längere Wege zuzumuten zwingen, müssen wir ihnen die Möglichkeit geben, flexibel zu arbeiten: zum Beispiel von unterwegs oder aus dem Home-Office.

Es stinkt in den deutschen Städten, und das stinkt der EU-Kommission gewaltig. Aus Brüssel droht Deutschland eine Klage: Seit Jahren werden in vielen Ballungsgebieten die europaweit festgesetzten Grenzwerte für den Ausstoß der gefährlichen Stickoxide (NO2) nicht nur nicht eingehalten, sondern stark überschritten. Das ist unglaublich und hat gravierende Folgen für die Gesundheit. So rechnet zum Beispiel eine Studie des Umweltbundesamts vor, dass bereits 2014 rund 6.000 Menschen vorzeitig an Herz-Kreislauf-Krankheiten starben, die eindeutig eine längere Zeit mit Stickstoffdioxid belastet worden waren.

Bekannt ist inzwischen auch, dass Dieselfahrzeuge besonders viel NO2 ausstoßen. Städte können nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts Leipzig von Ende Februar bei Feinstaubalarm jetzt ein Verbot für Dieselfahrzeuge verhängen. Allerdings gibt es noch eine Reihe von Ausnahmeregelungen, wie etwa für Handwerker, die auf ihre Fahrzeuge bei der Arbeit angewiesen sind. Neuere Fahrzeuge mit der Abgasnorm Euro 6 sind ebenfalls davon ausgenommen. Und wie das so in solchen Fällen ist, sieht das Urteil zudem Übergangsfristen vor. Fahrzeuge der Abgasnorm Euro 5 dürfen zum Beispiel in Stuttgart noch bis zum 1. September 2019 in die Innenstadt fahren. Ob und wann das Dieselfahrverbot also Wirkung zeigt, bleibt abzuwarten.

So weit die Gesetzeslage. Die Bundesregierung will mit ihrer Idee frischen Wind in die Städte bringen und den kostenlosen Nahverkehr für alle testen. Der Energieverbrauch einer Bahn- oder Busfahrt pro Passagier ist nach Berechnungen des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) nämlich nur halb so hoch wie der bei einer gleich langen Autofahrt. So könnte schon einiges an giftigen Gasen eingespart werden. 

Schnapsidee oder genialer Einfall? Wird eher schwierig, denn nach einer Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov verzichtet die Hälfte der über 18 Millionen Berufspendler hierzulande auf den öffentlichen Nahverkehr, weil sie Busse und Bahnen als zu unzuverlässig, zu schmutzig, zu voll und zu unangenehm empfinden. Und das jetzt schon, wo er noch relativ teuer bezahlt werden muss. Im vergangenen Jahr nahmen die deutschen Nahverkehrsbetriebe nach VDV-Angaben rund 13 Milliarden Euro pro Jahr ein. Diese Kosten würde nach den Plänen der Bundesregierung der Steuerzahler begleichen müssen – so viel zum Thema kostenlos. Allein für die Hamburger wäre das so viel, wie die Elbphilharmonie gekostet hat.

Wenn also Pendler auf Bus und Bahn umsteigen sollen, muss der öffentliche Nahverkehr deutlicher attraktiver werden. Investitionen in Komfort wären notwendig, für Langstreckenpendler vor allem in eine durchgängige, zuverlässige Netzabdeckung und schnelles WLAN, damit sie ihre Fahrzeit mit ihren mobilen Geräten effizient nutzen können. 

Beide Herausforderungen – die schlechte Luft in den Städten und die überfüllten öffentlichen Verkehrsmittel – ließen sich einfacher und auf einen Schlag lösen: Viele Jobs können nämlich bereits heute schon dank Smartphones, Tablets, schnellen Internetzugängen sowie Software-Lösungen aus der Cloud zu jeder Zeit und von jedem Ort aus erledigt werden. Keiner muss dafür extra ins Büro fahren. Auch der persönliche Kontakt zu Kollegen und Kunden lässt sich per Web- und Videokonferenz halten. Das schont nicht nur die Gesundheit durch weniger NO2-Belastung der Luft, sondern auch noch das Klima durch weniger Kohlenstoffdioxid (CO2)-Ausstoß. 

Nach Angaben des Digitalverbands BITKOM bietet bereits fast jedes dritte deutsche Unternehmen seinen Mitarbeitern an, zumindest teilweise von Zuhause zu arbeiten, so wie beispielsweise SAP. Der Softwareriese hat mit seinem Betriebsrat eine entsprechende Vereinbarung für seine rund 22.000 Mitarbeiter ausgehandelt. Das steigert seine Attraktivität als Arbeitgeber, denn die Mitarbeiter von heute legen großen Wert darauf, flexibel arbeiten zu können.

Klar ist: Digitale Technologien erhöhen nicht nur die Effizienz in Unternehmen und schonen die Ressourcen. Sie tragen auch maßgeblich zum Klimaschutz und besserer Luft in den Städten bei, weil einfach nicht mehr so viel gereist werden muss. Es liegt an den Unternehmen und an uns allen, dieses Potenzial weiter auszuschöpfen. Mit flächendeckendem Breitbandausbau, bei dem Deutschland im EU-Vergleich allerdings noch hinterherhinkt, ließe sich so nicht nur die Luftqualität in den Städten verbessern, sondern auch die Work-Life-Balance der Mitarbeiter. Sie könnten sich lange Anfahrzeiten in überfüllten Bahnen und Bussen sparen und könnten ihre Autos – Diesel oder Benziner – getrost in der Garage stehen lassen.