POLITIK
28/02/2018 12:30 CET | Aktualisiert 28/02/2018 15:05 CET

Mieter entsetzt: Berliner Amt will Fenster in Mehrfamilienhaus zumauern

Den Bewohnern drohen dunkle Zeiten.

  • Das Bezirksamt Berlin Pankow will Fenster eines Mehrfamilienhauses zumauern lassen
  • Die Begründung ist fadenscheinig 
  • Im Video oben: Wer eine Wohnung in Berlin sucht, sollte dieses Video kennen - es sagt alles über die Wohnungslage dort aus 

Um ein Haus in der Kollwitzstraße im Berliner Bezirk Pankow ist ein recht sonderbarer Streit entbrannt. Wie der “Berliner Kurier” berichtet, will das Bezirksamt den Mietern kurzerhand einige ihrer Fenster zumauern. Die sind nicht begeistert, künftig im Dunkeln sitzen zu müssen und wehren sich.

Ämterstreit um Modernisierung

Angefangen hatte alles bereits im Juli 2014: Die landeseigene Wohnungsbau-Gesellschaft “Gewobag” hatte die Modernisierung des Mietshauses aus dem 19. Jahrhundert beantragt. Das Bezirksamt prüfte den Antrag und stellte fest, was Ämter feststellen, wenn sie nur lange genug suchen: es fehlt eine Genehmigung.

Ins Visier der strengen Prüfer waren 4 Seitenfenster gefallen. Der Verdacht: Die konnten nicht original aus der Bauzeit des Hauses sein! 

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Tatsächlich waren sie 1984 von der Kommunalen Wohnungsverwaltung (KWV) in die Brandmauer eingezogen worden. Aber war diese Maßnahme damals auch offiziell genehmigt?

Das Bezirksamt bezweifelt das und verlangt einen Beweis. Sollte der nicht zu erbringen sein, will sie die Fenster eben zumauern.

Fehlende Genehmigung aus DDR-Zeiten

Doch für die Wohnungsgesellschaft Gewobag ist es nicht gerade einfach, einen solchen Beweis zu erbringen. Denn als die Fenster eingebaut wurden, gehörte der Bezirk zu einem anderen Staat: der DDR.

Die KWV existiert längst nicht mehr und viele Akten sind schlicht verschollen.

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Nun sind die Bewohner sauer. Einer von ihnen ist Bernhard Zemke. Er wohnt im 4. Stock und erklärt, dass es mit dem Verschwinden des Fensters in seinem Flur nicht nur ziemlich dunkel würde. Auch die schöne Aussicht auf die Skyline, den Fernsehturm und den Berliner Dom wäre dahin.

Gegenüber dem “Berliner Kurier” (BK) macht er seinem Ärger Luft: “Wem bringt es etwas, bei uns und in den drei Etagen darunter die Seitenfenster zuzumauern?“ 

Möglicher Verkauf des Grundstücks an Privatinvestoren

Auf diese Frage gibt es bereits eine mögliche Antwort: Die Mieter vermuten, dass die Posse mit der verschollenen Genehmigung die eigentlichen Interessen des Bezirksamts verschleiern soll. 

In Wahrheit solle es um den Verkauf des unbebauten Nachbargrundstücks an einen Privatinvestor gehen. 

Wie der Berliner Kurier schreibt, würden die Fenster für einen möglichen Käufer zum Problem, denn es gebe für einen Neubau viel größere rechtliche Hürden, wenn er an eine Brandmauer mit Fenstern grenze.

Ohne Fenster ließe sich für das Grundstück viel leichter ein Investor finden.

Laut dem Berliner Kurier äußert sich das Bezirksamt nicht zu dem Streit.

Mangel an sozialem Wohnraum in Berlin

Der Fall ist brisant, denn er befeuert die Debatte um die Wohnungsnot aufs neue: Wie viele Großstädte in ganz Deutschland leidet Berlin unter einem ernsten Mangel an sozialem Wohnraum.

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Wie der “Tagesspiegel” berichtet, fehlten in der Hauptstadt mehr als 130.000 bezahlbare Wohnungen für Durchschnittsverdiener. Zusätzlich schrumpfe bis zum Jahr 2025 der Bestand an öffentlich geförderten Sozialwohnungen unaufhaltsam.

Gründe für Neubauten gäbe es in Berlin also genug. Viele private Bauherren haben jedoch nur ihren eigenen Gewinn vor Augen und verkaufen die neu geschaffenen Wohnungen später als teure Investitionsobjekte – was die Wohnungsnot nur weiter verschärft.

Im Raum steht im Fall bedrohten Fenster der Vorwurf, dass von einem Bauprojekt wieder einmal nur zahlungskräftige Mieter profitieren würden, während Mieter mit normalem Einkommen an den Rand gedrängt werden.

(tb)