POLITIK
02/08/2018 12:50 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 14:23 CEST

Berlin wird immer mehr wie München – es wird die Stadt töten

HuffPost-These über die deutsche Hauptstadt und ihre Probleme.

Anke Rabener / EyeEm via Getty Images
Gute Nacht, Berlin!

Liebes Berlin!

Was habe ich dich bewundert. Was habe ich mich nach dir gesehnt. Als ich Student war und aufgrund einer unglücklichen Fügung des Schicksals leider in München wohnen musste, warst du für mich der Ort, an dem alle meine Träume wahr werden würden.

Man sagte, dass jeder seine Nische in Berlin finden könnte. Als Mensch. Oder eine Baulücke irgendwo in einem der weitläufigen Altbauviertel, in die man seine Träume projizieren könnte.

Berlin, das hieß auch, dass man frei von den Erwartungen der anderen sein durfte.

Vor mehr als zehn Jahren bin ich zu dir gezogen, Berlin. Gerade noch rechtzeitig, um eine Ahnung davon zu bekommen, was deinen Zauber ausgemacht hat. Ein paar Momente, bevor der Hype anfing.

Fing es mit Klaus Wowereit und seinem Mantra “Arm, aber Sexy” an? Mit dem Ruhm des Berghains? Oder mit den internationalen Konzernen, die ihre Firmenzentralen nach Berlin verlagerten, weil sie dort sein wollten, wo die Trends gemacht werden?

► Heute jedenfalls ist es nicht mehr so einfach, ein relativ junger, zugezogener Berliner zu sein.

Diese Zahlen müssen dir Sorgen machen, Berlin!

Die “Berliner Zeitung” hat kürzlich eine Umfrage veröffentlicht, in der es um die Zufriedenheit der Bewohner deutscher Metropolen mit ihren Städten ging. 89 Prozent der Hamburger fühlen sich wohl in ihrer Stadt. Auch in Köln, Düsseldorf und Frankfurt sind über 80 Prozent der Bewohner glücklich.

► In Berlin dagegen sind es nur 70 Prozent.

Und die Zahlen sind noch ein wenig alarmierender, wenn man sich anschaut, wer da so unzufrieden ist.

► Es sind vor allem die Jüngeren, die derzeit der Zweifel quält, ob ihr eigenes Leben noch nach Berlin passt. Unter den 18- bis 29-Jährigen würden 36 Prozent lieber wegziehen. Dagegen sind 80 Prozent der Rentner sehr happy mit ihrer Stadt.

Noch deutlicher wird dieser Trend, wenn man betrachtet, wie sich die Wohndauer in Berlin auf die Zufriedenheit auswirkt. Wer in Berlin geboren wurde, ist hier relativ glücklich: 76 Prozent gaben an, ein positives Verhältnis zu Berlin zu haben.

Unter denen, die nach 1999 zugezogen sind, wollen dagegen 44 Prozent lieber wegziehen.

► Liebes Berlin: Wenn ich in der Senatsverwaltung sitzen würde, dann hätte diese Umfrage eine sehr beunruhigende Wirkung auf mich.

Früher Sehnsuchtsort, heute reizlose Großstadt

Berlin, du warst mal ein Sehnsuchtsort. Für mich und für viele Millionen Menschen in Deutschland und anderswo. Das alles ist heute nur noch Image. Wer hier als junger Mensch lebt, sieht sich mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit eher mit den Härten der Großstadt als mit den Reizen konfrontiert.

Natürlich stimmt es, dass hier immer noch viele kreative Menschen leben. Und dass es nirgendwo in Deutschland so einfach ist wie in Berlin, Anschluss an Leute zu bekommen, die an spannenden Ideen arbeiten.

► Gleichzeitig wachsen jedoch auch die Lebenshaltungskosten – was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass immer mehr Gutverdiener hierher ziehen.

► Das macht sich vor allem auf dem Mietmarkt bemerkbar. Vor zehn Jahren war es kein Problem, innerhalb des S-Bahn-Rings ein WG-Zimmer für unter 200 Euro im Monat zu bekommen. Mittlerweile keilen die Studenten sich um die letzten Zimmer, die noch für unter 400 Euro zu haben sind.

Stadtteile wie Neukölln, Friedrichshain oder Kreuzberg, die noch vor zehn Jahren als “place to be” galten, sind mittlerweile unerschwinglich geworden.

holgs via Getty Images
Menschen in den Straßen Neuköllns.

Mir macht das auch deswegen so viele Sorgen, weil ich sechs Jahre meines Lebens in einer anderen Stadt verbracht habe, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Geschichte mal als Sehnsuchtsort für junge Menschen galt – meine alte Studienstadt München.

Guck dir München heute mal an!

Die Kreativen und Verrückten dieser Republik zog es in den 1960er- und 1970er-Jahren dort hin. Es gab eine sehr lebendige Kulturszene. Mittlerweile wird in München allenfalls noch Kunst ausgestellt. Wer heute jung und kreativ ist, der ist im Regelfall zu arm, um sich in München eine Bleibe leisten zu können.

Daran muss ich denken, wenn ich höre, dass sich vor allem die Älteren in Berlin wohl fühlen. Jene, die noch in den Genuss der sozialen Annehmlichkeiten der alten Bundesrepublik gekommen sind.

Für junge Menschen ist Berlin dagegen ein hartes Pflaster geworden. Die schlecht bezahlten Jobs im Kreativ- und Startup-Bereich gibt es zwar schon länger. Nun reicht das Geld aber nicht mehr aus, um die Lebenshaltungskosten in der Hauptstadt zu finanzieren.

Liebes Berlin: Eigentlich müsste dir alles daran gelegen sein, um diese jungen Menschen zu halten.

Hier geht es nicht nur um ein Image, sondern auch um die Zukunft. Denn wenn du erst eines Tages zur Schlafstadt für den älteren und reicheren Teil der Bevölkerung geworden bist, wirst du merken, dass man sich ein positives Lebensgefühl nicht kaufen kann. 

(sk)