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23/08/2018 18:18 CEST | Aktualisiert 25/08/2018 18:13 CEST

Berlin: Imkerin erklärt den Kampf gegen Bienensterben – und die Schattenseiten

Wir haben Erika Mayr über den Dächern Berlins getroffen.

HuffPost / Klockner
Stadtimkerin Erika Mayr.

Der Weg in Erika Mayrs Bienenreich führt über Metallstufen vorbei an fetten Blechschläuchen auf das Dach eines Callcenters im Herzen Berlins.

Von hier sieht die Hauptstadt aus wie ein riesiger Industriepark. Mit Schornsteinen und Glasfassaden. Eine Betonwüste bei über 30 Grad, ein landwirtschaftliches Idyll ist das nicht.

Wenn es nicht diese fünf kniehohen, weißen Boxen gäbe, in denen das letzte bisschen Natur hier oben wuselt: insgesamt 50.000 Bienen, die seit 5 Uhr morgens geschäftig ihrem Job nachgehen.

“Summ, summ, summ” – je näher wir ihnen kommen, desto größer wird Mayrs Lächeln.

“Ich gebe ihnen die Kiste in einer Umgebung, die sie ernährt. Sie schenken mir flüssiges Gold. Das ist mein Deal mit den Bienen”, sagt sie und zeigt auf ihr Reich.

Ich gebe ihnen die Kiste in einer Umgebung, die sie ernährt. Sie schenken mir flüssiges Gold. Das ist mein Deal mit den Bienen.

Mayr ist eine der bekanntesten Stadtimkerinnen Berlins und das Urgestein der Szene. Sie hat schon ihren Honig auf den Dächern Berlins geerntet, als Imker ihrem Job vor allem auf großen Wiesen nachgingen. 

Als sie 2004 anfing, waren die wenigen Imker meist “70 Jahre und älter”, sagt sie. Heute gebe es eine “frische, junge Generation, die Lust auf neue Ideen hat und viel ausprobiert.”

Mayr herrscht über 20 Bienenvölker auf Dächern in Kreuzberg, Mitte und Charlottenburg. 360 Kilogramm Honig kommen so in diesem Jahr zusammen. Aber bei dem Hobby geht es um mehr als um Abfüllmengen. Der Stadthonig ist für Imker wie Kunden gleichermaßen zu einem Symbol geworden.

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Imkern über den Dächern Berlins: Ein recht neuer Trend in der Geschichte des 10.000 Jahre alten Berufs.

Er ist regional und meist biologisch – zwei Eigenschaften für ein Nahrungsmittel, die in Metropolen wie Berlin besonders gut ankommen. Außerdem kann jeder, der ihn produziert, das Gefühl haben, etwas gegen das Bienensterben zu tun.

Ein gutes Gewissen als flüssiges Gold, sozusagen.

So hat sich um das Thema ein “Hype” entwickelt, wie Mayr sagt. Der sorgt dafür, dass sich die Imkervereine der Stadt vor Anfragen kaum retten können. Gab es 2007 nur 485 Hobbyimker in der Hauptstadt, sind es derzeit rund 1300. In anderen Städten ist das Interesse ähnlich stark gestiegen. 

Generell, sagt Mayr über den Dächern der Hauptstadt, während die Morgensonne immer stärker brennt, sei sie darüber “total froh”. “Es sorgt dafür, dass man vorsichtiger und bewusster auf die Natur schaut.” Sie beschreibt Bienen gar als ihre “Inspiration”.

Der Hype hat aber auch Schattenseiten. Manche unterschätzen das Imkern. Sie träumen von ihrem eigenen, schnellen Honig. Dabei braucht es dafür viel Arbeit, Geduld und auch Entbehrungen.

Grundsätzlich glaube sie, “dass jeder ein guter Imker werden kann. Wer guten Honig anbieten kann und dessen Völker überwintern können, macht seine Sache schon sehr richtig.”

Gleichzeitig habe der Hype auch – wie so oft – aber auch seine “Schattenseiten”.

Das finge damit an, dass manche das Imkern unterschätzen.

Im Internet lässt sich das Wissen schnell anlesen. Außerdem braucht ein Bienenvolk theoretisch nicht mehr Platz als ein Hocker. Mal eben ein Bienenvolk auf dem Balkon halten, ist für manche dann tatsächlich eine verlockende Idee.

“Sie träumen von ihrem eigenen, schnellen Honig. Dabei braucht es dafür viel Arbeit, Geduld und auch Entbehrungen”, sagt Mayr. Und wer sie trifft, versteht schnell, warum.

Mayr zieht sich einen Overall und Helm mit Bienennetz über und zündet ein Stück Pappe an. Das wirft sie in eine Metallkanne, mischt ein paar Gewürze dazu.

Gleich wird Mayr von Bienenbox zu Box gehen und diese öffnen. Durch den Rauch wissen die Insekten, dass sie nichts zu befürchten haben und werden nicht aggressiv. 

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Der Rauch signalisiert den Bienen, dass Mayr die Box mit dem Bienenvolk öffnet – und nicht ein Fremder.

Vor Mayrs Augen wuseln hunderte Bienen um Waben aus Wachs, als sie den Deckel hebt. Die 44-Jährige kippt etwa Zuckersirup in den Stock, mit dem sie die Bienen füttert.

Was nach Routine aussieht, hat Mayr viel Lehrzeit gekostet. Für die nötige Erfahrung brauche es mindestens drei bis fünf Jahre, sagt sie.

Außerdem müsse man ein geregeltes Leben und viel Zeit mitbringen – und viel vor Ort sein. Lange Urlaube seien in den Frühlings- und Sommermonaten nicht drin. In dieser Zeit tourt Mayr drei Tage die Woche über die Dächer Berlins. 

Und wer das Hobby so groß träumt wie Mayr, der braucht einen eigenen Raum, um den Honig nach der Ernte herzustellen. Das geht schnell ins Geld.

“Die Biene ist ein extrem robustes Insekt. Sie schafft den Feinstaub und die Hitze der vergangenen Wochen. Dennoch macht es mir extreme Sorgen, dass ihre Lebensbedingungen immer schlechter werden.

Der Traum vom schnellen Honig kann also schnell ausgeträumt sein.

Von Balkon-Imkern halte sie deswegen auch wenig. Das funktioniere nicht, weil man dann immer von anderen Imkern abhängig ist – etwa dann, wenn eine Kolonie erkrankt oder ein Teil der Population den Winter nicht überlebt. 

Und ärgerlich sei es, wenn Stadtimker aus “Unwissenheit anderen die Arbeit erschweren”. Wer etwa kranke Bienenvölker nicht beim Veterinäramt melde und sich nicht sofort darum kümmere, der riskiere, dass auch andere Bienenstöcke angesteckt würden.

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Etwa 10.000 Bienen befinden sich in einer Box.

Nur mal eben schnell die Welt retten – in der Welt der Imkerei nicht so einfach.

Einige Experten sehen noch eine andere Schattenseite der Hobbyimker. Honigbienen konkurrieren um das Futter der Wildbienen, deren Population zurückgeht und von denen einige Arten vom Aussterben bedroht sind.

So sieht der Forscher Christoph Saure die Wildbiene in Berlin zunehmend bedroht. Zwar habe sich die Zahl der nachgewiesenen Arten durch den Klimawandel auf nun 317 Arten erhöht, aber auch der Anteil der gefährdeten Arten hat zugenommen, auf mittlerweile mindestens 44 Prozent, heißt es in einer seiner Studien.

Einen Grund sieht er in der Arbeit der Hobbyimker. “Jedes neue Honigbienenvolk, das sich ein Stadtimker zulegt, geht auf Kosten der Wildbienen”, sagte er kürzlich der Berliner “BZ”.

Es gibt Forscher, die das ganz anders sehen. Das Thema ist umstritten. Doch was Saure sagt, versteht Mayr auch als Kampfansage.

“Es tut mir weh, wenn Wildbienenarten aussterben”, sagt sie. “Es darf aber keine Lösung sein, die Imkerei einzuschränken.”

So werde kaputt gemacht, was Hobbyimker über Jahre aufgebaut haben. “Wer weiß, ob es ohne die Arbeit der Tausenden Hobbyimker noch Bienen geben würde.”

Es tut mir weh, wenn Wildbienenarten aussterben. Es darf aber keine Lösung sein, die Imkerei einzuschränken.

Am Ende sei die Honigbiene “das Zugpferd der Bienenwelt.”

Wahr ist, dass beide Arten für die Umwelt von unschätzbarem Wert sind. Unsere Landwirtschaft wäre ohne die Biene nicht vorstellbar.

“Gibt es keine Bienen, dann gibt es keine Landwirtschaft und dann gibt es auch keine Grundlage für unsere Ernährung”, sagte etwa Bundesagrarministerin Julia Klöckner am Wochenende im HuffPost-Interview. Für sie ist die Biene “systemrelevant”.

Dennoch werden ihre natürlichen Lebensräume immer kleiner, der Klimawandel und die industrielle Landwirtschaft gefährden sie und rotten ganze Arten aus.

“Wer weiß, ob es in zwanzig Jahren noch natürlichen Honig geben wird, wenn wir so weiter machen”, sagt Mayr deswegen, als wir wieder vom Dach hinabsteigen.

Deswegen halte sie nichts davon, Natur -und Artenschutz gegeneinander ausspielen. “Wir dürfen die Stadt nicht zersplittern. Im Gegenteil, wir müssen uns verbünden.”

Getty / HuffPost

Um besser zu verstehen, welche Konsequenzen das Insekten- und Bienensterben mit sich bringt, was das für die Zukunft bedeutet und vor allem, wie wir etwas dagegen unternehmen können, hat die HuffPost mit Bundesagrarministerin Julia Klöckner, Wissenschaftlern, Imkern, Umweltschützern und Landwirten gesprochen.

Was sie prognostizieren und welche Lösungsvorschläge sie haben, lest ihr die ganze Woche im Rahmen eines Themenschwerpunkts zum Kampf gegen das Bienensterben auf www.huffpost.de

(ujo)