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08/02/2019 11:59 CET | Aktualisiert 08/02/2019 12:23 CET

Berlin: Hartz-IV-Empfänger bald in Kitas? Erzieherin erklärt, wie das klappen kann

Berlin testet bald das "Solidarische Grundeinkommen".

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Bald sollen Arbeitslose in Kitas und anderen staatlichen und öffentlichen Einrichtungen eingesetzt werden. (Symbolbild)

Wo Fachkräfte fehlen, setzt man Arbeitslose ein – klingt zunächst einmal logisch. Die Rechnung scheint simpel: Wir haben zu wenige Erzieher, Pfleger, Reinigungskräfte? Dann lasst uns doch erwerbslose Menschen genau in diesen Berufsfeldern einsetzen.

So ungefähr funktioniert das Pilotprojekt zum “Solidarischen Grundeinkommen”, das diesen Sommer in Berlin starten soll. Ziel ist es, tausend Arbeitslosen die Möglichkeit zu geben, gegen Mindestlohn in staatlichen und öffentlichen Einrichtungen auszuhelfen. So sollen Erwerbslose die Möglichkeit bekommen, nicht in Hartz IV abzurutschen und stattdessen einer gemeinnützigen Tätigkeit nachzugehen – unter anderem in Pflegeeinrichtungen, Parkanlagen oder Kitas.

Alternative zu Hartz IV? So funktioniert das “Solidarische Grundeinkommen”

► Durch das “Solidarische Grundeinkommen” will Berlin ab Sommer 2019 tausend Arbeitslosen die Möglichkeit bieten, in gemeinnützigen Einrichtungen zu arbeiten. So soll das Projekt eine Alternative zu Hartz IV bieten.
► Im Gegensatz zum bedingungslosen Grundeinkommen ist das Solidarische Grundeinkommen an eine Gegenleistung gebunden.
► Als Tätigkeiten kommen laut “Berliner Zeitung” etwa infrage: Begleitservice bei der S- und U-Bahn, Unterstützung älterer Menschen oder Assistenz-Tätigkeiten in Kitas und Schulhorten

Natürlich ist mir bewusst, welche personellen Missstände gerade in diesen Bereichen herrschen – als Erzieherin weiß ich aus erster Hand, welche Engpässe Kitas in Deutschland momentan erleben. Erst vor Kurzem verloren mehr als 100 Kinder in Berlin ihren Kitaplatz, weil sie aus Kapazitätsgründen nicht mehr betreut werden konnten.

Mehr zum Thema: Berlin: Solidarisches Grundeinkommen statt Hartz IV – ist das die Sozial-Revolution?

Bevor Eltern und Kinder unter solchen Zuständen leiden müssen, ist natürlich jeder Lösungsansatz begrüßenswert, um den Personalmangel auszugleichen. Was mir in der Kita allerdings wirklich fehlt, sind Erzieher. Wenn der Staat mir keine Erzieher schickt, ist mir leider nicht geholfen.

Ob das Projekt funktioniert, ist eine Frage der Umsetzung

Wie so oft ist es bei solchen Projekten, wie sie nun in Berlin geplant sind, eine Frage der Umsetzung, ob sie erfolgreich sind und den Menschen auch wirklich helfen.

► Wenn sie zum Beispiel staatlich geförderte Helfer schicken, die in der Küche assistieren, ist das sicherlich eine Entlastung für die Kita.

► Wenn jemand mit einem kaufmännischen Hintergrund kommt, der vielleicht aufgrund seines hohen Alters keine Vollzeitstelle mehr auf dem ersten Arbeitsmarkt findet, ist es großartig, wenn er oder sie im Büro einer Tagesstätte helfen kann. 

► Sogar wenn jemand sich mit den Kindern hinsetzen und ihnen mal ein Buch vorlesen kann, sage ich: Herrlich!

Allerdings wird das weder den Personalmangel in Kitas langfristig lösen, noch den Arbeitslosen eine neue berufliche Perspektive garantieren. 

Denn die Aufgaben eines Erziehers sind vielfältig und teils an strenge Regeln gebunden: Wir versorgen und erziehen Kinder nicht nur, sondern müssen auch auf deren Gesundheit und Sicherheit achten – vor allem bei Kindern, die verhaltensauffällig sind oder besondere Bedürfnisse haben.

Wer kein ausgebildeter Erzieher ist, darf mit den Kindern auch nicht allein bleiben. Das heißt im Prinzip: Jeden Menschen, der nicht in diesem Beruf ausgebildet ist und der mit mir gemeinsam eine Gruppe betreut, den muss ich auch mit betreuen – denn ich trage die Verantwortung sowohl für die Kinder als auch die ungelernte Kraft.

Ungelernte Kräfte in der Kita könnten zusätzlichen Betreuungsaufwand bedeuten

Das kann sogar einen zusätzlichen Aufwand anstatt der erwünschten Entlastung bedeuten. Selbst wenn die Person besonders engagiert sowie talentiert sein sollte und Aussichten hätte, selbst Erzieher zu werden, bedeutet diese Arbeitskonstellation, dass die Ausbildung dieser Person auf mich abfällt. Doch woher soll ich diese Zeit angesichts des akuten Personalmangels nehmen? Es ist ein Teufelskreis, bei dem man nicht weiß, wo man zuerst anpacken soll, um ihn zu durchbrechen.

Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, dass es einen Grund dafür gibt, dass Menschen, die trotz der großen Anzahl freier Stellen in Kitas keinen Job finden. Sie sind meist für diesen Beruf einfach nicht geeignet. Der Beruf des Erziehers ist anstrengend. Man benötigt nicht nur fundierte Kenntnisse, sondern vor allem Herzblut. Ich bin skeptisch, ob das jemand mitbringt, der eine Stelle in diesem Bereich lediglich annimmt, um der Langzeitarbeitslosigkeit zu entfliehen – und ob der Beruf unter solchen Umständen auch Anreize bietet, wieder dauerhaft arbeiten zu gehen.

Der Idealfall wäre natürlich, wenn die Stadt Berlin die Kita-Stellen mit Menschen besetzen würde, die dort eine langfristige Karriere anpeilen. Davon würden beide Seiten profitieren. So wäre wohl auch die Tatsache erträglicher, so lange für den Mindestlohn zu arbeiten, bis man mehr Erfahrung gesammelt hat. Allerdings sehe ich auch die Gefahr, dass man die Arbeitskräfte dann dauerhaft für den Mindestlohn beschäftigt – und regulär bezahlte Mitarbeiter verdrängt. So ähnlich habe ich es vor Jahren auch mit den Ein-Euro-Jobs erlebt.

Mehr zum Thema: Kita-Erzieherin erklärt: “Wir verdienen so wenig, weil wir mit Menschen arbeiten”

Für welche Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger ist eine Karriere in der Kita geeignet?

Auch stellt sich mir die Frage, wer die Menschen sind, die eine langjährige Laufbahn in der Kita anstreben? Junge Menschen, denen auch zahlreiche andere Berufe mit besseren Bedingungen und einer besseren Bezahlung in Aussicht stehen? Ältere Menschen, die vielleicht körperlich gar nicht mehr in der Lage sind, Tätigkeiten in einer Kita zu übernehmen? Hochqualifizierte Menschen, wie zum Beispiel Fachkräfte aus dem Bereich Kohle, deren Jobs wegrationalisiert wurden und nun die Wahl haben: Hartz IV oder für ein paar Euro mehr gemeinnützig arbeiten?

Selbstverständlich kann es sich immer ergeben, dass allen Umständen zum trotz jemand seinen Traumjob während dieser Maßnahme findet. Dass jemand, der beim Toben draußen Aufsicht führt, oder hin und wieder mit den Kindern ein Spiel spielt, oder auch nur Papierkram in der Kita erledigt, merkt: Ich bin der geborene Erzieher. Aber selbst dann sind die Tätigkeiten, die für eine ungelernte Kraft infrage kommen, nicht unbedingt karrierefördernd. Wer in der Kita Essen verteilt oder im Hof Müll aufsammelt, qualifiziert sich nicht automatisch als Erzieher. 

Die Grundidee Solidarisches Grundeinkommen ist eine gute Alternative zu Hartz IV

Auch wenn ich den Grundgedanken des Pilotprojekts zum Solidarischen Grundeinkommen verstehe: Ich hoffe, bei der Umsetzung wird auf die Fallstricke geachtet. Im Tätigkeitsbereich Kita würde das bedeuten: 

► Wer in der Kita eingesetzt wird, darf nur Aufgaben machen, die seinem Kenntnisstand und Ausbildungshintergrund entsprechen – er darf ansonsten nicht mit den Kindern allein gelassen werden oder sie zum Beispiel wickeln.

► Es müsste gewährleistet werden, dass ungelernte Kräfte nicht zur zusätzlichen Belastung für Erzieher werden.

► Man müsste dafür sorgen, dass die Einsatzfelder derjenigen, die am Pilotprojekt teilnehmen, eine solide berufliche Perspektive bieten – mit der Aussicht auf ein Gehalt über dem Mindestlohn.  

Idealerweise sollte man jedoch versuchen, Arbeitslose in ihren eigentlichen Berufen zu vermitteln, die ihren Fähigkeiten und Interessen auch entsprechen. Denn dass man es um jeden Preis verhindern sollte, dass Menschen in Hartz IV rutschen: dem stimme ich auf jeden Fall zu. 

Dieser Text basiert auf einem Telefongespräch und wurde aufgezeichnet von Agatha Kremplewski.

(vw)