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23/06/2018 19:34 CEST | Aktualisiert 23/06/2018 19:37 CEST

Mein Vater hat sich umgebracht – so gehe ich mit Promi-Suiziden um

Ich durchlebe die schlimmsten Momente erneut.

Christopher Polk via Getty Images
Die Welt trauert um Star-Koch Anthony Bourdain.

Ich hatte einen Vater und eine Schwester, die sich selbst das Leben genommen haben. Ich möchte euch erklären, wie es für mich ist, an einem Tag, an dem sich ein berühmter Mensch umgebracht hat, im Internet unterwegs zu sein. Wie kürzlich, als Starkoch Anthony Bourdain Suizid beging.

Weil Menschen so selten über Selbstmorde sprechen, sind die Tage, an denen wir über kaum etwas anderes sprechen, besonders hart für mich.

Makabere Überschriften für Suchmaschinen-Klicks

Das waren einige der ersten Sachen, die ich nach dem Tod von Bourdain in den US-amerikanischen Medien gelesen habe:

“Wer ist Anthony Bourdains Tochter, Ariane? 61-jähriger Starkoch tot aufgefunden”

“Wer ist Anthony Bourdains Freundin, Asia Argento?  61-jähriger Starkoch tot aufgefunden”

In den deutschen Medien lauteten einige Schlagzeilen: 

“Rührender Auftritt: Anthony Bourdains Tochter so tapfer”

“Nach Anthony Bourdains Tod: Freundin Asia völlig am Ende”

Wie ich später erfahren habe, haben die Chefs des US-Nachrichtenmagazins “Newsweek” die gesamte Belegschaft angewiesen, so viele Bourdain-Artikel wie möglich zu veröffentlichen

Das war ein durchsichtiger Schachzug, um Klicks über Suchmaschinen zu generieren. Das zeigen die makaberen Überschriften, die sich in den Sozialen Medien verbreiteten:

“Wie hoch ist Anthony Bourdains Vermögen? 61-jähriger Starkoch tot aufgefunden. Er errichtete ein Koch-Imperium, aber Geld war nicht oberste Priorität”

“Wer ist Anthony Bourdains Ex-Frau, Ottivia Busia? 61-jähriger Koch tot”

Wer ist Eric Ripert, Anthony Bourdains Freund und Co-Chef?”

Auch in Deutschland sollten mit Bourdains Tod auf den sozialen Medien Klicks generiert werden.

″+++ Eilmeldung +++ Der Starkoch hat Selbstmord begangen.”

“Nach Tod von Sohn: Erste Worte von Anthony Bourdains Mutter!” 

Es gibt viele, viele mehr. Der Chefredakteur von “Newsweek” war offenbar entzückt von der Berichterstattung und verschickte eine E-Mail, in der er das auch sagte. Aber als der öffentliche Zorn über die gefühlskalten Bourdain-Artikel der “Newsweek” überkochte, “bekam die Redaktion Panik und löschte die Tweets”, wie mir ein Mitarbeiter verriet.

Zwischen Voyeurismus und Anteilnahme

Natürlich macht das nicht nur die “Newsweek”. In dieser Branche, die ihr Geld durch Aufmerksamkeit verdient, wird fast überall genauso über Selbstmorde berichtet. Die “Newsweek” machte es sehr schamlos.

Und klar, was ist Suchmaschinenoptimierungs-Hurerei schon, außer ein Zerrbild davon, wie wir selbst Nachrichten verarbeiten?

Ob nun aus Voyeurismus oder ehrlicher Anteilnahme, die Menschen suchen wie wild nach Details über Verstorbene und über die trauernden Angehörigen.

Zynismus wie bei der “Newsweek” fand sich neben ernsthaften Appellen, wie wichtig es ist, das Thema Selbstmord ernst zu nehmen und nicht zu skandalisieren. 

Ich scrollte mich durch Tweets, in denen ich las, dass man sich um die Menschen, die man liebt, kümmern sollte. Auch dann, wenn man glaubt, dass es ihnen gut geht. Tweets darüber, wie die Suizidrate steigt, wenn sich Promis das Leben nehmen und dass Menschen füreinander da sein sollten.

All das ist gut, wahr und hilfreich oder zumindest fühlt es sich so an, als sollte es das sein. Aber auch das hat mir Magenschmerzen bereitet.

Meine Nachrichten-Hölle

Es sind die Schmerzen, daran erinnert zu werden, was ich verloren habe. Aber es ist auch die Angst, nicht zu wissen, was ich tun soll: Wie ich die trösten soll, die durchmachen, was ich durchgemacht habe. Was ich denen sagen soll, die keine Ahnung haben, wie das ist, aber helfen wollen.

Und, ob es lächerlich ist, dass ich glaube, dass ich für dafür qualifiziert bin.

Mein Zynismus und meine Sorge wirken auf merkwürdige Art zusammen. An solchen Tagen fühle ich beobachtet.

Heute kann ich darüber reden, ohne in Tränen auszubrechen

Mein Vater tötete sich 2003 selbst, eine Woche vor Neujahr und ein paar Wochen, bevor ich 14 wurde. Meine Schwester nahm sich 2012 das Leben, eine Woche vor meinem Uni-Abschluss und ein paar weitere Wochen, bevor ich nach New York zog. Das einzige Mal, dass ich darüber überhaupt etwas geschrieben habe, war vor drei Jahren.

Ich war mir damals nicht mal sicher, ob ich es veröffentlichen sollte. Aber es war bald Vatertag und ich war so traurig. Also habe ich einfach über die Trauer geschrieben, ohne weiter darüber nachzudenken.

Bis dahin wusste kaum jemand, mit dem ich täglich zu tun hatte, dass mein Vater tot war oder dass ich überhaupt jemals eine Schwester hatte. Dabei war ihr Suizid erst drei Jahre her, sie war meine beste Freundin und einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ich wünschte, ich hätte ihr das öfter gesagt.

Wenn ich diesen Text vor drei Jahren nicht geschrieben hätte, glaube ich ehrlich gesagt nicht, dass heute viele mein persönliches Schicksal kennen würden.

Mittlerweile rede ich nur noch selten darüber, obwohl eigentlich genug Zeit vergangen ist. Ich kann mittlerweile über meinen Vater sprechen, ohne mit den Tränen zu kämpfen und einen Kloß im Hals zu haben.

Dass ich aber über meine Schwester sprechen kann, ohne dieses Zittern in der Stimme, das dafür sorgt, dass mich meine Zuhörer bemitleiden, fühlt sich noch Jahre entfernt an.

Da ist es einfacher, nichts zu sagen.

Ich sollte mehr über meine Erfahrung sprechen

Aber ich weiß auch, dass mein Text anderen in ähnlichen Situationen geholfen hat.

Ich bekomme immer noch ab und an E-Mails von Menschen, die ihren Suizidversuch überlebten und deren Gefühl von Isolation durch meine Worte plötzlich leichter wurde. Oder von Menschen, die Suizidgedanken hatten, aber vorher nicht begreifen konnten, was ihr Tod ihren Angehörigen antun würde.

Ich weiß, dass ich über meine Erfahrung häufiger sprechen sollte.

Wenn jemand Berühmtes sich selbst tötet, schreit mich eine Stimme in meinem Kopf an, meine Gedanken zu verdrängen und etwas zu tun.

► Das ist die Folge davon, intime Erfahrungen mit Suizid zu haben: Zu wissen, dass Suizid einen für immer zur Zeugenschaft verpflichtet. Und auch zu Aktivismus. 

► Das heißt: Aktiv mit Menschen zu sprechen, die überlegen, sich selbst umzubringen. Um ihnen zu zeigen, was für ein Trümmerfeld sie hinterlassen würden.

Jeder Suizid erinnert mich an meine Liebsten

Jeder Suizid ist persönlich. Ich schaue dabei zu, wie sehr viele Menschen im Internet darüber sprechen. Ich trage das jeden Tag mit mir herum. Es nagt an mir. 

Wenn ich von Suiziden lese, lese ich von den Umständen des Todes dieses Menschen, den ich nie getroffen habe. Das ist Art tragisch und traurig. Aber ich durchlebe auch erneut den Moment, als ich herausgefunden habe, dass ein Mensch, den ich geliebt habe, sich entschied, nicht mehr zu leben.

Wenn ich mit jemanden über den Verlust eines Menschen spreche, der so krank war und so viel Schmerz in sich trug, spreche ich also auch über meinen eigenen Verlust.

Und das ist anstrengend.

Ich klickte auf den Abschiedsbrief von Kate Spade

Vergangene Woche poppte ein Tweet der Boulevard-Webseite “TMZ” auf, der über den Abschiedsbrief berichtete, den Modedesignerin Kate Spade ihrer 13-jährigen Tochter hinterließ.

Ich war auch 13 Jahre alt, als ich den Abschiedsbrief meines Vaters las.

Ich sah also den Tweet und mir drehte sich der Magen um, mein Puls raste und ich fühlte mich schrecklich.

Aber ich klickte den Link an und las die Worte. Mir wurde schlecht beim Gedanken, dass tausende Fremde die Worte lesen, die mein Vater mir hinterlassen hatte.

Also stand ich auf, ging spazieren und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Aber nichts half. 

Ich weinte um die Zeit, die ich beim Trauern verloren hatte 

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich das letzte Mal den Brief gelesen habe, den mein Vater mir hinterlassen hatte. Aber ich weiß, dass es oft gewesen sein muss. Hunderte Male. So oft, dass das Papier abgegriffen und von alten Tränen fleckig ist.

Ich kann ihn fast auswendig und er hat sich größtenteils in mein Gedächtnis gebrannt.

Ich war also von mir selbst überrascht, als ich mich dazu entschied, meine Gedanken in diesem Text aufzuschreiben. Nach den ersten beiden Zeilen fing ich an zu weinen. 

Ich bin mir nicht sicher, ob ich um meinen Vater weinte, den ich weiterhin jede Minute vermisse. Ich glaube, ich weinte mehr um die Zeit, die ich beim Trauern verloren hatte und um das Lachen, das mir früher so leicht fiel. 

Dieser Artikel erschien zuerst in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt.

Richtlinien für die deutsche Presse:

Zu detaillierte Berichterstattung über Suizide kann problematisch sein. Das hat viele Gründe. Einer der wichtigsten ist der sogenannte “Werther-Effekt”, demgemäß Suizid-Berichterstattung zu mehr Suiziden führt.

Dem “Werther-” wirkt der “Papageno-Effekt” entgegen, der besagt, dass sorgfältige Suizid-Berichterstattung dabei hilft, Suizide zu verhindern. Dabei müssen Journalisten einige Prinzipien beachten, die auch in den Presse-Richtlinien des Nationalen Suizidpräventionsprogramms festgehalten sind.

Rechtlich müssen Journalisten bei der Berichterstattung über Suizide besonders darauf achten, das berechtigte öffentliche Informationsinteresse mit dem Schutz der Privatsphäre der Betroffenen in Einklang zu bringen. Der Presse-Kodex mahnt in diesem Zusammenhang zu Zurückhaltung vor allem im Hinblick auf Fotos und Details. In den USA gibt es ähnliche Richtlinien. Doch, auch wie in Deutschland, sind es lediglich Richtlinien. 

Hinweis der Redaktion: Wenn du das Gefühl hast, dein Leben macht keinen Sinn mehr, wende dich bitte an die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. 

Beim Jugendinformationszentrum München findest du zudem persönliche und telefonische Beratung für Kinder und Jugendliche. Telefonnummer: 089 550 521 50 (Sprechzeiten: Montag bis Freitag von 13 – 18 Uhr).