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18/02/2018 19:52 CET | Aktualisiert 18/02/2018 20:53 CET

Allgäuer Bergführer: Situation wird durch den Klimawandel immer gefährlicher

“Geröll statt glitzerndem Weiß – das will doch keiner.”

Uschi Jonas
Berg- und Skiführer Hajo Netzer
  • Hajo Netzer ist Berg- und Skiführer im Allgäu
  • In der HuffPost erzählt er, wie der Klimawandel seine Leidenschaft zerstört – und zur Gefahr wird

Es ist neblig, Regen tropft ins Gesicht. Der Schnee ist wässrig und matscht unter den Schuhsohlen.

“Anfang der Woche hatten wir noch gutes Wetter, Temperaturen knapp unter Null Grad und Sonne. Aber dann kam das Hoch”, sagt Hajo Netzer.

Er zuckt mit den Schultern, als er aus der Tür der Bildungsstätte des Deutschen Alpenvereins in Bad Hindelang tritt.

Netzer ist ein echtes Bergkind. “Schon als kleiner Junge war ich mit meinem Vater immer in den Bergen. In Pontresina hat der Gletscher früher bis zum Bahnhof runter gereicht”.

Jetzt fängt der erst vier oder fünf Kilometer tiefer im Tal an. “Wenn ich heute erzähle, dass wir damals einfach ums Eck gegangen sind und direkt an der Gletscherzone standen, denken die Leute, der Opa erzählt vom Krieg”, lacht der 62-Jährige.

► Doch eigentlich ist dem staatlich geprüften Berg- und Skiführer wenig zum Lachen zumute, wenn er auf die Allgäuer Berge blickt.

Der Klimawandel nimmt ihm seine Leidenschaft. Jeden Tag ein wenig mehr.

Martin Moos via Getty Images
Früher reichte der Morteratschgletscher in Pontresina viel weiter ins Tal

“Dass die Masse und Ausdehnung der Gletscher abnimmt, ist ja seit Jahrzehnten zu beobachten. Wirklich augenfällig ist es aber erst die vergangenen Jahre geworden.”

 Seit zehn Jahren gibt es in den Alpen keinen Gletscher mehr, der wächst. Und das hat fatale Folgen. Wenn das Eis schmilzt, verlieren die Berge sozusagen ihren Klebstoff. “Es gibt viel mehr Geröll, die Gefahr von Steinschlägen wird immer größer.”

Es wird immer unsicherer und gefährlicher 

Doch für Hochtourengeher, Kletterer und Wanderer bringt der Klimawandel noch ein ganz anderes Problem. “Man kommt gar nicht hinterher, an den Jöchern neue Wege zu bauen. Und Berghütten werden instabil, weil der Permafrost fehlt.” 

 

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Früher gab es Bergtouren, die seit Jahrzehnten dieselbe Route hatten – heute ist das undenkbar. Inzwischen müssen sich Bergführer immer aktuell informieren, wie die Bedingungen gerade sind. Und die werden immer unsicherer und gefährlicher.

“Geröll statt glitzerndem Weiß – das will doch keiner”

“Letzten Sommer war es ganz extrem, weil es im Gebirge keine Firnauflage (Anm. d. Red.: Schnee, der mindestens ein Jahr alt ist) mehr gegeben hat. Dann ist auf dem Gletscher alles nur noch Blankeis.”

Selbst in flachen Lagen braucht es dann Steigeisen, um weiterzukommen. Manche Klettertouren sind im Sommer auch einfach nicht mehr möglich – die Gefahr von Steinschlägen ist zu hoch.

► Klassisches Beispiel: Früher ist man die Eiger Nordwand im Sommer gegangen. Heute käme das einem Selbstmordkommando gleich, dort einzusteigen.”

Jetzt nehmen sich Skitourengeher die Route im Winter vor – wenn der ganze Berg noch irgendwie zusammengebacken ist durch das Eis.

Richard Heath via Getty Images
Die Eiger Nordwand im Berner Oberland in der Schweiz

Der Bayer bildet auch den Nachwuchs aus. “Doch es werden immer weniger.” Auch daran seien der Klimawandel und die dahin schmelzenden Gletscher schuld.

“Der Trainerschein für Hochtouren wird fast nicht mehr nachgefragt. Weil es nicht mehr so viel Spaß macht. Und immer gefährlicher wird. Geröll statt glitzerndem Weiß – das will doch keiner.”

► Die Erwärmung durch den Klimawandel ist im Alpenraum deutlich stärker, wie im globalen Mittel. Hier sind es seit Messbeginn bereits 1,7, im weltweiten Durchschnitt waren es 2016 1,1 Grad Celsius.

Naturgefahren durch Steinschläge, Schlammlawinen, Überschwemmungen und ausbrechende Gletscherseen werden immer häufiger.

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Doch nicht nur im Sommer liegen die Dinge anders, sondern auch im Winter.

“Hier, da beginnt eigentlich eine klassische Schneetour”. Netzer zeigt auf einen Weg, bedeckt von Schneematsch, rechts und links gesäumt von brauner Erde und kahlen Bäumen. “Einladend ist das nicht – und das liegt nicht nur daran, dass es gerade regnet.”

Nur noch Zugspitze und Nebelhorn bleiben schneesicher

Der 62-Jährige lässt den Blick übers Tal schweifen.

Auf der anderen Seite zwischen Nieselregen ein Sessellift des Skigebiets Hindelang-Oberjoch, vereinzelte Silhouetten von Skifahrern schwingen ihre Kurven den Hang hinunter. Weißes Band in brauner Landschaft.

Dass es in den klassischen deutschen Gebieten wie dem Brauneck, wo wir früher Ski gefahren sind, Schnee hat, ist inzwischen eher Zufall.” Selbst mit Beschneiung ist es nur tageweise noch möglich.

► Im Jahr 2030 wird die Schneeperiode auf einer Höhe von 1500 Metern um sechs bis acht Wochen kürzer sein als jetzt und es wird zwischen 50 und 80 Prozent weniger Schneemenge liegen.

► In Bayern werden bis Mitte des Jahrhunderts voraussichtlich nur noch die Zugspitze und das Nebelhorn übrig bleiben, die schneesicher sind. Der Definition nach heißt das: In sieben von zehn Wintern ist Skibetrieb an mehr als 100 Tagen möglich.

Rocky89 via Getty Images
Blick von Garmisch-Partenkirchen auf die Zugspitze

Wetter ist kein Klima, aber: “Es ist offensichtlich, dass das Wetter viel periodischer wird und heftiger ausfällt. Wir haben dieses Jahr im Januar viel Schnee abbekommen, aber der ist nicht sehr dauerhaft geblieben.”

Viele altgediente Wetterregeln, die Netzer früher seinen Schülern erzählt hat, lösen sich auf.

“Zum Beispiel das typische Weihnachtstauwetter. Diesen markanten Wärmeeinbruch über Weihnachten gibt es nicht mehr, weil es oft schon vorher auch deutlich warm ist.”

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Und die Skigebiete kämpfen nicht nur mit Schneemangel, sondern auch mit einer erhöhten Lawinengefahr. “Es klingt paradox, aber schneearme Winter sind sehr viel lawinengefährlicher als schneereiche.

Bergsport fördert den Klimawandel

►  Wenn es wenig Schnee hat, sammelt sich mehr Wasserdampf in der Schneedecke. “Das ergibt dann einen sogenannten Schwimmschnee. Innerhalb der Schneedecke ist dann kein Halt mehr da.” Eine heimtückische Gefahr.

Der Klimawandel ist real für Hajo Netzer.

Jeden Tag aufs Neue und von Jahr zu Jahr stärker. Doch das stellt ihn auch vor ein großes Dilemma.

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“Klar ist: Die Ski- und Hochtourenziele werden immer exotischer. Skitourenreisen nach Skandinavien, Island oder Georgien boomen wie Harry.”

Bevor die Freizeitsportler im Januar über eine grüne Wiese laufen, fliegen sie lieber nach Norwegen oder Kamtschatka. Denn da liegt auf jeden Fall Schnee.

“Das heizt natürlich die ganze Perversion des Ferntourismus noch weiter an. Und fördert den Klimawandel.”

Im Rahmen einer Themenwoche zum Klimawandel in Deutschland spricht die HuffPost mit Stadtplanern, Naturschützern, Klimaforschern und Meteorologen.

Außerdem schauen wir uns vor Ort an der Küste, in den Bergen, Wäldern und Großstädten gemeinsam mit Experten an, wo die Folgen des Klimawandels in Deutschland bereits sichtbar sind.

(jds/jkl)