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01/03/2018 13:37 CET | Aktualisiert 07/03/2018 14:42 CET

Jena: Frau wird beim Feiern belästigt – und revolutioniert das Nachtleben

"Es gehört nicht zum Feiern dazu, dass man auf der Tanzfläche von fremden Männern geküsst wird."

Leander Brandstatt
Alina Sonnefeld will sexuelle Belästigung nicht länger hinnehmen
  • Alina Sonnefeld wurde in Clubs in ihrer Heimatstadt Jena immer wieder von fremden Männern belästigt
  • Also schrieb sie einen Brief an die Clubbesitzer – und brachte damit eine beispielhafte Diskussion in Gange

“Nachts fühle ich mich bei euch nicht sicher. Ab einer bestimmten Uhrzeit werde ich oft gegen meinen Willen angefasst, geküsst, belästigt. Ich gehe nur noch selten feiern – und wenn, immer nur mit männlicher Begleitung”, so heißt es in dem Brief, den Alina Sonnefeld aus Jena vor einem Jahr an die Clubbesitzer in ihrer Stadt schrieb. Sonnefeld war damals 19 Jahre alt – und Schülerin.

Sie hatte dabei nicht weniger im Sinn, als eine kulturelle Wende herbeizuführen: Sie wollte der sexuellen Belästigung ein Ende bereiten, lange bevor die #MeToo Bewegung dieselbe Forderung stellte. Sechs weitere junge Frauen unterzeichneten den Brief.

Der HuffPost schildert Sonnefeld, was sich seit dem Schreiben verändert hat.

Diesen Brief zu schreiben, war wie ein Befreiungsschlag. Nicht nur, weil meine Klassenkameradinnen und ich uns damit endlich gegen die Belästigung, die jede von uns immer wieder in Clubs erfahren hat, zur Wehr gesetzt haben. Sondern vor allem, weil wir aus Gesprächen mit anderen Frauen gelernt haben, dass es sich dabei nicht um ein individuelles, sondern um ein kollektives Problem handelt.

Und man dagegen etwas tun muss.

Denn es gehört eben nicht einfach zum Feiern dazu, dass man auf der Tanzfläche von fremden Männern hochgehoben oder geküsst wird. Oder dass Männer einem an den Po oder die Brüste fassen, wenn man durch den Club läuft.

Ich fühle mich jetzt beim Feiern viel wohler

Alle Clubmitarbeiter, mit denen ich gesprochen habe, gaben zu, dass sexuelle Belästigung ein Problem in ihren Clubs sei.

Aber einige waren der Meinung, dass man nichts dagegen tun könne. Das stimmt einfach nicht. Man kann einiges tun und es verändert auch wirklich etwas. Das haben zum Beispiel die Jenaer Clubs “Rosenkeller” und das “Kassablanca” gemacht.

Sie haben sich unseren Brief zu Herzen genommen und daraufhin etwas geändert.

“Das Konzept für ein angenehmeres Miteinander ist gar nicht kompliziert”, sagt Martin Dauel, Mitarbeiter des Clubs “Kassablanca” der HuffPost.

Seit rund einem Jahr – nach dem Brief von Sonnefeld – hat sich in der Eventlocation einiges geändert.

► Mitarbeiter der Clubs müssen seitdem bei der Einstellung ein Grundsatzpapier unterschreiben, mit dem sie sich bereit erklären, ein besonderes Augenmerk für Übergriffe jeglicher Art zu haben.

► Außerdem weisen Aufkleber in allen Toiletten ausdrücklich darauf hin, dass das Personal Gästen hilft, die von anderen belästigt, beleidigt oder bedrängt worden sind.

► Bei Partys (das Kassablanca ist ein Kulturzentrum) werden zudem verstärkt weibliche Türsteher eingesetzt, “weil Frauen sich erfahrungsgemäß eher an andere Frauen wenden, wenn es um sexuelle Belästigung geht”, erklärt Martin Dauel.

Ähnliche Maßnahmen wurden im “Rosenkeller”, einem der ältesten Studentenclubs Deutschlands, eingeführt. Dort hängen prominente Plakate, die weibliche Partygäste ermutigen sollen, Belästigungsvorfälle zu melden – “Wenn ein Nein nicht reicht, sprecht uns an!”

Auch Carsten Müller vom städtischen Kulturverein Jena Kultur, hat sich bei Alina gemeldet. Er lud die Abiturientin, wie auch sämtliche Clubbesitzer der Stadt zu einem Treffen ein – zu dem auch tatsächlich alle kamen. 

In Absprache mit Alina und ihren Freundinnen verfassten die Clubbesitzer und das Kulturamt eine Pressemeldung, die sexuelle Belästigung verurteilt und Betroffene dazu ermutigt, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Zudem wurde die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt als Ansprechpartnerin für Betroffene benannt. In Workshops soll außerdem gemeinsam herausgefunden werden, wie sich Frauen im Nachtleben sicherer fühlen können.

Das zeigt nicht nur, dass die Stadt und die Clubs das Problem erkannt haben, sondern dass sie auch gewillt sind, etwas dagegen zu unternehmen.

Seitdem fühle ich mich beim Feiern viel wohler. Die Plakate in den Clubs wie auch Hinweise auf den Webseiten geben mir das Gefühl, dass mir zugehört wird. Und ich weiß, an wen ich mich wenden kann, wenn ich eine unangenehme Erfahrung mache.

Schon ein einfacher Hinweis kann etwas verändern

Unser Schreiben hat eine Debatte losgetreten, die weite Kreise gezogen hat. Viele haben dadurch ihr eigenes Verhalten hinterfragt. In den Clubs, die etwas verändert haben, herrscht deshalb eine bessere Atmosphäre. Alle scheinen bedachter miteinander umzugehen.

Offenbar reicht also schon ein einfacher schriftlicher Hinweis, um etwas an der Clubkultur zu verbessern.

Die Erklärung dafür ist ganz einfach: Menschen passen ihr Handeln in der Regel dem an, was die Mehrheit der Gesellschaft für akzeptabel hält. Schließlich wollen sie nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Preference Falsification nennt sich dieses Phänomen, das der amerikanische Wirtschaftsprofessor Timur Kuran in seinem Buch “Private Truth, Public Lies beschreibt.

Wenn Clubs wie das “Kassablanca” oder der “Rosenkeller” etablieren, dass sexuelle Belästigung dort nicht toleriert wird, passen die Partygäste ihr Verhalten also dementsprechend an, auch wenn sie sich andernorts und unter anderen Umständen anders verhalten würden. 

“Potenzielle Täter kriegen mit, dass hier ein bisschen genauer hingeguckt wird”, folgert Martin Dauel vom “Kassablanca”. “Und Betroffene fühlen sich anders wahrgenommen, wenn sie merken, dass sich der Laden schon mal mit sexueller Belästigung auseinandergesetzt hat.” 

Inzwischen studiere ich in Leipzig. Wenn ich ausgehe, gehe ich meistens ins “IFZ”, die sind sogar noch weiter als in Jena: Ich bin dort schon auf Veranstaltungen gewesen, bei denen alle Gäste am Eingang Zettel mit Verhaltensregeln bekommen haben. Auf manchen Veranstaltungen hängen überall große Plakate, die ein größeres Bewusstsein für Belästigung schaffen sollen.

Einige waren der Meinung, dass man nichts dagegen tun könne. Aber das stimmt einfach nicht." Alina Sonnefeld

Außerdem greifen die Türsteher härter durch. Gruppen von stark angetrunkenen Personen kommen gar nicht erst rein. Alkohol spielt ja häufig eine Rolle bei Belästigung.

Ich bin überzeugt davon, dass eine derartige Debatte in jeder Stadt Erfolge erzielen kann.

Mehr zum Thema: Britische Aktivistin erklärt, wieso Frauen jetzt eine Bewegung starten müssen

Alinas Geschichte hat gezeigt: Manchmal reicht schon ein kleiner Schritt, damit sich Frauen sicherer fühlen. Nicht zuletzt sind die Stadt Jena und ihre Clubs ein wunderbares Beispiel dafür, welche positiven Auswirkungen es haben kann, wenn wir einander zuhören und die Probleme der anderen Ernst nehmen. 

Bleibt nur zu hoffen, dass sich auch andernorts in Deutschland Clubs ein Beispiel daran nehmen. 

(ks)