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28/01/2019 09:06 CET | Aktualisiert 28/01/2019 11:27 CET

Bei Rewe und dm im Regal: Die Geschichte dieser Produkte sollte jeder kennen

Share will soziales Engagement zum Mainstream machen.

privat

Es sind noch zehn Minuten bis zur wichtigsten Präsentation ihres Lebens. Iris Braun schneidet mit der Nagelschere noch ein paar Ecken am Schaumstoff rund. Dann passt alles.

Gleich wird die 30-Jährige zusammen mit Sebastian Stricker durch eine große Tür gehen. Und sie wird Managern des Supermarktriesen Rewe die Idee ihres Startups Share präsentieren. Nur 20 Minuten hat sie dafür Zeit.

“Wir hatten nur diesen einen Versuch. Wäre das nichts geworden, dann wären wir gescheitert und hätten unsere Ware im Kofferraum eines Kombis verkaufen müssten”, sagt Braun heute.

Die Produkte von Share hatte sie im September 2017 auf einer selbstgebastelten Schaumstoff-Box drapiert. Obendrauf: Seife, Müsliriegel und Mineralwasser.

Einkaufen und dabei Gutes tun

Eigentlich sind es Waren, die Rewe schon in seinen Regalen hat. Doch was Braun den Managern anbietet, ist doch ganz anders: Einkaufen und dabei Gutes tun.

Braun erklärt ihnen, wie jede Seife, jeder Riegel, jede Flasche Wasser von Share einem Menschen in Not helfen kann. “1 plus 1” nennen Experten das Prinzip.

Konkret bedeutet das: Mit dem Kauf eines Bio-Nussriegels spendet der Kunde automatisch eine Portion Essen, mit jeder Handseife ein Stück Seife und mit jeder Flasche Wasser einen Tag Trinkwasser.

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Neu ist das Prinzip nicht. Doch im ganz großen Stil und mit unterschiedlichen Produkten hat es bisher niemand in Deutschland umgesetzt.

Die Vertreter von Rewe und auch von dm, dem größten Drogeriemarkt-Konzern Europas und mittlerweile zweiten Partner des Startups, sind begeistert.

Wir sind dreimal so schnell wie ein normales Handelsunternehmen gewachsen.Iris Braun, Gründerin von Share

Der Tag im September vergangenen Jahres war für die vier Gründer und ihr im März 2017 gegründetes Startup Share der Auftakt einer spektakulären und in Deutschland bisher wohl einmaligen Erfolgsgeschichte.

Mittlerweile beschäftigt Share in Berlin 35 Mitarbeiter. 3,5 Millionen Produkte hat das Unternehmen verkauft, seit Rewe und dm in ihren Regalen Platz für Share gemacht haben.

Share
Die vier Gründer von Share von links nach rechts: Tobias Reiner, Iris Braun, Sebastian Stricker und Ben Unterkofler.

Share ist damit etwas gelungen, was bisher nur Großkonzerne wie Krombacher mit ihren Ökokampagnen (Stichwort “Trinken für den Regenwald”) geschafft haben: Kunden durch Konsum im großen Stil dazu zu bringen, die Umwelt zu schützen oder anderen Menschen zu helfen.

Inzwischen beliefert Share rund 4500 Rewe- und dm-Filialen

“Entschuldige, wie es hier aussieht, wir platzen momentan aus allen Nähten”, sagt Braun, als sie uns in ihrem Kreuzberger Büro begrüßt. Die Luft im Büro stickig, es gibt nur zwei Räume.

Überall wuseln Menschen umher. An der Fensterfront quetschen sich fünf Personen mit ihren Laptops an einen winzigen Tisch. In den Regalen an der weißen Betonwand stapeln sich Kartons und Flaschen.

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Wie schnell ihr Unternehmen gewachsen sind, überrascht die Gründer selbst. “Wir sind dreimal so schnell wie ein normales Handelsunternehmen gewachsen”, sagt Braun.

Inzwischen beliefert das Unternehmen rund 4500 Rewe- und dm-Filialen in Deutschland. Laut einer Studie, die Share selbst in Auftrag gegeben hat, kennen zehn Prozent der Deutschen die Marke.

Die meisten sozialen Produkte seien in der Öffentlichkeit kaum bekannt, sagt Markus Sauerhammer, Vorstand des Social Entrepreneurship Netzwerks Deutschland, im Gespräch mit der HuffPost. Wenn jeder zehnte Deutsche nach so kurzer Zeit die Produkte kennt, könne man das als großen Erfolg verbuchen.

Es muss mindestens genauso sexy und gut aussehen wie die normalen Produkte – und wenn dann noch ein sozialer Nutzen dazu kommt, spricht sich das rum.Markus Sauerhammer, Vorstand des Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland

Und dass viele Kunden die Produkte von Share kennen und kaufen, spreche auch dafür, dass ein großes Interesse daran bestehe, das eigene Konsumverhalten zu verändern, sagt der Startup-Experte. “Bestes Beispiel dafür ist die Biofachmesse. Vor ein paar Jahren hat man die noch als Körnerfressermesse verschrien – heute ist sie eine Lifestyle-Messe.”

Aber auch das Design spiele eine Rolle. “Wenn es zu sehr nach Öko aussieht, hat es ein Produkt beim klassischen Konsumenten noch immer schwer. Es muss mindestens genauso sexy und gut aussehen wie die normalen Produkte – und wenn dann noch ein sozialer Nutzen dazu kommt, spricht sich das rum”, sagt Sauerhammer.

Der Käufer kann genau verfolgen, wo auf der Welt sein Geld landet

In Zusammenarbeit mit “Aktion gegen den Hunger”, der Berliner Tafel und dem World Food Programm der Vereinten Nationen unterstützt Share inzwischen dutzende Hilfsprojekte weltweit: Unter anderem Kleinkinder im Senegal, die Tafeln in Berlin oder ein Brunnenprojekt in Liberia. 250.000 Euro sind bereits geflossen.

Mit einem Track-Code auf der Verpackung kann der Käufer jederzeit verfolgen, wo genau das Geld als Hilfe ankommt, das er mit dem Kauf eines Nussriegels oder einer Flasche Wasser gezahlt hat.

“Soziales Engagement muss keine Nische sein”, beschreibt Braun ihre Vision. Um die umzusetzen, hilft den Gründern auch ihre Erfahrung im Bereich Entwicklungshilfe.

Braun war Entwicklungshelferin bei der Weltbank, einer ihrer Kollegen war als Unternehmensberater tätig und hat ShareTheMeal gegründet, ein Unternehmen, das die UN bei der Hungerbekämpfung unterstützt. Zum Gründungsteam gehören auch ein Politikexperte und ein ehemaliger Leistungssportler.

Das rasante Wachstum von Share bringt aber auch Probleme. “Wir mussten innerhalb von sechs Wochen drei Millionen Produkte produzieren, mehrere hundert Lkws durchs Land schicken – da gab es immer wieder ziemliche enge Momente”, sagt Braun.  

Das Ziel bis Ende des Jahres: Profitabel werden

Immer wieder standen die Gründer an einem Punkt, an dem sie sich sagten: Wenn wir diese Hürde reißen, müssen wir die Notbremse ziehen. Dazu kam es bisher nicht.

Noch immer Gründer müssen die Gründer häufig improvisieren. “Das habe ich diese Woche erst gemerkt, als wir noch schnell eine Weihnachtsbox für dm zusammengestellt haben.” Eigentlich planen Zulieferer ein solches Angebot ein Jahr im Voraus.

Die nächste große Hürde für die Gründer: Ihr Unternehmen profitabel zu machen. Dieses Ziel soll Ende des Jahres erreicht werden. Aus dem Startup müsse ein Handelsunternehmen werden, sagt Braun. Am Anfang war viel Enthusiasmus, der müsse sich jetzt in Professionalisierung wandeln.

Und noch ein weiteres Problem muss das Team um Braun lösen: So ansprechend die Hüllen der Produkte aussehen, so wenig umweltfreundlich sind sie. Noch verkauft Share Wasser, Seife und Riegel in Plastikverpackungen und Kunststoffflaschen. Ein Teil davon ist recycelt, aber die für Weltretter-Produkte üblichen Verpackungen sind es bislang nicht.

Gutes tun ohne es zu merken?

Und auch wenn die Verkaufszahlen gut sind, ist der Kauf-Anreiz wirklich der gewünschte?

Jeder zweite Deutsche ist zwar laut einer Studie von Media Markt grundsätzlich dazu bereit, für ein Produkt mehr zu zahlen, wenn es umweltfreundlich ist. Doch Bereitschaft und Handeln sind nicht deckungsgleich. Für 84 Prozent der Kunden steht der Preis im Vordergrund, wenn sie ein Produkt kaufen.

Bei Share ist die Quote grundsätzlich besser, sagt Braun. “Für die Leute, die unsere sozialen Ziele und das Spendenkonzept kennen, ist das die Hauptmotivation zum Kauf”, sagt Braun.

Aber: Über die Hälfte der Käufer erkennt das nicht beim Kauf – die meisten haben zu wenig Zeit, sich die Produkte genau anzusehen. “Stattdessen entscheiden sie sich aufgrund des Designs und der Qualität für unsere Produkte.”

Vielleicht ist es aber genau das, was der Schlüssel zum Weltretten ist – und zum Erfolg: Wenn die Menschen Gutes tun, ohne es zu merken.