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28/05/2018 19:07 CEST | Aktualisiert 28/05/2018 19:07 CEST

Ein Dresdner Projekt hilft Menschen mit Behinderung, eine Wohnung zu finden

Das Konzept der Peer-Beratung ist in Deutschland noch sehr selten. Das sollte sich ändern.

Thilo Schmulgen
Die Wohnmeisterei in Dresden hilft Menschen mit Behinderung dabei, die passende Wohnform für sich zu finden. 
  • Menschen mit Behinderung haben oft Probleme, eine geeignete Wohnung für sich zu finden.
  • Ein Dresdner Projekt will das ändern. Mandy Glede gehört dazu – wir stellen sie vor. 

Das erste Mal von zuhause ausziehen ist der Anfang eines selbstbestimmten Lebens.

Dem Wohnungssuchenden stellen sich einige Fragen: Möchte ich lieber alleine wohnen oder mit anderen zusammen? Oder: Wer hilft mir im Alltag, wenn ich mal nicht weiter weiß?  

Mandy Glede hat gerne Menschen um sich herum. Menschen, mit denen sie kochen, einen Film schauen oder Spiele spielen kann. Aber vor allem: Menschen, die ihr helfen, ihren Alltag zu meistern. Zu verstehen, was um sie herum passiert.

Denn die 29-Jährige hat eine sogenannte geistige Behinderung.

In der 4-er-WG, in der sie früher wohnte, war die Dresdnerin nicht glücklich. Es waren ihr nicht genügend Menschen um sie herum. “Mir ist es wichtig, dass immer jemand da ist”, sagt Glede der HuffPost.

So wie ihr geht es vielen psychisch beeinträchtigten Menschen in Deutschland. Die Lebenshilfe Dresden begleitet an die 1000 von ihnen im Alltag und versucht, ihnen zu mehr Eigenständigkeit zu verhelfen.

Die richtige Wohnform zu finden, spielt dabei eine große Rolle.

Für Menschen mit Behinderung ist es wichtig, die passende Wohnform für sich zu finden 

Inzwischen wohnt Glede in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung. Seit zehn Jahren schon. Sie hat 36 Mitbewohner, rund um die Uhr steht ihr ein Betreuer zur Verfügung.

“Dort gefällt es mir viel besser. Durch die größere Gemeinschaft fühle ich mich sicherer”, sagt Glede.

Dabei hat es seine Zeit gebraucht, bis sie sich an ihre vielen neuen Mitbewohner gewöhnt hatte. Und an deren Eigenheiten. 

Eine Mitbewohnerin sagte mir gleich beim Kennenlernen, dass sie gerne den Feueralarm anmacht.”

Mit der Zeit hat sie ihre Mitbewohner lieb gewonnen. So sehr, dass sie sich für sie und ihre Anliegen einsetzen möchte. Glede ist Vorsitzende im Kreis der Wohnbetreuer. Eine Art Klassensprecherin.

Sie ist der erste Ansprechpartner, wenn es unter den Bewohnern Probleme gibt. Das zeigt, wie wohl sie sich in ihrem Wohnheim fühlt.

“Für mich ist es die richtige Wohnform”, sagt Glede.

Sie glaubt: Wenn es ihr möglich gewesen wäre, sich vorher mit jemandem auszutauschen, der ihre Bedürfnisse versteht, hätte sie sich den Umweg über die WG ersparen können – und wäre sofort ins Wohnheim gezogen.

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Deshalb will Glede anderen Menschen mit Behinderung dabei helfen, die richtige Wohnform für sich zu finden.

Seit Mai 2018 ist die 29-Jährige als Wohnexpertin im Einsatz: Im Auftrag der Dresdner Lebenshilfe spricht sie mit Wohnungssuchenden mit Behinderung über deren Vorstellungen und erläutert die Vorteile eines Wohnheims.

Peer-Beratung nennt sich dieses Konzept einer Beratung von Betroffenen für Betroffene.

So funktioniert das Konzept der Peer-Beratung: 

Unterstützt wird sie dabei von einem Fachberater der Wohnmeisterei, einer Abteilung der Lebenshilfe, die sich darauf spezialisiert hat, Menschen mit Behinderung eine Wohnung zu vermitteln.

Derzeit bietet die Wohnmeisterei drei verschiedene Wohnformen:

Eine sogenannte Außen-Wohn-Gruppe oder auch WG (Betreuer stehen für ein paar Stunden am Tag für Fragen und Probleme zur Verfügung)

Ein Platz in einem Wohnheim (Betreuer stehen rund um die Uhr zur Verfügung)

Bezug einer eigenen Wohnung (ein Betreuer kommt einmal die Woche vorbei und hilft bei Fragen und Problemen)

Je Wohnform hat die Wohnmeisterei einen Wohnexperten ausgebildet. Menschen wie Glede.

Unterstützung erhalten sie je von einem Fachberater, der vor allem über die rechtlichen und finanziellen Möglichkeiten informiert, die dem Wohnungssuchenden zur Auswahl stehen – etwa, welche Zuschüsse er vom Sozialamt beantragen kann.

Dresdner Wohnmeisterei ist einer von wenigen Wegbereitern in Deutschland

Die Qualität einer Wohnberatung erhöhe sich deutlich, wenn Menschen mit Behinderung als Experten ihre eigenen (Wohn-) Erfahrungen in den Beratungsprozess einbringen könnten, sagt Christian Stoebe, der als Fachberater für die Wohnmeisterei tätig ist.

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“So kann ein Ratsuchender viel authentischer nachempfinden, wie das Leben in einer bestimmten Wohnform ist – und was er erwarten muss, wenn er sich für diesen Weg entscheidet.”

Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Jürgen Dusel, lobt das Dresdner Projekt.

“Ich halte eine Peer-Beratung für sehr sinnvoll, weil hier Experten in eigener Sache beraten. Sie können in der Regel aus eigener Erfahrung besser als Nicht-Betroffene Problemlagen nachvollziehen. Das schafft Vertrauen und Glaubwürdigkeit“, sagt Dusel der HuffPost. 

Zwar ist diese Form der Wohnberatung in Deutschland nicht einzigartig, aber bisher gibt es nur einige wenige weitere Projekte, die nach diesem Modell beraten. Die “Doppeldurchblicker” in Oberhausen zum Beispiel oder die Peer-Beratung-Aachen.

Das Beratungskonzept fördere die Eigenständigkeit, sagt Dusel, das sei entscheidend. 

Menschen mit Behinderungen haben, wie alle anderen Menschen auch, Vorstellungen von einem glücklichen und selbstbestimmten Leben.”

“Dazu gehört auch, selbst entscheiden zu können, wo und mit wem man lebt und wohnt.“

(jds)