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10/01/2019 11:38 CET | Aktualisiert 10/01/2019 11:38 CET

Behinderung als Begabung: Wie Discovering Hands zur Brustkrebsfrüherkennung beiträgt

noipornpan via Getty Images

In Deutschland, Österreich und der Schweiz erkranken jährlich über 90.000 Frauen an Brustkrebs (fast jede achte der dort lebenden Frauen). Die besten Präventationsmaßnahmen dagegen sind Aufklärung und Kommunikation, regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen und viel Bewegung. So ist erwiesen, dass sportlich aktive Frauen ein 25 % geringeres Risiko haben, an Brustkrebs zu erkranken. Muddy Angel leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Der Muddy Angel Run, an dem 2018 auch Mitarbeiterinnen von Häcker Küchen teilnahmen und vielfach darüber berichteten, ist Europas #1 Schlammlauf (Mud Run) für Frauen aller Fitnesslevel. Muddy Angel dient als Plattform für Spenden, um Organisationen zu unterstützen, die sich gegen Brustkrebs engagieren. Brustkrebs-Patientinnen wird jeweils einer von mindestens 50 kostenlosen Startplätzen pro Veranstaltung zur Verfügung gestellt. Zudem spendet Muddy Angel von jedem Teilnahme-Ticket und von jedem Merchandise-Artikel einen Euro. Freiwillige Spenden von Teilnehmerinnen sind bei der Anmeldung ebenfalls möglich.

Taktilographie – eine innovative Methode zur Brustkrebsfrüherkennung

Muddy Angel unterstützt auch die Initiative des Mülheimer Gynäkologen Dr. med. Frank Hoffmann, Gründer und Geschäftsführer von discovering hands. Seit 1993 ist er niedergelassener Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und seit 2010 ein Fellow bei Ashoka, welche weltweit Gründungspersönlichkeiten hinter neuen sozialen Organisationen, Unternehmen und Bewegungen findet und fördert. Im Buch „Gesichter der Nachhaltigkeit“ bemerkt er, dass er überrascht war, wie viele Frauen angaben, sich selbst nie abzutasten. „Ich habe Angst etwas zu finden“ und „das macht mich nur unsicher“ waren die häufigsten Antworten. Dabei gehört die Selbstuntersuchung neben der ärztlichen Tastuntersuchung zu den Früherkennungsmaßnahmen. Häufig ist die klinische Brustuntersuchung belastet durch den im Alltagsbetrieb herrschenden Zeitdruck. Blinde Menschen haben andere sensorische Qualitäten - ihr Tastsinn ist besonders ausgebildet. Die Idee von Frank Hoffmann war, sie zu Tastuntersuchern auszubilden: „Warum nicht aus einer Behinderung eine Begabung machen und sie zum Wohle der Patientin in der Brustkrebsfrüherkennung einsetzen?“

Ab 2006 wurde seine Idee in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsverband Rheinland, der Ärztekammer Nordrhein, dem Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte in Düren und der Universitätsfrauenklinik Essen in die Tat umgesetzt. Es entstand das neue Tätigkeitsfeld der „Medizinischen Tastuntersucherin“ (MTU). Nach einem mehrtätigen Assessment, das neben den grundsätzlichen Tastfähigkeiten soziale Kompetenz, Merkfähigkeit und Kommunikationsfähigkeiten überprüft, werden sie auf fachlich sehr hohem Niveau in einem neunmonatigen Lehrgang mit allem Wissenswerten zur Brust und ihren Erkrankungen vertraut gemacht. Das Erlernen der „KBU-B“, der von discovering hands® entwickelten klinischen Brustuntersuchung durch Blinde, steht im Vordergrund. Sie wird mit Hilfe eines eigens hierfür entwickelten und patentierten selbstklebenden Orientierungsstreifens durchgeführt: Fünf längsverlaufende Streifen werden parallel so im Brustbereich aufgebracht, dass sie jede Brust in zwei Zonen teilen, die nacheinander untersucht werden. Das Streifensystem erlaubt es zudem, einen einmal entdeckten Tastbefund quadratzentimetergenau wiederauffindbar zu machen. „Das ist in der Kommunikation mit dem Arzt, mit der die MTU obligat zusammenarbeitet, von großer Bedeutung. Per Definition üben die Medizinischen Tastuntersucherinnen eine ärztliche Hilfstätigkeit aus, denn die Verantwortung für das Ergebnis der Untersuchung wie auch die Entscheidung, wie ein Tastbefund weiter abgeklärt wird, liegt beim Arzt.“ Deshalb sind MTU bevorzugt in Frauenarztpraxen oder Kliniken angestellt. Sie arbeiten in Vollzeit. Nach Angaben von Hoffmann als Gründer und Geschäftsführer des Sozialunternehmens verdienen sie 1800 bis 2200 Euro pro Monat.

Die MTUs arbeiten sehr effizient: „Erste Analysen haben gezeigt, dass MTU in einem direkten Vergleich mehr und deutlich kleinere Gewebeveränderungen ertasten konnten als die Ärzte.“ Dies ist aber auch mit zahlreichen Herausforderungen verbunden, denn neben der Rekrutierung neuer Ausbildungskandidatinnen kommt es darauf an, weitere interessierte Arztpraxen zu gewinnen und die Öffentlichkeit regelmäßig zu informieren, auch Krankenkassen müssen gewonnen werden, die Kosten für die Untersuchung für ihre Mitglieder zu übernehmen. Wichtig ist auch die Pflege und Weiterentwicklung der Methodik an sich und die weitere wissenschaftliche Absicherung. Eine hohe Priorität hat für discovering hands® auch die Entwicklung eines ausbildungs- und berufsbegleitenden Unterstützungsprogramms für Medizinische Tastuntersucherinnen, das besonders auch bei psychisch belastenden Phasen im Arbeitsalltag entstehen (fortschreitende Brustkrebserkrankung oder Tod einer Patientin).

discovering hands® versteht sich als professionelles gemeinnütziges Unternehmen mit einer sozialen Vision. Es wird marktwirtschaftlich organisiert und gewinnorientiert geführt. Der erzielte Gewinn wird dabei ausschließlich in den weiteren Ausbau des Geschäfts investiert. Die Geschäftsidee ist weltweit einmalig. Das Unternehmen erhält fast 1,4 Millionen Euro aus der Spendeninitiative SKala, die von der Unternehmerin Susanne Klatten ins Leben gerufen wurde. Nun können noch mehr blinde oder sehbehinderte Frauen für die Früherkennung von Brustkrebs nachhaltig qualifiziert werden.

Weiterführende Informationen:

Frank Hoffmann: discovering hands® - Behinderung als Begabung. In: Gesichter der Nachhaltigkeit. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Hauke Schwiezer. abcverlag, Heidelberg 2013, S. 122-124.

Haroula Endryk: MUDDY ANGEL – Wir waren dabei! In: INTERN. Das Magazin für Häcker-Mitarbeiterinnen. Ausgabe 33 (November 2018), S. 24-25.