POLITIK
11/10/2018 17:42 CEST | Aktualisiert 11/10/2018 17:44 CEST

Bayern ist noch immer tief konservativ – trotzdem verliert die CSU

Das Problem der Partei ist: Sie hat in der Mitte zu wenige neue Wähler gewinnen können.

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Am Sonntag könnte Bayern eine politische Kernschmelze erleben.

Und die Statistiker haben zur Illustration einige beeindruckende Superlative parat: Der CSU droht das schlechteste Wahlergebnis seit 1950 und der größte prozentuale Verlust seit Gründung der Bundesrepublik. Und zum ersten Mal seit 60 Jahren scheint eine politische Mehrheit jenseits der CSU möglich.

Doch wer glaubt, dass sich die politischen Verhältnisse völlig ins Rutschen geraten sind, der irrt. Denn im Grunde ist Bayern immer noch ein sehr konservatives Bundesland.

Diesen Schluss legt die jüngst veröffentlichte Studie “Einstellungen zur Politik” nahe, die von der CSU-nahen Hans-Seidel-Stiftung veröffentlicht wurde. Gleichzeitig finden sich darin einige spannende Ergebnisse, die den Wahlkampf der CSU in einem denkbar unvorteilhaften Licht erscheinen lassen.

Bayern tickt noch immer konservativ

Bereits im Oktober 2017, einen Monat nach dem schlechten Abschneiden der CSU bei der Bundestagswahl, befragten Demoskopen der Forschungsgruppe Wahlen über 2000 zufällig ausgewählte Bayern nach ihren politischen Positionen.

Die Hans-Seidel-Stiftung entwickelte aus einer Reihe von Fragen zu kontrovers diskutierten Themen wie Migrationspolitik, Gleichstellung oder Energiewende einen Index zur “thematischen Traditionalität” der bayerischen Wähler. 

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Markus Söder könnte ein historisch schlechtes CSU-Ergebnis einfahren. 

Das Ergebnis:

► Insgesamt 42 Prozent der Bayern denken immer noch ”(sehr) stark traditionell”.

► Weitere 29 Prozent haben zumindest eine mittelstarke Bindung zu traditionellen Werten.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den Fragen zur Identität:

► 92 Prozent fühlen sich stark oder sehr stark mit ihrer Region verbunden, 88 Prozent mit Deutschland und 86 Prozent mit Bayern.

Auch zu Institutionen wie den Gerichten, der Polizei oder dem bayerischen Landtag haben die Bayern ein gutes Verhältnis.

► Alle abgefragten Institutionen schneiden auf einer Skala von +5 bis -5 mit positiven Werten ab.

Es ist also nicht gerade so, dass sich Bayern politisch auf dem Weg in Richtung einer linken Revolution befinden würde.

Strategisches Totalversagen 

Diese Erkenntnisse lassen sich auch an den aktuellen Umfragewerten zur bayerischen Landtagswahl ablesen.

Denn obwohl der CSU ein Desaster am Sonntag droht, haben konservative und rechte Parteien in Bayern immer noch eine Mehrheit: CSU, AfD und Freie Wähler liegen zusammen deutlich über 50 Prozent der Stimmen. Hinzu kommt noch die Bayernpartei mit ein paar Prozentpunkten.  

Das Problem für die CSU ist viel eher, dass all diese Menschen noch vor 15 Jahren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ihr Kreuzchen bei den Christsozialen gemacht hätten.

Heute sind viele von ihnen zu den konservativen Freien Wählern (die 2008 erstmals in den Landtag einzogen) und zur nationalkonservativen AfD (die bei der letzten Landtagswahl gar nicht antrat) abgewandert.

Was der SPD mit der Linkspartei und den Grünen auf Bundesebene passierte, ist der CSU auf Landesebene passiert: Die Parteienangebote im jeweiligen politischen Bereich sind vielfältiger geworden. 

► Das Problem der CSU ist: Sie hat in der Mitte zu wenige neue Wähler gewinnen können, um den Verlust auszugleichen. Der Grund: Die CSU versuchte mit radikalkonservativer Rhetorik die rechten Wähler in Bayern zurückzugewinnen. 

Das zeigt ein Blick auf die Themensetzung bei der Bundestagswahl 2017. Hier wird das strategische Totalversagen der CSU deutlich.

AfD-Wähler anzusprechen war ein Fehler

Da wäre einerseits die Rolle der AfD. Deren Wähler fallen nämlich bei fast jeder Frage durch stark abweichende Werte auf.

► Beispiel Migrationspolitik: Während eine relative Mehrheit von 41 Prozent der Bayern glaubt, dass für die Integration von Ausländern zu wenig getan wird, glauben 71 Prozent der AfD-Wähler, dass zu viel getan wird.

► Beispiel Energiepolitik: Insgesamt 61 Prozent aller Befragten glauben, dass für Energiewende zu wenig getan wird. Bei der AfD glaubt eine relative Mehrheit von 35 Prozent, dass zu viel getan wird.

Anhänger der AfD misstrauen Gerichten, den Medien und den Kirchen. Ein wenig überraschend ist womöglich, dass sich 35 Prozent der bayerischen AfD-Wählern „überhaupt nicht“ oder „weniger stark“ mit Deutschland verbunden fühlen.

Hier wird der Wesenskern der AfD deutlich: Es handelt sich bei der Alternative für Deutschland um eine elitenkritische Bewegung. Hier sammeln sich alle, die enttäuscht und wütend auf maßgebliche Institutionen der Demokratie sind und nicht mehr an das Gemeinsame in einer Gesellschaft glauben.

In Bayern geht das offenbar soweit, dass die Wähler der Alternative für Deutschland sich bisweilen sogar von Deutschland entfernt haben.

Solche Wähler dadurch erreichen zu wollen, dass man den Tonfall der AfD imitiert, war von Anfang an ein schrecklicher Irrtum.

CSU hat liberale Wähler vergrault

Wenn man davon ausgeht, dass die Zahlen zu dieser Studie zumindest CSU-intern schon seit einiger Zeit bekannt sein dürften, dann haben Ministerpräsident Markus Söder und Parteichef Horst Seehofer ihrem Wahlkampf mit den bekannten Parolen vom “Asyltourismus” und den ständigen Guerilla-Kämpfen in Berlin wider besseren Wissens einen Rechtsdrall gegeben.

Dadurch hat die CSU ihre liberalen Wähler vergrault. Und von denen gibt es in Bayern genug, um die Verluste rechts der Mitte auszugleichen. 

Denn in vielen Sachfragen, das zeigt die Studie, sind die Bayern – trotz konservativer Grundstimmung – erstaunlich offen für gesellschaftlichen Fortschritt.

Sie wollen mit großer Mehrheit eine bessere Ganztagsbetreuung für ihre Kinder, können der “Ehe für alle” etwas abgewinnen und wünschen sich, dass die Behörden viel stärker als bisher digital arbeiten.

Es spricht vieles dafür, dass die CSU-Spitze ihre potenziellen Wähler für unfähig gehalten hat, um mit der gesellschaftlichen Realität des 21. Jahrhunderts klar zu kommen. Dem ist aber nicht so. Konservatismus und Weltgewandtheit schließen sich keineswegs aus.

Bayern wird auch nach der Wahl ein traditionsbewusstes Land bleiben. Wenn die CSU jedoch noch einmal zu alter Stärke zurückkehren will, muss sie endlich eine ehrliche Antwort darauf finden, wie sie Konservatismus in die Gegenwart übersetzt. Mit dem Gebrüll von Alphatieren gewinnt man heute keine Wahl mehr.

(ben)