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22/08/2018 11:44 CEST | Aktualisiert 23/08/2018 11:34 CEST

Bayern: Bauer zeigt einzige Hoffnung, wie Bienensterben zu stoppen ist

"Hier und da ein Blühstreifen, das reicht nicht. Wir bräuchten ein völliges Umdenken, wir bräuchten blühende Landwirtschaften.”

HuffPost / Uschi Jonas
Landwirt Franz Obermeyer auf einer seiner blühenden Wiesen

Eine wohlgenährte Katze blinzelt auf der Wiese vor einem Wohnhaus mit golden verzierten Fensterläden der August-Sonne entgegen. Hinter der Scheune zeichnen sich am blauen Himmel sanft die Silhouetten der Alpen ab.

Rund um den Hof im bayerischen Taching am See ist alles grün. Überall sind Büsche, Brennnesseln, Wiesenstreifen. “Bei uns wird nicht ständig alles niedergemäht”, sagt Landwirt Franz Obermeyer.

Es klingt nach Heimatfilm, nach Natur-Idyll. Doch – auch das gehört zur Wahrheit – es geht Obermeyer ums pure Überleben.

Um das Überleben von Bienen, die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) bei ihrem Amtsantritt als “systemrelevant” bezeichnete.

Denn das hohe Grün lässt Obermeyer nicht stehen, weil es hübsch aussieht. 

Er weiß: Wo es blüht, gibt es Bienen und andere Insekten, wo es Insekten gibt, werden Pflanzen und Früchte bestäubt, kann Getreide wachsen, können sich Vögel von Samen ernähren.

Die Landwirtschaft sollte der größte Verbündete der Biene sein. Doch stattdessen ist sie ihr größter Feind. Obermeyer macht das wütend. Denn er ist ein einsamer Kämpfer.

85 Prozent der landwirtschaftlichen Erträge hängen von den Bienen ab

Sein Gesicht ist von Wind und Wetter gezeichnet, sein hellgraues Polohemd, die braune Cargohose und seine offenen Sandalen wirken nach Urlaubsoutfit, weniger nach Arbeitskleidung.

Obermeyer hat nie einen anderen Beruf ausgeübt. Als er 16 Jahre alt war, absolvierte er eine Lehre am Hof, mit 30 übernahm er den Schröckenbauerhof in der 2000-Einwohner-Gemeinde Taching am See und kurz darauf stellte er auf biologische Landwirtschaft um.

Das bedeutet: Obermeyer verzichtet auf jegliche synthetische Pflanzenschutzmittel, Mineraldünger und gentechnisch veränderten Pflanzen.

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Allein ist er auf diesem Gebiet zwar nicht, aber gerade einmal 7,5 Prozent beträgt der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Flächen an der gesamten landwirtschaftlichen Fläche in der Bundesrepublik, wie das Umweltbundesamt mitteilt. Vor dem Hintergrund des Bienensterbens ein Tropfen auf den heißen Stein.

Denn: Rund 85 Prozent der landwirtschaftlichen Erträge im Pflanzen- und Obstbau hängen laut dem Deutschem Imkerbund in der Bundesrepublik von der Bestäubung der Honigbienen ab.

Sie werden gezielt als Nutztiere eingesetzt. Allein in Deutschland leisten sie durch Bestäubung von Nutzpflanzen jedes Jahr Arbeit, die umgerechnet 1,8 Milliarden Euro wert ist.

Bundesagrarministerin Julia Klöckner warnte im HuffPost-Interview: “Gibt es keine Bienen, dann gibt es keine Landwirtschaft und dann gibt es auch keine Grundlage für unsere Ernährung.”

Hier und da ein Blühstreifen – das reicht nicht

Es ist eine Warnung, die spät kommt.

Von den 560 Wildbienenarten in Deutschland ist mehr als die Hälfte bereits bedroht, 39 Arten gelten als komplett ausgestorben. Die Biomasse an Fluginsekten insgesamt ist seit 1989 um gigantische 76 Prozent geschrumpft.

Der Einsatz von Pestiziden in der industriellen Landwirtschaft rottet Honigbienen-Völker aus, lässt Wildbienenarten aussterben. Zu enge Fruchtfolgen und Monokulturen lassen Standorte wie Hecken oder Auwälder verschwinden – ein vielfältiges Nahrungsangebot, das Bienen und anderen Insekten damit genommen wird.

Umweltschützer und Bienenforscher warnen seit Jahren vor den katastrophalen Folgen, die das Sterben haben könnte und fordert, dass sich in der Landwirtschaft dringend etwas ändern muss.

Doch der Bauernverband reagiert zögerlich.

“Die Landwirtschaft wird ihren Beitrag dazu leisten, die Vielfalt an Insekten durch die Schaffung von Lebensräumen und die Umsetzung von insektenfördernden Maßnahmen zu erhalten“, sagt Generalsekretär Bernhard Krüsken der HuffPost beschwichtigend. 

Bauer Obermeyer hält solche vagen Aussagen für Humbug. “Hier und da ein Blühstreifen, die der Bauernverband gerne propagiert, das reicht nicht. Wir bräuchten ein völliges Umdenken, wir bräuchten blühende Landwirtschaften.” 

HuffPost / Uschi Jonas
Links Obermeyers Wiesen, rechts ein konventionelles Maisfeld

Obermeyer lässt Unkraut wachsen – und schützt so Insekten und Vögel

In seinem weißen Transporter fährt der 58-Jährige einen holprigen Feldweg entlang.

Auf dem eingestaubten Amaturenbrett liegen ein paar Münzen und ein Strohhut. Obermeyer zeigt rechts aus dem Fenster. “Da der Nachbar zum Beispiel, der macht nicht mit, der sagt, ich brauch keinen Blühstreifen, ich bau lieber Mais an. Warum sollte ich da noch fünf Sonnenblumen hinstellen am Rand? Das bringt doch eh nichts.”

Auf der anderen Seite des Feldwegs liegt das Ackerland von Obermeyer.

Kleegras blüht neben Kartoffeln, die kurz vor der Ente stehen. “Wenn das ein konventionelles Feld wäre, dann wäre da nichts grün außer der Kartoffeln, aber wenn die dann geerntet sind, dann ist alles weg.”

HuffPost / Uschi Jonas
Franz Obermeyer lässt auf seinen Feldern Unkraut einfach mal stehen und das Stroh nach dem Mähen liegen.

Deshalb lässt der Bayer Unkräuter wachsen und lässt das Stroh nach dem Mähen liegen. Ihn stört das nicht und es lockt Insekten an, bietet Samen für Vögel und Fasane.

“Warum haben wir Spezialbetriebe, die sich nur auf Mais oder eine Getreidesorte konzentrieren? Weil es einfacher und billiger ist.” Ein spezialisierter Betrieb braucht weniger Personal, weniger Maschinen, weniger Expertise. 

Es dreht sich alles ums Geld

Wer so wirtschafte, für den zähle vorrangig Geld. Auch der Bauernverband sagt: “Wichtig ist, dass die für die Landwirtschaft geplanten Maßnahmen praxistauglich und wirtschaftlich tragfähig sind.”

So richtig Verständnis hat Bauer Obermeyer dafür nicht. “Ich will meinen Enkeln später nicht sagen müssen, dass ich geholfen habe, die Welt zu zerstören. Ich will geholfen haben, die Artenvielfalt unserer Welt zu erhalten.” Reich werde er wohl nicht werden, aber er habe ausreichend Geld, um zu leben, sagt er.

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Dennoch ist Geld der Knackpunkt, der viele Landwirte zögern lässt, ihre Anbauweisen zu verändern. Denn bislang gibt es für Landwirte flächenbezogene Subventionen – egal ob ökologisch oder konventionell. 

Der WWF fordert, dass sich das ändern müsse. Finanzielle Unterstützung sollte vielmehr an verbindliche Ziele im Klima-, Wasser- und Bodenschutz und an den Erhalt der Biodiversität gebunden sein. 

“Landwirte, die nachhaltig produzieren und damit unsere natürlichen Lebensgrundlagen schützen, dürfen nicht ums Überleben kämpfen, sie gehören angemessen honoriert”, sagt Jörg-Andreas Krüger vom WWF.

Der Landwirt blickt zweifelnd in die Zukunft

Obermeyer selbst baut unzählige Getreidesorten an und setzt auf Vielfalt. Er hat von nichts viel, aber von allem etwas. So unterstützt er die Artenvielfalt und kann auch auf Pflanzenschutzmittel verzichten. Das einzige, was seiner Ansicht nach Landwirtschaft in Deutschland zukunftsfähig macht.

Auch der WWF fordert: “Weniger Stickstoff, weniger Pestizide und mehr Vielfalt auf den Äckern sind Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit des Agrarsektors”.

Obermeyer steht jetzt in einer bunten Blumenwiese, überall fliegen Schmetterlinge, summen Bienen. Die wenigsten Bauern opfern Ackerland für ein solches Biotop. Der 58-Jährige schon, und er ist stolz, gegen den Strom zu schwimmen – aber genau das lässt ihn auch verzweifeln.

Auf die Frage, wo die Landwirtschaft in zehn Jahren stehen muss, seufzt er.

HuffPost / Uschi Jonas
Eine von Obermeyers Blumenwiesen

“In zehn Jahren? Ich hoffe natürlich, dass wir dann ein bisschen weiter sind.”

Obermeyer warnt vor einem “Bauernsterben”. Davor, dass immer mehr Landwirte ihre Höfe aufgeben müssen, weil sie im Preiskampf nicht bestehen.

Im Preiskampf, den die Skrupellosen der Branche schamlos ausnutzen – etwa um Höfe von Mitbewerbern aufzukaufen.

Obermeyer erklärt: “Momentan ist die Alternative, sündhaftteuer zu verpachten und einen Job in der Industrie anzunehmen. Aber wenn die anderen Bauern nicht so blöd wären, einem so viel Geld fürs Aufhören zu geben, dann würden wir zumindest den Status Quo erhalten oder der eine oder andere würde wieder anfangen.”

Aber derzeit würden mehr Bauern ihre Betriebe aufgeben, als auf bio umsteigen. Die landwirtschaftlichen Familienbetriebe nehmen in Deutschland stetig ab, seit 1991 ist ihre Anzahl um mehr als die Hälfte gesunken.

Veränderung muss im Kleinen anfangen

Obermeyer fährt zurück zum Hof.

In seiner Scheune liegen gefüllte Säcke mit geernteter Hirse, Roggen, Weizen, Dinkel, Emmer, Linsen und Buchweizen. Er packt sich selbst mit der linken Hand am offenen Kragen seines Polohemds, als wolle er sich selbst zum Kampf auffordern: “Von oben herab etwas zu verändern bringt nichts”.

Er saß jahrelang in Vorständen von Verbänden, gebracht habe das wenig. Stattdessen ist er sicher, dass es nur einen Ausweg gibt: Im Kleinen, an der Basis anzusetzen. Er selbst spricht mit benachbarten Bauern, gibt ihnen Tipps und teilt seine Erfahrungen.

“Und das wirkt. Das sehe ich fast jeden Tag. Es ist auch gar nicht so schwer”. Es wäre schon gut, wenn jeder ein bisschen guten Willen zeigt, hier und da weniger mäht, ab und an Pflanzen einfach mal blühen lässt.

Auch der Würzburger Bienenforscher Jürgen Tautz sagt im Gespräch mit der HuffPost, dass es am sinnvollsten wäre, Veränderungen Schritt für Schritt im Kleinen anzustoßen.

Tautz erklärt: “Es würde schon viel helfen, wenn sich die Landwirte mit der Expertise von Imker- und Naturschutzverbänden vor Ort austauschen würden.”

Zum Beispiel könnten Großlandwirte vor dem Mähen Naturschützern ihre Felder zeigen, ob es vorher noch ein paar Pflanzen oder Insekten zu retten gibt. Oder Landwirte könnten Imkern Bescheid sagen, bevor sie ihr Ackerland spritzen, damit die Imker ihre Bienenstöcke für besagten Tag schließen und ihre Tiere so vor den Giften schützen könnten.

Am meisten jedoch könnte jemand ganz anderes bewirken, glaubt Bauer Obermeyer: der Verbraucher.

“Hier und da einfach mal das Kleingedruckte auf Lebensmittelverpackungen lesen, nachfragen, wo die Produkte genau herkommen, sich ein bisschen Gedanken machen.”

Getty / HuffPost

Um besser zu verstehen, welche Konsequenzen das Insekten- und Bienensterben mit sich bringt, was das für die Zukunft bedeutet und vor allem, wie wir etwas dagegen unternehmen können, hat die HuffPost mit Bundesagrarministerin Julia Klöckner, Wissenschaftlern, Imkern, Umweltschützern und Landwirten gesprochen.

Was sie prognostizieren und welche Lösungsvorschläge sie haben, lest ihr die ganze Woche im Rahmen eines Themenschwerpunkts zum Kampf gegen das Bienensterben auf www.huffpost.de.

(lp)