BLOG
09/11/2018 17:18 CET | Aktualisiert 10/11/2018 09:19 CET

Was ich in einem bayerischen Kindergarten beobachtet habe, macht mir Sorgen

Kinder müssen heute schon ganz schön was aushalten.

Im Video oben: Kinder stehen mehr denn je unter Stress - das sind die dramatischen Folgen.

Annette Büchele* ist Ballettlehrerin und unterrichtet auch seit Jahren in einem bayerischen Kindergarten. Wenn sie in die Einrichtung kommt, um mit den Kindern zu arbeiten, beobachtet sie häufig Szenen, die den Eltern verborgen bleiben.

Hier berichtet Büchele aus ihrem Alltag und beschreibt, warum Kinder heute stärker unter Stress stehen als noch vor zehn Jahren. 

Beruflichen Stress und Überforderung im Arbeitsleben kennen wir alle. Und dass unsere Gesundheit darunter leiden kann, ist auch weitgehend bekannt. Dass dieser Stress sich allerdings schon bei kleinsten Kindern bemerkbar macht und zur Belastung wird, ist wohl den wenigsten Menschen bewusst.

Der Kindergarten entwickelt sich seit Jahren mehr und mehr zum Arbeitsplatz für Kinder. Sie verbringen immer mehr Zeit in der Fremdbetreuung, sodass ihr Tagesablauf schon Grundzüge eines Berufsalltags aufweist. Und genauso wie wir Erwachsenen können sie dort unter Druck gesetzt werden.

Aber: Wie sollen aus ihnen fähige Erwachsene werden, wenn sie von klein auf am Limit sind? 

Seit Jahren arbeite ich als Ballettlehrerin für Kinder. Unter anderem unterrichte ich auch regelmäßig in einem bayerischen Kindergarten. Ich habe dort schon häufiger Situationen beobachtet, die mir Sorgen machen.

Kinder werden angeschrien und zum Essen gezwungen

Wenn ich nachmittags komme, um mit den Kindern zu arbeiten, wirken die Erzieherinnen oft gestresst. Das wundert mich auch nicht, denn für eine Gruppe von fast 20 Kindern sind meistens nur zwei Erzieherinnen zuständig und manchmal ein Praktikant.

Ich verstehe, dass man nach einem Tag mit einer ganzen Horde lauter, hibbeliger Kita-Kinder erschöpft und vielleicht auch gestresst ist. Aber ich finde es nicht in Ordnung, wenn die Kleinen das zu spüren bekommen.

Ich habe nicht nur einmal mitbekommen, dass die Erzieher den Kindern gegenüber laut geworden sind. Wenn im Gang zum Beispiel gerannt wird, was verboten ist, schreien die Erzieherinnen die Kleinen richtig an. Es ist sicher richtig, dass es Regeln geben muss, die auch eingehalten werden. Aber die Kinder anzuschreien, erscheint mir nicht wie eine pädagogisch wertvolle Lösung.

Ich habe es auch schon erlebt, dass ein Kind nicht in meinen Unterricht kommen durfte, weil es sein Mittagessen noch nicht aufgegessen hatte. Es sollte am Tisch sitzen bleiben und die Mahlzeit beenden.

Auch darüber habe ich mich sehr gewundert. Ich dachte eigentlich, dass so etwas heute längst nicht mehr gemacht wird. Ein Kind sollte doch nicht zum Essen gezwungen werden. Und schon gar nicht dafür bestraft werden, wenn es nicht aufessen möchte.

Die Eltern wissen nicht, was in der Kita passiert 

Ich finde es schlimm, dass solche Dinge hinter verschlossenen Kita-Türen passieren. Die Eltern haben schließlich kaum eine Möglichkeit, davon zu erfahren. Sie begegnen den Erziehern ja nur beim Bringen und Abholen der Kleinen und wissen nicht, wie sie sich den Kindern gegenüber verhalten, wenn die Eltern nicht da sind.

Ich verstehe wie gesagt auch die unglückliche Lage der Erzieher, weiß, dass sie schlechte Arbeitsbedingungen haben und für ihre wichtige Arbeit auch nicht angemessen bezahlt werden. Aber damit die Kinder darunter nicht leiden, sollte es meiner Meinung nach verpflichtende Trainings oder Auffrischungskurse für Erzieher geben.

Fremdbetreuung bedeutet meist auch Stress 

Denn man muss sich bei all dem ja auch bewusst machen, dass die Kinder viele Stunden im engen Kontakt mit den Erziehern und anderen verbringen. Heute sind die Kinder ja deutlich länger in Fremdbetreuung als noch vor zehn Jahren.

Die Kita, in der ich arbeite, hat von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends geöffnet und es ist längst nicht mehr ungewöhnlich, wenn Kinder sogar acht Stunden lang fremdbetreut werden. Für sie bedeutet das aber auch Stress. Sie können sich ja den ganzen Tag nicht zurückziehen. Sie müssen den ganzen Tag kooperieren, sich in die Gruppe einfügen und angemessen verhalten. Und auch sie sind dabei ja stundenlang von lauten Gleichgesinnten umgeben.

Deshalb ist es umso wichtiger, dass ihre Bezugspersonen im Kindergarten feinfühlig auf sie eingehen können, ihre Bedürfnisse verstehen und angemessen darauf reagieren.

Kinder sind heute unausgeglichener und weniger aufnahmefähig 

Ich bemerke den steigenden Stresspegel der Kinder nämlich recht deutlich in meinem Unterricht. Meine Arbeit ist in den letzten zehn Jahren immer anstrengender geworden. Die Kinder sind unausgeglichen und häufig kaum noch aufnahmefähig, wenn sie zu mir kommen. Es dauert immer länger, bis alle zur Ruhe kommen und sich auf die Übungen konzentrieren.

Das war früher ganz anders. Und ich glaube, es hat mit der Betreuungssituation zu tun. In meinem Studio habe ich Gruppen, bei denen manche Kinder direkt aus dem Hort kommen und andere, die von zu Hause kommen. Und es ist schon fast erschreckend zu beobachten, wie unterschiedlich sie sich verhalten.

Diejenigen die aus der Fremdbetreuung direkt zu mir kommen, sind meistens völlig überdreht, rennen, toben, kreischen und haben große Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Die Kinder, die von zu Hause kommen, sind einfach ausgeglichener und sofort bereit, mitzumachen.

Diese Entwicklung macht mir oft Sorgen. So, wie sich die Arbeitswelt gerade entwickelt, werden die Kinder ja in Zukunft noch viel mehr Zeit außerhalb ihrer Familien verbringen. Es wird dann noch mehr darauf ankommen, eine hohe Qualität der Betreuung sicherzustellen. Aber ich habe große Zweifel daran, dass die Politik hart genug daran arbeitet.

Kinder müssen heute schon ganz schön was aushalten. Und welche Auswirkungen das haben wird, werden wir erst noch sehen.

*Der Name der Autorin wurde geändert, ist der Redaktion jedoch bekannt. Dieser Text wurde von Gina Louisa Metzler aufgezeichnet. 

(kiru)