POLITIK
10/10/2018 20:31 CEST | Aktualisiert 10/10/2018 21:15 CEST

Bayer hilft Flüchtlingen und wirbt für CSU – das denkt er über den Wahlkampf

“Das Erreichte und Geleistete wird in den Hintergrund gedrängt."

christian dobmeier
Linkes Bild: Christian Dobmeier in Tansania. Rechts oben: Dobmeier mit seinen somalischen Hilfsarbeitern. Rechts unten: Ein Arbeiter in Tansania. 

Auf einen Kunden hat Christian Dobmeier einmal verzichtet. 

Neger brauchst du keinen mitbringen”, habe der Mann zu ihm gesagt, erinnert sich der Fliesenleger aus Niederbayern. “Dann habe ich den Spieß umgedreht und gesagt: Ich verzichte auf den Auftrag”, erzählt Dobmeier. 

Denn er beschäftigt in seinem Betrieb zwei junge Männer aus Somalia, Mustafe und Ritwahn. Sie kamen vor rund fünf Jahren als Asylbewerber nach Deutschland, mittlerweile wohnen und arbeiten sie in der kleinen niederbayerischen Gemeinde Mallersdorf-Pfaffenberg, rund hundert Kilometer von der Landeshauptstadt München entfernt. 

“Die Burschen kommen eigentlich gut an”, sagt Dobmeier. Nur mit sehr wenigen Menschen gebe es Probleme. Manche hätten Vorbehalte beim Thema Asyl. 

Das habe er auch kürzlich im Haustürwahlkampf in der Gemeinde erlebt. Dobmeier, der Mann, der Asylbewerber beschäftigt und im Gespräch für eine schnellere Energiewende plädiert, sitzt im Vorstand der lokalen CSU – der “größten Volkspartei Bayerns”, wie er sagt.

Es ist ein Status, um den die Christsozialen bei der anstehenden Landtagswahl ringen. Ihr droht ein historisch schlechtes Ergebnis.

Asyl und Arbeit: “Das muss schneller gehen” 

Als Dobmeier für die CSU von Tür zu Tür zog, habe es bei den Nachbarn der Asylunterkunft in der Mitte von Mallersdorf-Pfaffenberg nur ein Thema gegeben: die Asylbewerber. Rund 300 wohnen im Ort. 

Die Nachbarn beschwerten sich über den Lärm der Bewohner in der Unterkunft. Es ist ein Thema, das bei Bürgerversammlungen oder den Wahlveranstaltungen der CSU im Ort immer wieder auftaucht. 

Er sieht einen möglichen Ausweg darin, den Asylbewerbern rasch eine Arbeit zu verschaffen. Damit sie einen geregelten Tagesablauf haben und in der Unterkunft schneller in der Nacht Ruhe einkehrt. 

“Wenn die Leute schon hier sind”, sagt Dobmeier, “dann sollen sie arbeiten dürfen und müssen.” Er schiebt hinterher: “Und das muss schneller gehen.”

Der Kampf mit der Bürokratie 

Auf seinem Balkon berichtet der Fliesenleger von seinem Kampf mit den Behörden, nachdem er beschlossen hatte selbst anerkannte Flüchtlinge einzustellen. “Da merkt man, dass die Ämter einfach nicht vorbereitet waren auf diese Schwemme von Anträgen.”

Es ging um Genehmigungen vom Landratsamt, um Genehmigungen zum Ortswechsel, um den Nachweis von Staatsbürgerschaften. “Dann heißt es auf dem Amt: Der muss das im Original bringen. Ich sage, der arbeitet Vollzeit bei mir, der kann nicht ständig zu euch fahren. Ich sage, habt’s doch etwas länger auf, die Burschen können sich nicht ständig frei nehmen.”

Mit seinen somalischen Arbeitern ist Dobmeier zufrieden. Die beiden seien fleißig und würden schnell lernen, sagt er. “Man muss vielleicht einen längeren Atem bei ihnen haben als bei Menschen, die hier geboren wurden, weil sie aus einem anderen Kulturkreis stammen.”

Das fange etwa beim Essen an. Mustafe und Ritwahn sind beide Muslime. “Da kriegst du auf der Baustelle dann vier Leberkäse-Semmeln hingestellt. Dann muss ich sagen: Das geht nicht, die essen kein Schweinefleisch.” Viele seiner Kunden würden aber auch vorher fragen, was die zwei essen möchten. 

“Man muss den Menschen gleich an der Haustür die Angst nehmen”, sagt Dobmeier. Also stelle er seine beiden Hilfsarbeiter vor, erkläre, woher sie stammten. Die Reaktion sei dann meist: “Das ist ja super, dass die arbeiten.”

Woher kommt die Unzufriedenheit in Bayern? 

Seit 17 Jahren führt Dobmeier nun seinen Betrieb. Er startete allein, mittlerweile hat er fünf Angestellte. Er profitiert wie die anderen Handwerker und Unternehmer in der Region vom wirtschaftlichen Aufschwung.

Hinter den bewaldeten Hügeln im Süden von Mallersdorf-Pfaffenberg liegen die Werke des Autokonzerns BMW. “Das zieht sich wie ein Speckgürtel hierher”, sagt Dobmeier.

Mit den Werken seien die Arbeitsplätze gekommen, mit der Arbeit der Wohlstand, mit dem Wohlstand die Arbeit für Handwerker wie ihn. Dobmeier hat sich auf Natursteine spezialisiert und gestaltet Böden, Bäder oder fliest Terrassen. 

Dennoch blicken viele Menschen in Bayern pessimistisch in die Zukunft, wie Umfragen zeigen. Die Unzufriedenheit ist groß, der Rückhalt der CSU bröckelt.

Das Erreichte und Geleistete wird in den Hintergrund gedrängt”, sagt Dobmeier. “Durch die Unzufriedenheit von Menschen, die gar nicht richtig wissen, warum sie unzufrieden sind.”

Er fügt aber auch hinzu: “Die Unzufriedenheit nur auf das Thema ‘Verfehlte Asylpolitik’ herunter zu brechen, finde ich nicht fair.” Es gebe etwa ältere Menschen, bei denen die Rente kaum ausreiche und die deshalb wütend seien. 

Mehr zum Thema: CSU-Politiker Josef Schmid über die Bayern-Wahl:“Manche Wähler wollen uns eine Watschn verpassen”

“Seehofer hat die Zügel nicht ausgelassen”

Aber die CSU sei auch teilweise selbst Schuld an den schlechten Umfragewerten, sagt der Handwerker und CSU-Mann. Man müsse zurückgehen bis zur Bundestagswahl vor einem Jahr. “Meines Erachtens hat Seehofer die Zügel nicht ganz losgelassen”, sagt Dobmeier.

CSU-Chef Horst Seehofer ging nach Berlin und leitet sein Super-Ministerium des Inneren, für Bau und Heimat, Ministerpräsident wurde im Frühjahr Markus Söder.

Eine Konstellation, die noch immer für Reibung sorgt. Am Wochenende gaben sich Seehofer und Söder gegenseitig die Schuld an den miesen Umfragewerten.

Sie hätten einen klaren Schnitt machen müssen”, betont Dobmeier. Seehofer hätte sich nach der Bundestagswahl nicht mehr in Bayern einmischen sollen.

“Wir müssen die Energiewende vorantreiben” 

Trotz alledem: Dobmeier ist stolz auf seine CSU und das Bayern, das sie über Jahrzehnte geprägt hat. “Man kann nicht sagen, die CSU hat 61 Jahre Misswirtschaft betrieben.”

Seit zum Beispiel Baden-Württemberg von einem grünen Ministerpräsidenten regierte werden, sei Bayern an dem Bundesland vorbeigezogen.

Statistiken zeigen: 2017 rutschte Baden-Württemberg etwa bei Investitionen ins Bildungssystem ins Mittelfeld ab, während Bayern auf den ersten Rang kletterte. 

Bayern zahle außerdem den Großteil des Länderfinanzausgleichs. Ein altes bayerisches Sprichtwort sage: “Wer zoit, schofft o.” Wer zahlt, schafft an. “Allerdings hat Bayern mit der CSU-Fraktion in Berlin leider nur wenig Durchschlagskraft”, sagt Dobmeier. 

Noch eine Sache vermisst er in der Politik: “Was sie vorantreiben müssen, ist die Energiewende.” Seit 2014 gilt in Bayern die sogenannte 10-H-Regel. Laut eines Urteils der Verfassungsgerichts in München muss der Abstand eines Windrads von Wohnungen mindestens zehn Mal so weit sein, wie die Anlage hoch ist.

“Es gibt fast keinen Standort mehr, der dieser Regelung entspricht und rentabel ist”, sagt Dobmeier. Braunkohle- oder Atomenergie könne nicht die Zukunft sein, sagt er. Eine grüne Ader haben offensichtlich auch die Christsozialen in der bayerischen Provinz. 

Unterwegs in Afrika 

Der Streit um Zurückweisungen an der Grenze und das Gerangel um den Verfassungsschutzpräsidenten ließen in den vergangenen Wochen und Monaten das Bild einer CSU entstehen, die voller konservativer Hardliner schien.

Ein Bild, für das die CSU zu großen Teilen selbst verantwortlich ist – das aber nicht ganz der Wahrheit entspricht. Das zeigt sich in den Kreis- und Ortsverbänden der Partei überall in Bayern.

Dobmeier kann sich auch vorstellen, für die CSU ins Rathaus in Mallersdorf-Pfaffenberg einzuziehen. 

Auch in die Lokalzeitung schaffte es der Handwerker bereits – mit seinem Ausflug nach Tansania. Zusammen mit seinem Arbeitskollegen Andreas Beckerle verlegte er dort Fliesen in einer Zahnarztpraxis, die der Verein Connecting Continents aus dem niederbayerischen Straubing dort aufbaut.

christian dobmeier
Die fertiggestellte Zahnarztpraxis in Tansania.

“Der Sinn und Zweck des Vereins ist, dass man Bildung und Wissen exportiert”, sagt Dobmeier und fügt hinzu: “Und da schließt sich der Kreis.” Projekte wie von Connecting Continents sorgten dafür, dass die Menschen in Tansania selbst helfen können. Dass sie, wie seine somalischen Mitarbeiter, gar nicht erst nach Europa fliehen müssten. 

Vor der Landtagswahl in Bayern ist HuffPost-Reporter Leonhard Landes zurück in seine niederbayerische Heimat gezogen. Diese Texte sind bisher erschienen:  

HuffPost Dahoam

(m)