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12/05/2018 19:54 CEST | Aktualisiert 13/05/2018 08:55 CEST

“Vier Bier und einen Zungenkuss": Wie Männer mit mir als Barkeeperin reden

Männer, die Lehrer, Ärzte oder Anwälte sind.

„Coyote Ugly“ heißt der Film über das Leben einer Barkeeperin. In dem Streifen, der im Sommer 2000 in Deutschland in die Kinos kam, tanzen die Barkeeperinnen über eine brennende Theke. Eine vermöbelt pöbelnde Gäste.

Was Kellner manchmal leisten, seht ihr oben im Video: Mann schafft es nicht, im Restaurant normal zu essen - dann schreitet eine Mitarbeiterin ein.

Die Barkeeperinnen sind sexy, wilde Amazonen, für jeden Spaß zu haben. Und immer in der Bringschuld gegenüber ihren Gästen. Sie müssen dem zahlenden Gast „etwas für sein Geld bieten“.

Wir können schaffen, was Drinks nie bewirken können

Ich bin selbst Barkeeperin und finde: Irgendwo stimmt das auch.

Aber unsere Bringschuld besteht nicht darin, halbnackt auf dem Tresen zu tanzen, sondern darin, ein offenes Ohr für unsere Gäste zu haben.

Wir sind gleichzeitig Entertainerinnen, Streitschlichterinnen, lösen Eheprobleme. Wir bringen unsere Gäste zum Lachen und trösten sie, wenn sie traurig sind. Das können unsere Drinks nicht.

Nada Assaad
Ich arbeite in einer Kölner Bar.

Als Barkeeperinnen müssen wir dafür sorgen, dass unsere Gäste eine gute Zeit haben und wiederkommen. Deshalb unterhalten wir uns viel und gerne mit den Menschen, die zu uns kommen.

Natürlich sind wir nicht mit jedem Gast auf einer Wellenlänge.

Wir versuchen trotzdem, immer freundlich und tolerant zu bleiben. Das müssen wir, weil wir von unseren Gästen abhängig sind.

Der Ruf einer Bar steht und fällt mit dem Urteil des Gastes.

Männer sind oft sexistisch zu Barkeeperinnen

Manche Menschen denken, dass wir uns deshalb alles gefallen lassen müssen.

Besonders oft kommt es vor, dass Männer uns mit sexistischen Sprüchen belästigen.

Männern, die Lehrer, Ärzte oder Anwälte sind.

Ich habe mir beispielsweise angewöhnt, Männer besonders laut zurecht zu weisen, wenn sie sexistische Sprüche klopfen

Sie machen sexistische Äußerungen über unser Aussehen und erniedrigen uns mit ungewollten Kosenamen.

Sie sagen “Schätzchen”, “Kleines”, “Junges Fräulein” zu uns und fragen uns, ob wir unsere Tops nicht für ein paar Sekunden hochziehen können.

Würden die Männer so mit ihren Patientinnen oder Schülerinnen reden, wären sie ihre Jobs schnell los.

Ich glaube, sexistische Männer halten das Nachtleben für eine gesellschaftliche Grauzone, in der man alles machen darf.

Frei nach dem Motto: “Jetzt kann ich mich so benehmen, wie ich es Zuhause nicht darf”.

Beweg dich nicht so schnell, damit ich deinen Po besser sehen kann“

Meine Kölner Freundin und Kollegin Fee arbeitet seit acht Jahren in der Gastronomie und hat dementsprechend viele Storys auf Lager.

Fee erzählt mir von einer Schicht, in der sie alleine arbeitete und ein Mann sich zu ihr an die Theke setzte. Er war anfangs nett und höflich, sprach von seiner Arbeit als promovierter Wissenschaftler.

Bis er angetrunken anfing, anzügliche Dinge zu sagen.

Er wollte sich nicht mehr hinsetzen, damit er sie „besser sehen kann“. Wie ein Tier im Zoo begaffte er sie und zog sie mit seinen Blicken aus.

Nada Assaad
Meine Kölner Freundin und Kollegin Fee arbeitet seit acht Jahren in der Gastronomie und hat dementsprechend viele Storys auf Lager.

Als Fee an ihm vorbeigehen musste, um Gläser einzusammeln, sagte er: „Beweg dich nicht so schnell, damit ich deinen Po besser sehen kann.“ Fee ignorierte ihn.

Barkeeperinnen können Vorbilder sein

Solche Sprüche kriegen wir leider viel zu oft zu hören. Jede von uns hat mittlerweile ihre eigene Strategie entwickelt damit umzugehen.

Ich habe mir beispielsweise angewöhnt, Männer besonders laut zurecht zu weisen, wenn sie sexistische Sprüche klopfen.

Die anderen Gäste sollen anhand meiner Reaktion merken, dass Sexismus nicht als betrunkenes Gerede abgetan werden darf.

Charaktereigenschaften kann man sich nicht antrinken

Manchmal kommen Menschen auf mich zu und entschuldigen sich für das, was sie betrunken zu mir gesagt haben. Leider ändert das nichts daran, dass mir dieser Mensch trotzdem negativ in Erinnerung bleibt.

Ich unterscheide nämlich nicht zwischen der betrunkenen und der nüchternen Person.

Meiner Meinung nach kann man sich Charaktereigenschaften nicht antrinken.

Ein Mann, der betrunken sexistisch ist, ist auch nüchtern sexistisch. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass er sich nüchtern besser unter Kontrolle hat und keine Sprüche reißt.

Die anderen Gäste sollen anhand meiner Reaktion merken, dass Sexismus nicht als betrunkenes Gerede abgetan werden darf

Manche anzügliche Sprüche finden wir wiederum auch witzig. Es kommt da oft weniger darauf an, was jemand sagt, sondern wie er es sagt.

Ein Gast orderte bei Fee „vier Kölsch und einen Zungenkuss“.

Der Mann spielte bewusst mit Klischees. Er meinte es mit Humor.

Mit seinem Spruch wollte er ironisch auf Männer verweisen, die sich an Barkeeperinnen ran machen. Den eigentlich blöden Spruch hat er so gekonnt in einen Witz umgewandelt.

An einen Kommentar erinnere ich mich besonders gut

Meine Kolleginnen und ich erhalten für unsere Arbeit oft Solidaritätsbekundungen von Frauen.

Wenn wir nervige männliche Gäste zurechtweisen, sagen uns Frauen „Weiter so!“ und manchmal auch „Ihr seid krass!“

Ein Kommentar ist mir besonders im Kopf geblieben.

Während einer Fußballschicht machte ich mir einen Spaß daraus, sexistische Sprüche mit richtig dämlichen Sprüchen zu kontern.

Ein Mann, der betrunken sexistisch ist, ist auch nüchtern sexistisch. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass er sich nüchtern besser unter Kontrolle hat und keine Sprüche reißt.

Irgendwann hatte ich mir so den Respekt einiger Fußballfans “erarbeitet” und sie behandelten mich fortan wie ihresgleichen. Aus unseren anfänglichen Diskussionen wurden bald regelrechte Duelle, wer den miesesten Spruch bringen kann.

Als ich jemandem einen besonders miesen Spruch drückte und die Menge johlte, hörte ich plötzlich eine Frau aus der hintersten Ecke rufen:

“Du hast die Jungs unter Kontrolle!”

Ich habe mich noch nie so sehr über einen Spruch gefreut, wie über diesen.