POLITIK
13/02/2018 21:25 CET | Aktualisiert 14/02/2018 07:27 CET

Barbara Hendricks verteidigt Klimapolitik der GroKo und spricht eine Warnung aus

"Wir müssen es einfach tun.”

JOHN THYS via Getty Images
Barbara Hendricks soll Bundesumweltministerin bleiben.
  • Im HuffPost-Interview verteidigt Bundesumweltministerin Barbara Hendricks die klimapolitischen Maßnahmen im Koalitionspapier
  • Doch die Umsetzung klappe nur, wenn sich alle Industriezweige beteiligen

In der neuen Großen Koalition soll das Umweltministerium unter SPD-Führung bleiben. Barbara Hendricks wird also wohl den Posten der Bundesumweltministerin behalten. Im Interview mit der HuffPost erklärt sie, warum das GroKo-Papier für die deutsche Klimapolitik aus ihrer Sicht ein Erfolg ist.

Der Klimawandel ist real, die Folgen sind auch heute schon in Deutschland spürbar – um den Klimawandel aufzuhalten, bedarf es eines radikalen Umbaus der Wirtschaft, sagt Barbara Hendricks im Interview mit der HuffPost.

Das betrifft zuvorderst unsere gesamte Energiewirtschaft, die den Großteil klimaschädlicher Gase ausstößt. Hier brauchen wir einen Paradigmenwechsel. Wir brauchen mehr Effizienz und wir müssen die verbleibende Energienachfrage zur Mitte des Jahrhunderts schließlich CO2-neutral decken”, sagt die Bundesumweltministerin.

Deutschland muss seine Infrastruktur umbauen

Doch gefragt sind auch andere Sektoren. Landwirtschaft, Industrie, der Verkehrsbereich und Gebäude.

“Für die Anpassung an die Folgen des Klimawandels gilt, dass wir unter anderem unsere Infrastruktur umstellen müssen. Denn den Klimawandel spüren wir auch in Deutschland schon ganz deutlich, zum Beispiel durch mehr Extremwetterereignisse wie Starkregen.”

Dafür müsse Deutschland Mobilität neu denken, sagt Hendricks. Das bedeutet: Mehr Radverkehr, Carsharing, besser ausgebauter Nahverkehr und der Umstieg auf Elektroautos.

Brauchen ein Land, das mutig die Ärmel hochkrempelt und die Mikroskope scharf stellt.

“Wichtig ist auch die energieeffiziente Sanierung des Gebäudebestands – hier haben wir zwar schon viel erreicht, aber dennoch sind Gebäude in Deutschland für rund 30 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Und neue Gebäude müssen natürlich gleich nach dem Stand der Technik so energieeffizient wie möglich gebaut werden”, sagt die Umweltministerin.

Mehr zum Thema: Wir haben die Klimakrise verursacht – und sind die einzigen, die sie überwinden können

Doch wie soll Deutschland das alles schaffen? “Wir brauchen ein Land, das seine Pionierqualitäten wiederentdeckt, mutig die Ärmel hochkrempelt und die Mikroskope scharf stellt”, sagt Hendricks.

► Aber: Das Klimaziel 2020 soll laut GroKo-Papier nur noch “so weit wie möglich” erreicht werden. Stattdessen soll lediglich das Klimaziel für 2030 – 55 Prozent weniger Treibhausgase als 1990 – im kommenden Jahr gesetzlich verankert werden. Zusätzlich bekennt sich die GroKo zum 2050-Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens.

Der Kohleausstieg ist nicht alles

Genau an diesem Fahrplan aber gab es heftige Kritik, nachdem die GroKo-Verhandler das Papier präsentiert hatten. Für den Naturschutzbund Deutschland ist die Aufgabe des 2020-Ziels pure Augenwischerei.

Und der renommierte Klimaforscher Mojib Latif sieht im Gespräch mit der HuffPost im GroKo-Papier lediglich “windelweiche Absichtserklärungen”. Aus klimapolitischer Sicht sei der Koalitionsvertrag enttäuschend.

Hendricks verteidigt das Papier gegen die Kritik und stellt klar: Mit dem Klimaschutzplan der Bundesregierung gebe es für die Energiewirtschaft und die Industrie, für den Gebäude-, den Verkehrsbereich und die Landwirtschaft klare Ziele zur Minderung von Klimagasen bis zum Jahr 2030.

Hendricks sagt: “Denn es ist klar, dass wir bis dahin die Trendwende schaffen müssen, um bis zur Mitte des Jahrhunderts nahezu treibhausgasneutral zu wirtschaften und zu leben.

► Allem voran steht dabei der Kohleausstieg. “Der damit verbundene Strukturwandel muss aber unter Einbeziehung aller Beteiligten gestaltet werden. Denn am Ende geht es hier um mehr als 20.000 Arbeitsplätze, und damit um die berufliche Zukunft vieler Menschen und die Zukunft ganzer Regionen”, sagt Hendricks.

Es gibt das Wissen, den Willen und den Wohlstand, die diesen Umbau ermöglichen können.

Ein konkretes Datum hierfür fehlt deshalb im GroKo-Papier. Das kritisieren Klima-Experten scharf. Für einen schnellen Kohleausstieg wäre ein konkretes Datum wichtig – und auch die rasche Abschaltung der schmutzigsten Braunkohlekraftwerke, sagen sie. 

Stattdessen soll laut Koalitionspapier lediglich eine Kommission eingerichtet werden, die bis Ende des Jahres konkrete Vorschläge und dann auch ein Kohleausstiegssdatum vorlegen soll.

► Damit die Erreichung des 2030-Ziels gelingt, dürften aber auch die anderen Sektoren nicht vergessen werden, sagt Hendricks. “Wir haben mit dem Koalitionsvertrag festgelegt, dass alle Wirtschaftsbereiche ihre klimaschädlichen Treibhausgase verringern müssen.” Wegducken und auf den jeweils anderen Bereich verlassen könne sich dann keine Branche mehr.

“Es gibt in diesem Land das Wissen, den Willen und den Wohlstand, die diesen Umbau ermöglichen können”, sagt Hendricks.

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Klimaschutz als Wachstumsmotor

► Doch die Energiewende habe auch eine andere Seite: Die erneuerbaren Energien müssten massiv ausgebaut werden.

“So soll bis 2030 der Anteil erneuerbaren Stroms am Stromverbrauch etwa 65 Prozent betragen. Bislang waren es 55 bis 60 Prozent – und das fünf Jahre später, nämlich 2035”, sagt Hendricks.

Saubere Luft muss auch in Städten möglich sein. Dazu muss die Autobranche ihren Beitrag leisten.

Gleichzeitig werde Deutschland schrittweise aus den fossilen Energieträgern Kohle, Öl und zuletzt auch Gas aussteigen. 

► Auch die Autoindustrie nimmt die Bundesumweltministerin deshalb in die Pflicht. “Saubere Luft muss auch in den Städten möglich sein. Das gehört zu guter Lebensqualität. Dazu muss zum einen die Autobranche ihren Beitrag leisten.

Nämlich indem sie dafür sorge, dass alle Diesel-Pkw die Stickoxid-Grenzwerte durchgehend einhalten und zwar ohne Nachteile für die Fahrzeughalter.

Das betreffe sowohl neue Modelle, als auch bereits vorhandene Diesel-Pkw. “Bei bestimmten Dieseln wird dies nur mit technischen Nachrüstungen gehen. Inwieweit das technisch bewerkstelligt werden kann, muss die neue Regierung entscheiden”, so Hendricks.

Hendricks ist sicher, dass Deutschland auch künftig Klima-Weltmeister sein kann

Zudem werden laut GroKo-Papier zusätzliche Finanzmittel bereitgestellt, um Buslinien auf Elektrobusse umzustellen, Dieselbusse mit den neuesten Reinigungssystemen auszustatten, Radwege auszubauen oder Lieferfahrzeuge und Taxen mit Elektroantrieb auszustatten.

► Deutschlands Ruf als Klima-Weltmeister war zuletzt von Beobachtern immer häufiger in Zweifel gezogen worden. Aber Barbara Hendricks ist sich sicher, dass es Deutschland auch in Zukunft schaffen wird, eine Führungsrolle beim Klimaschutz einzunehmen. 

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Die Goldmedaille wird uns beim Klimaschutz zweifelsohne Kraft kosten.

 “Da können wir uns beim Biathlon etwas abschauen. Hier sind unsere Athletinnen und Athleten immer wieder erfolgreich in der Verfolgung, auch wenn sie nicht jedes Mal vom ersten Platz aus starten, wie in diesem Jahr in Pyeongchang. Die Goldmedaille wird uns beim Klimaschutz zweifelsohne Kraft kosten”, sagt die Bundesumweltministerin.

Es gelte nicht nur den großen Sprung vom 2020-Ziel zum 2030-Ziel zu bewältigen, sondern auch die Strafrunden, die dazu kommen, weil das 2020-Ziel nicht wie geplant erreicht wird.

Im Rahmen einer Themenwoche zum Klimawandel in Deutschland spricht die HuffPost mit Stadtplanern, Naturschützern, Klimaforschern und Meteorologen. Außerdem schauen wir uns vor Ort an der Küste, in den Bergen, Wäldern und Großstädten gemeinsam mit Experten an, wo die Folgen des Klimawandels in Deutschland bereits sichtbar sind.

(jg)