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27/03/2018 18:59 CEST | Aktualisiert 27/03/2018 21:03 CEST

Barkeeperin: Welche Geheimnisse mir die Gäste am häufigsten erzählen

Barkeeper hören und sehen alles. Immer.

Ich weiß nicht, wie viele Abende ich früher damit verbracht habe, Barkeepern im Suff mein Herz auszuschütten. Damals waren mir solche Situationen peinlich, heute gehören sie zu meinem Alltag.

Denn mittlerweile stehe ich auf der anderen Seite der Bar. Ich bin selbst Barkeeperin und nehme nicht nur Bestellungen, sondern auch Geheimnisse entgegen. 

Das schöne an meinem Job ist, dass er mich in kürzester Zeit um einige Lebenserfahrungen reicher gemacht hat. Dazu gehören in erster Linie die vielen Geschichten, die ich jeden Abend mit nach Hause nehme.

Sie sind so unterschiedlich wie die Menschen, von denen sie stammen. Vom Anwalt bis zum Kfz-Mechaniker – ich habe schon viele Menschen bedient. Viele der Geschichten, die mir meine Gäste erzählen, handeln von klassischen Themen wie Liebeskummer und Stress auf der Arbeit.

In den Top Ten tauchen dabei immer wieder die gleichen Themen auf: “Beziehungsende“, “Sie schreibt mir nicht“, “Mein Chef ist scheiße“, “Ich hasse meinen Job“.

Da könnte man meinen, ich hätte sie so oft gehört, dass ich sie nicht mehr interessant fände. Die Erlebnisse meiner Gäste beweisen mir hingegen immer wieder, wie facettenreich banale Dinge wie Liebeskummer doch sein können.

Diese Situation ist mir besonders im Gedächtnis geblieben

Ich erinnere mich noch gut an einen jungen Bundeswehrsoldaten, der mich den ganzen Abend lang mit seiner neuen Eroberung voll sülzte. Interessant wurde es, als er parallel zum fortschreitenden Pegel anfing, seine Freundin schlecht zu reden.

Ich hielt es zuerst für die typische Anmache besoffener vergebener Männer, aber im Laufe unseres Gesprächs kam dann heraus, dass er sich bloß in die Beziehung gestürzt hatte, um nicht alleine zu sein.

Das ist mir besonders im Kopf geblieben, weil die Wandlung von euphorisch zu frustriert innerhalb weniger Stunden passierte.

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Ich fand es mies, wie der junge Mann mit seiner Freundin umging. Ich riet ihm dazu, seine Vorgehensweise noch mal zu überdenken und erwähnte natürlich auch, dass es nicht cool ist, eine Beziehung aus egoistischen Gründen einzugehen.

Aber auch wenn ich manchmal Ansichten habe, die konträr zu denen meiner Gäste sind, achte ich darauf, meine Meinung sehr behutsam zu formulieren. Ich will nicht, dass sich Gäste schlecht fühlen, wenn es ihnen ohnehin nicht so gut geht.

Mein Motto ist immer: Zuerst schlichten, als unbeabsichtigt noch mehr Kummer verursachen.

Manche Geschichten lassen mich nicht mehr los

Bei manchen Geschichten kann ich manchmal auch nichts machen, außer zuzuhören. Sie handeln von sehr persönlichen Schicksalen oder gesellschaftlichen Missständen.

Eine Krankenschwester erzählte mir mal bei ein paar Kölsch, wie schlimm die Zustände in dem Krankenhaus waren, in dem sie arbeitete. Sie berichtete von Patienten, die aufgrund des Personalmangels nicht richtig versorgt werden konnten und darunter litten. Das fand ich besonders schlimm.

Ich brauchte mehrere Tage, um nicht mehr pausenlos daran zu denken.

Aber nicht alle Dinge, die mir meine Gäste erzählen, sind traurig. Manche erheitern mich so sehr, dass ich lange davon zehren kann.

Wie die beiden Schwaben, die im tiefsten Dialekt vom offenen Köln schwärmten und gestanden, dass Schwabenländle richtig öde zu finden.

Das fand ich sehr interessant, nur leider war ich zwischendurch viel zu sehr damit beschäftigt, meine Grimassen, die durch das unterdrückte Lachen entstanden waren, wieder in ein Lächeln umzuwandeln.

Manchmal fühle ich mich wie die Drehbuchschreiberin einer Vorabendserie

Für andere witzige Geschichten brauchen meine Gäste nicht einmal Worte. Ein schüchterner Student schaffte es einen halben Abend lang, eine Frau anzustarren, die mit ihrer Freundin neben mir an der Theke saß. Immer wieder wanderten seine Blicke zu ihr, während er mit seinem Freund tuschelte.

Die Situation war klar: Er stand auf sie und wollte ihr näherkommen.

Durch die Bestellungen – unzählige Longdrinks und Shots – konnte ich erahnen, dass die beiden Jungs der brillanten Idee nachgingen, sich erst einmal volllaufen zu lassen.

Als der Liebestrunkene dann am Ende des Abends voll wie ein Eimer zu seiner Angebeteten wankte, blitze er schneller ab, als ich Kölsch zapfen kann.

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Bei solchen Geschichten fühle ich mich als Barkeeperin echt wie die Drehbuchschreiberin einer Vorabendserie.

Trotzdem behalte ich alles, was in der Bar passiert, meist für mich. Ich sehe keinen Sinn darin, mit den Erlebnissen meiner Gäste hausieren zu gehen. Ich schätze es, dass sie mir so viele Intimes anvertrauen, obwohl ich den meisten fremd bin.

Meine Gäste sind eine Inspirationsquelle

Oft habe ich mich gefragt, warum das so ist. Natürlich spielt Alkohol dabei eine große Rolle. Aber abseits von rauschindizierter Offenheit denke ich, dass es vielleicht daran liegt, dass ich als Barkeeperin in erster Linie kein Familienmitglied oder Freundin bin.

Das heißt, dass ich meine Meinung nicht von bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen meiner Gäste abhängig machen kann.

Ich denke, dass diese Neutralität erheblich dazu beiträgt, sich zu öffnen. 

Meine Gäste inspirieren mich allerdings auch und bringen mich oft dazu, manche meiner Verhaltensweisen infrage zu stellen.

Der ständige Austausch mit vielen verschiedenen Menschen liefert mir wieder neue Energie und ist der Grund dafür, warum ich mir gerne die Nächte um die Ohren schlage.

Ich habe vor allem durch die Vielfalt unserer Gäste gelernt, dass Vorurteile Quatsch sind. Weil hier meistens alle dasselbe wollen ― in Ruhe Bier trinken ― interessiert sich sowieso niemand dafür welchen Status man mitbringt. Ich finde, dass der Blick über den Tellerrand nirgendwo besser geschult werden kann, als in einer Bar.

Bei uns treffen Menschen aus Berufsgruppen und soziale Schichten aufeinander, die sich im Alltag vielleicht nicht über den Weg laufen würden. Es ist schön zu sehen, wie sie bei uns zusammen abhängen ohne irgendwelche Klischees bedienen zu müssen.

Manche sind sogar enge Freunde geworden. Das ist einer der Gründe wieso ich mir auch weiterhin die Nächte um die Ohren schlagen werde

Mittlerweile kann ich mich sogar auf die Fußballschichten freuen. Und dass obwohl ich als Schalke-Fan in einer Dortmundkneipe arbeite.

Packt die Brandsätze wieder ein, war nur ein Scherz.

Darauf ein Kölsch, Prost!