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12/03/2018 20:28 CET | Aktualisiert 12/03/2018 20:28 CET

Bachelor für Alle!

 In wenigen Tagen ist es wieder soweit: Ein großer deutscher Privat-TV-Sender beglückt uns alljährlich mit dem Finale der neuesten „Der Bachelor“-Staffel. Millionen, überwiegend sehr junge Frauen versammeln sich vor Vorfreude innerlich kreischend vor dem Fernseher, um der letzten Runde des Balztanzes der teilnehmenden bzw. noch verbleibenden Damen um den einen, einsam Junggesellen zu frönen.

Nicht nur Frauen, auch zahlreiche junge Männer schauen zu, allein zu „Recherchezwecken“, wie sie mir glaubhaft versicherten. Und auch ich als quasi ältere Dame kann mich dem glitzernden Grauen des stumpfen Sommersonnejungschön-Baggerns nicht entziehen, sitze begeistert mit Chips vor dem Fernseher, ertrage tapfer alle Werbepausen und kann mich trotz aller Peinlichkeiten und einer großen Portion gepflegten Fremdschämens einfach nicht abwenden. Der Unterhaltungswert ist einfach zu groß. Und ich gebe zu, dass das nicht das einzige trashige TV-Format ist, dass ich heimlich leidenschaftlich schaue. Wie enttäuschend war es doch, dass das Dschungelcamp dieses Jahr so schwach besetzt war! Von Promi Big Brother oder Let’s Dance ganz zu schweigen. Gut, dass zumindest aktuell die Tränen bei GNTM zuverlässig fließen. Die dunklen, langen Tage des Winters lassen sich einfach so viel besser aushalten, wenn zwischendurch ein wenig seichter Glamour über den Screen im Wohnzimmer schimmert. Das wissen auch die schlauen privaten Fernsehveranstalter, sonst würden sie uns ja nicht so intelligent mit all dem Süßen füttern.

Was mich aber seit Jahren umtreibt, ist die eine Frage: Sind diese schlauen privaten Fernsehveranstalter vielleicht doch gar nicht so schlau, dass sie uns bzw. ihrer Kernzielgruppe „junge Frau auf der Suche nach dem einen Mann, dem Mister Big” unterstellen, dass sie das tatsächlich alles so ernst nehmen, wie es all die schönen, wohl-gestylten teilnehmenden Damen scheinbar tun? Denken die TV-Veranstalter tatsächlich, dass dies heute Vorbilder junger Frauen sind in Zeiten von nicht nur #metoo, sondern vor allem in Zeiten neuer, modernerer Rollenbilder? Rollenbilder, die in einer Zeit entstehen, wo die ganze Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeitswelt durch die Digitalisierung neue Formen der Beziehungen und Interaktionen der Menschen zueinander annimmt, sei es beruflich wie auch privat? In Zeiten, wo sich junge Leute Anfang ihres Berufslebens gar nicht mehr über die Nachteile von Frauen in der Arbeitswelt unterhalten, sondern viel mehr über moderne Lebensentwürfe, die Flexibilität und die Vereinbarkeit von Familie, Privatleben und Beruf erlauben?

Scheinbar überraschend erschien vor wenigen Tagen eine Studie, die aussagte, dass das Rollenbild der Frauen, wie sie in dem „Bachelor” gezeigt wird, von jungen Menschen als veraltet wahrgenommen wird. Ich wette, dass diese Aussage den Großteil der Zielgruppe des Formates genauso wenig überrascht hat wie zahlreiche Frauen die #metoo Debatte.

Ist das Format wie der Bachelor deswegen schlecht? Nein! Es ist großartige Unterhaltung. Auch wenn sich der aktuelle Junggeselle doch sehr wenig Mühe gibt, die offensichtlich nicht nur ansatzweise denkbare Ernsthaftigkeit des Formates durch allzu beliebige Sprüche zu seinen Gefühlen den Damen gegenüber zu kaschieren. Das hat sogar bereits seine Vorgänger auf den Plan gebracht, die angesichts der zunehmend erkennbaren Banalität des Formats sowie der Selbstvermarktungsabsichten der Teilnehmenden jetzt auch um ihre eigene Reputation fürchten.

Was heißt das nun für das Format? Sollten wir nicht die Qualität der Unterhaltung, genauer: der Ansprache der Zuschauerbedürfnisse, die das Format „Bachelor” angesichts konstanter, satter Quoten so meisterlich liefert, zu Ende denken? Und die Balz- und Kuppelshow nicht nur als scheinheiliges Format begreifen, in dem Frauen um einen Junggesellen kämpfen und der Umworbene die große Liebe finden will? Sondern es viel mehr als das sehen, was es perfekt bedient: die Bedürfnisse der Zielgruppe nicht nur nach Unterhaltung, sondern auch nach Selbst-Validierung und ein wenig Eskapismus aus dem vielleicht manchmal langweiligen Alltag. Einem Alltag, in dem der Zielgruppe nicht abends bei einer „Nacht der Rosen” wunderschöne Roben, Stylisten und Accessoires zur Verfügung gestellt werden?

Dazu kommt die Krise des Privatfernsehens, das angesichts neuer TV-Rezeptionsmuster im Zeitalter von Netflix, YouTube und Online-Videotheken in einem disruptiven Wandel ist. Dies in Kombination mit der demografischen Entwicklung unserer Gesellschaft –die werberelevanten Zielgruppen werden immer älter! – schreit nach einer Empfehlung:

Bitte, liebes Privatfernsehen, wenn ihr uns schon all diesen herrlichen bittersüßen „Bachelor“-Schmalz gebt, dann bitte nicht nur für junge Frauen Anfang 20. Bitte gebt uns den „Bachelor” für Alle! Für Menschen über 30 Jahre! Für Zuschauer über 50! Für Senioren! Die haben dann vielleicht auch mal wirklich etwas zu erzählen. Auch Frauen über 40 können sich herrlich anzicken! Lasst mich mit Oma Käthe fiebern, wie sie den Mann für den Herbst ihres Lebens findet! Gebt uns die gleiche voyeuristische Freude für die, die sich in allen Alters- und Lebenslagen gerne unterhalten lassen möchten. Und gerne hier und da auch an die Liebe glauben. Denn die kann ja bekanntlich ewig sein.