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07/05/2018 17:52 CEST | Aktualisiert 07/05/2018 21:22 CEST

Sklaven der Autobahn: Das erbärmliche Leben der LKW-Fahrer in Deutschland

Manche LKW-Fahrer verdienen drei Euro pro Stunde.

dpa
Zwei Mitarbeiter des Projektes "Faire Mobilität".

Wir kamen auf einem Rastplatz an und sprachen mit einem Lkw-Fahrer. Auf Rumänisch vertraute er uns an, er hätte kein Geld, um eine öffentliche Toilette oder Dusche zu benutzen.

Denn obwohl er Tag und Nacht auf Deutschlands Straßen unterwegs ist, obwohl er die Lebensmittel in unsere Supermarkt-Regale bringt, bekommt er nicht einmal Mindestlohn.

Menschen wie ihn haben wir bei unserer Arbeit bereits unzählige Male getroffen. Osteuropäer, die für wenige Euro pro Stunde Lastwagen über deutsche Autobahnen lenken. Ich leite das Projekt “Faire Mobilität” des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Zusammen mit meinem Team besuche ich unter anderem Rastplätze in der ganzen Bundesrepublik. Wir klären die Fahrer, die wir dort antreffen, über ihre Rechte auf. Wir verteilen Flyer, sprechen ihre Sprache, hören zu und beraten sie.

Denn was die wenigsten Fahrer wissen: Sobald sie auf einer deutschen Straße unterwegs sind, sollten sie dafür mindestens den gesetzlichen Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde bekommen.

Mehr zum Thema: Der Mindestlohn wird millionenfach nicht ausgezahlt - diese Berufe sind besonders betroffen

Der Beruf ist körperlich und seelisch unglaublich belastend

Es gibt eine deutliche Einkommenshierarchie unter den Fahrern: Fahrer aus Osteuropa, auch wenn sie einen Arbeitsvertrag mit einer deutschen Spedition haben, bekommen meistens noch weniger als die deutschen Kollegen und das, obwohl der Job insgesamt miserabel bezahlt wird. Fahrer, die in osteuropäischen Ländern angestellt sind, sind noch schlechter dran. 

dpa
Mitarbeiter des Projekts "Faire Mobilität" des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), spricht auf der Autobahnraststätte Weiskirchen an der Autobahn 3 mit einem LKW-Fahrer aus Rumänien, der für einen niederländischen Spediteur unterwegs ist.

Dabei ist ihr Job körperlich und seelisch unglaublich belastend. Die meisten von ihnen werden aus ihrer Heimat mit Minibussen auf deutsche Rastplätze gebracht. Von dort aus werden sie auf LKWs verteilt, mit denen sie sechs bis acht Wochen durch ganz Europa schippern.

In dieser Zeit leben sie in ihren Fahrzeugen – und sind völlig isoliert. Einsamkeit ist unter den Kraftfahrern ein verbreitetes Problem.

Ein LKW-Fahrer war den Tränen nahe

Ich erinnere mich an einen Rumänen, den wir bei einer unserer Touren auf einem Rastplatz kennengelernt haben. Als wir ihn trafen, war er den Tränen nahe. Er hatte erfahren, dass es für ihn nach acht Wochen auf der Straße noch nicht zurück in die Heimat geht.

Er musste noch einmal acht Wochen arbeiten und hatte dabei solche Sehnsucht nach seiner Familie. Wie deprimiert und traurig dieser Mann war. Mich hat das sehr mitgenommen.

Die meisten der osteuropäischen Fahrer bekommen einen Grundlohn – in Rumänien beträgt dieser etwas über 400 Euro im Monat – dazu kommen Tagegelder in unterschiedlichen Höhen.

Das ist das sogenannte Spesenmodell, das diese Fahrer für die Unternehmen besonders billig macht, denn Sozialabgaben und Steuern fallen auf die Tagegelder oder Spesen, die dann oftmals Zweidrittel der ausbezahlten Gesamtsumme ausmachen können, nicht an.

Fällt ein solcher Fahrer durch Krankheit aus, bekommt er, wenn überhaupt, Krankengeld entsprechend des Grundeinkommens. Das ist im Übrigen für viele Fahrer der Grund auch bei Krankheit weiterzufahren.

Jiří Gabriel verdiente drei Euro pro Stunde

Im Rahmen einer solchen Vertragskonstruktion hat zum Beispiel Jiří Gabriel gearbeitet. Der Tscheche fuhr über Monate als LKW-Fahrer für ein Subunternehmen der Deutschen Post – und verdiente dabei um die 3 Euro pro Stunde.

Er bekam einen Flyer von uns in die Hände. Daraufhin klagte er mit Hilfe der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di gegen die Deutsche Post AG auf die Auszahlung des in Deutschland gültigen Mindestlohnes.

dpa

Der gelbe Riese hatte kein Interesse an einem Urteil im Grundsatz und einigte sich mit Herrn Gabriel auf eine Auszahlung von 8.500 Euro. Jetzt ist er allerdings arbeitslos.

Es gibt bisher nicht viele unterbezahlte ausländische Fahrer, die seinem Beispiel folgen. Selbst wenn wir sie über ihre Rechte aufklären – die meisten von ihnen würden mit einer Klage ihren Arbeitsplatz aufs Spiel setzen.

Allerdings haben sich jetzt aufgrund der Berichterstattung über den Fall bei uns über 100 tschechische und slowakische LKW-Fahrer gemeldet, die unter ähnlichen Bedingungen in Deutschland eingesetzt worden sind und die nun überlegen ebenfalls zu klagen.

Lohndumping gibt es in der ganzen Branche

Auch die Situation unter den Kraftfahrern mit einem deutschen Arbeitsvertrag ist äußerst prekär. Und dass, obwohl in der Branche ein massiver Fahrermangel herrscht und immer mehr Waren auf der Straße transportiert werden.

In vielen anderen Branchen führt ein Personalmangel zu einem tendenziellen Anstieg der Löhne. Das ist in dieser Branche fast nicht feststellbar. Auch westeuropäische Unternehmen haben inzwischen im Zuge einer sogenannten Mischkalkulation Niederlassungen in Osteuropa gegründet und können damit billigere Fahrer einsetzten.

Dieses Lohndumping setzt die ganze Branche unter Druck und führt auch dazu, dass die Löhne der Fahrer, die einen Vertrag in Deutschland haben, schon längere Zeit nicht mehr gestiegen sind.

Es ist daher eine regelrechte Abwärtsspirale zu beobachten. Um diese zu durchbrechen, müsste auf verschiedenen Ebenen etwas passieren. Dazu gehört mit Sicherheit, dass wir in der Branche eine politische Regulierung brauchen, um bessere Löhne durchzusetzen.

Eine Stellschraube wäre die Einführung eines flächendeckenden allgemeinverbindlichen Branchenmindestlohnes, wie es ihn beispielsweise im Baugewerbe gibt, der auch für Beschäftigte aus dem Ausland gelten müsste.

Außerdem sollte klargestellt werden, dass Spesen zusätzliche Mittel sind, damit sich die Fahrer unterwegs versorgen können und kein Bestandteil des Lohnes bilden dürfen.

Die Einhaltung dieser Regeln müsste auch besser kontrolliert und die Missachtung dieser Regeln müsste für die Unternehmer deutlich teurer werden.

(tb)