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05/07/2018 17:22 CEST | Aktualisiert 05/07/2018 17:40 CEST

USA: Schule darf Autisten elektroschocken – Hunderttausende protestieren

"Ich bete zu Gott, dass er mir vergibt, dass ich meinem Sohn das angetan habe."

  • Laut einem Gerichtsurteil darf eine US-Schule für Verhaltensgestörte weiterhin ihre Schüler mit Stromschlägen bestrafen. 
  • Behindertenverbände und Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Praxis seit Jahren.

Das “Judge Rotenberg Centre” (JRC) aus Canton im US-Bundesstaat Massachusetts darf laut Urteil des Familiengerichts “Bristol County Probate and Family Courts” weiterhin seinebehinderten und verhaltensauffälligen Schüler absichtlich Stromschlägen aussetzen. Das berichtete die britische Zeitung “The Independent”.

Das JRC ist eine Betreuungseinrichtung, die eine langfristige, stationäre Unterbringung, Verhaltenstherapien und Bildungsangeboten für Menschen mit Entwicklungs- und Verhaltensstörungen bietet.

Schmerz als Strafe

Die Schule sei die einzige Einrichtung in den USA, die die umstrittene Elektroschock-Therapie nutze. Bereits 2013 hätten die örtlichen Behörden dagegen geklagt.

Nach einem jahrelangen Rechtsstreit hätte das Gericht letzte Woche im Sinne der Schule geurteilt. Der Staat habe nicht zeigen können, dass die Elektroschock-Behandlung “nicht mit dem akzeptierten Pflegestandard für die Behandlung von Personen mit geistigen Behinderungen und Entwicklungsstörungen vereinbar ist”.

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Aversive Konditionierung” heißt die umstrittene Behandlung, bei der Patienten bei unerwünschten Handlungen Stromschläge verabreicht würden. Der Schock sei nicht schlimmer als ein “zweisekündiger Bienenstich”, zitierte die britische Zeitung “The Guardian” den Gründer der Schule, Matthew Israel. Israel ist auch Erfinder des zur Behandlung eingesetzten Geräts “Graduated Electronic Decelerators” (GED). 

Israels GED ist nicht mit EKT, der Elektrokrampftherapie zu verwechseln. Bei der EKT werden elektrische Ströme durch das Gehirn des Patienten geschickt, die bei diesem keine Schmerzen verursachen.

Die EKT wird seit den 1930er Jahren zum Beispiel zur Behandlung von schweren Depressionen eingesetzt. Bei der Anwendung schließen Ärzte den Kopf der narkotisierten Patienten mit Elektroden an das Gerät an – welches an einen altmodischen Verstärker erinnert. 

Der GED ist eine kleine Kiste in einem Rucksack, den Patienten rund um die Uhr mit sich herumtragen müssen. Stromkabel mit Elektroden führen unter die Kleidung der Patienten.

Per Funk können Pfleger den Patienten mit Stromschlägen in die Haut bestrafen – etwa bei Selbstverletzungen, Störungen im Unterricht oder Übergriffen auf das Personal. 

NGOs schlagen Alarm

Die US-amerikanische Autisten-Organisation “The Autistic Self Advocacy Network” sieht das kritisch. “Bewohner des JRC werden für alles – von Fluchen bis Aufstehen – geschockt”, schreiben sie in ihrer Change.Org-Petition ”#StopTheShock” an die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel.

Mit dieser Petition wollen sie ein Verbot der umstrittenen Methode erzielen. Es haben bereits knapp 300.000 Menschen weltweit unterschrieben.

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2002 sei der damals 18-jährige Andre McCollins mit 31 Stromschlägen dafür bestraft worden, dass er seine Jacke nicht ausgezogen habe. Das berichtet die Autisten-Organisation. Sieben Stunden hätte das Personal ihn daraufhin fixiert und immer wieder geschockt.

McCollins sei nach der Behandlung komatös gewesen, hätte einen Schock sowie Brandwunden an Armen und Beinen davongetragen. Noch heute leide er an diesem Trauma, erklären die Aktivisten.

Laut der US-amerikanischen Behörde für Lebens- und Arzneimittel könnten Elektroschock-Therapien einschließlich GED körperliche Folgen wie “Hautverbrennungen, Traumata, Prellungen, Stürze, Verletzungen des Mundes sowie Brüche, Krämpfe oder Auswirkungen auf das Herz” nach sich ziehen. 

GED polarisiert auch Eltern

“Sie sagten, es sei wie ein Bienenstich, aber ich habe gesehen, wie sie meinem Sohn Stromschläge gegeben haben, die so stark waren, dass seine Gliedmaßen zitterten.

Es war grausam. Es war unmenschlich. Ich bete zu Gott, dass er mir vergibt, dass ich meinem Sohn das angetan habe”, sagten betroffene Eltern dem “Guardian”.

Andere Eltern hätten die Methode “lebensverändernd” genannt, berichtete “The Independent”: 

“Niemand liebt unsere Kinder mehr als wir. Wir haben und werden weiterhin alles Mögliche versuchen, einschließlich positiver Verhaltenstherapien und Psychopharmaka, um unseren Kindern zu helfen. Doch wie das Gericht festgestellt hat, gibt es keinen Beweis, dass andere Behandlungsmethoden effektiver und sicherer für unsere Kinder wären.”

Jahrzehntelanger Rechtsstreit 

Die GED-Praxis der Schule sei bereits in den 1980er Jahren Gegenstand eines Gerichtsverfahrens gewesen, schrieb “The Guardian”.

Damals habe der zuständige Richter, Ernest Rotenberg, entschieden, die Schule dürfe GEDs nutzen – mit der Einschränkung, dass sowohl die Eltern als auch Gerichte der Behandlung zustimmen mussten. Zu seinen Ehren habe der Schulgründer Israel die Schule daraufhin in “Richter Rotenberg Zentrum” umbenannt

Die Klägerin im aktuellen Prozess, Marylou Sudders, Sekretärin für Gesundheitspflege und Soziale Dienste in Massachusetts müsse nun entscheiden, ob sie gegen das neue Urteil Revision einlegen wolle, schrieb “The Independent”. 

Den Autismus-Aktivisten fehlen zur Vervollständigung ihrer Petition noch knapp 5.000 Unterschriften

(nc)