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02/04/2018 10:14 CEST | Aktualisiert 02/04/2018 10:19 CEST

Ich bin 21 und habe Autismus – so sehe ich die Welt

Ich verliere schnell die Orientierung und bekomme Panik. Ich fühle mich hilflos und überfordert.

Screenshot YouTube
Was mir ganz besonders schwer fällt, ist das Fahren mit Öffentlichen Verkehrsmitteln.

Mein Name ist Saskia Lupin, ich bin 21 Jahre alt, komme aus der englischen Stadt Brighton und möchte Schauspielerin werden. Und ich bin Autistin.

Bis ich acht Jahre alt war, habe ich kein Wort gesprochen. Dementsprechend war meine Schulzeit nicht gerade leicht.

Ich habe mich immer missverstanden gefühlt und mich aufgrund meines Autismus schwer getan, den sozialen Erwartungen gerecht zu werden. Oder die schulischen Leistungen zu bringen, die von mir erwartet wurden.

Für mich als Autistin ist es eine große Herausforderung, zu erklären, wie es sich anfühlt, wenn mir alles über den Kopf wächst. Aber ich versuche es mal.

Menschenmengen machen mir Angst

Was mir ganz besonders schwer fällt, ist das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln – zu viel Bewegung und zu viel Veränderung. Die Menschenmengen, die Geräusche und die vielen verschiedenen Lichter machen mich nervös. Ich verliere die Orientierung und bekomme Panik.

Ich fühle mich hilflos und überfordert. Manchmal werde ich auch wütend.

Mehr zum Thema: Ich bin Autist und möchte meinen Schulabschluss machen – doch ohne eure Hilfe geht es nicht

Vor Kurzem war ich im Bahnhof Victoria in London. Es war früh am Morgen und es war viel los. Plötzlich steckte ich in einer Menschentraube fest, die versuchte, sich in die U-Bahn zu zwängen. Ich bekam Panik und begann zu hyperventilieren.

Doch um mich herum waren alle nur darauf bedacht, an ihr Ziel zu kommen.

Letztlich musste ich mich gegen eine Wand lehnen und tief durchatmen, bis ich mich beruhigt hatte und die Menge sich aufgelöst hatte.

Und noch etwas macht mir Angst: Ich fürchte mich davor, wie meine Mitmenschen reagieren, wenn sie sehen, dass ich mit der Situation nicht zurecht komme.

Darum möchte ich der breiten Öffentlichkeit die Probleme besser vermitteln, die mich im Alltag beschäftigen.

Schon eine Kleinigkeit kann einen großen Unterschied für mich machen. Zum Beispiel, dass man mich nicht anstarrt. Oder mir mehr Platz in der Bahn verschafft.

Im Bahnhof, in dem ich in den Zug steige, gibt es einen Fahrkartenverkäufer, der über meine Ängste Bescheid weiß. Er weiß, wie sehr mir vor allem Umleitungen und Umstiege zusetzen. Neulich hat er mir einen sehr detaillierten Fahrplan aufgeschrieben, für den Fall, dass etwas schief geht. Ich kann nicht in Worte fassen, wie viel mir das bedeutet.

Mein erster Job als Schauspielerin konfrontierte mich mit meinen schlimmsten Ängsten

Im Februar 2018 hat mir die Nationale Gesellschaft für Autismus angeboten, in ihrer Werbekampagne “Too Much” mitzuwirken. Sie wollen mehr Aufmerksamkeit schaffen für Autismus. Die diesjährige Kampagne soll zeigen, wie rasche Veränderung zu Angstzuständen und sozialem Ausschluss führen kann.

Ich habe mich riesig gefreut: Die Kampagne ist mein erstes Engagement als Schauspielerin.

In dem Werbefilm spiele ich eine junge Frau namens Sarah, die sich fertig macht, um das Haus zu verlassen und in einen Zug zu steigen.

Sarah stellt sich vor, sie würde in einen vollen Zug einsteigen. Der Zug hat Verspätung, wird umgeleitet und die Fahrgäste sind schrecklich laut. Bald sieht man ihr an, dass sie sich unwohl fühlt. Die Menschen starren sie an und beginnen zu tuscheln.

Diese Vorstellung des Schlimmstmöglichen bewegt Sarah am Ende dazu, das Haus am Ende nicht zu verlassen.

Als ich den fertigen Film zum ersten Mal gesehen habe, war ich sehr bewegt. Denn er spiegelt meine eigenen Ängste sehr genau wieder.

Ich möchte mehr Bewusstsein für Autismus schaffen 

Wer mit Autismus lebt, fühlt sich oft einsam und ausgegrenzt. Selbst wenn man von einer Gruppe Menschen umgeben ist, fühlt man sich noch alleine, weil einem bewusst wird, wie sehr man sich von den anderen unterscheidet. Es kostet mich eine Menge Kraft, mich dem Sozialverhalten der anderen anzupassen.

Darum habe ich eine Bitte: Schaut euch den Film an, in dem ich mitgewirkt habe. Versucht euch in Sarahs Lage zu versetzen.

Niemand erwartet von euch, dass ihr zu einem Autismus-Experten werdet. Aber allein zu wissen, mit welchen Problemen Autisten im Alltag zu kämpfen haben, trägt dazu bei, dass wir uns weniger missverstehen. Und gemeinsam eine Welt erschaffen können, die das Leben für Autisten leichter macht.

Dieser Text erschien zuerst bei der britischen Ausgabe der HuffPost und wurde von Anna Rinderspacher aus dem Englischen übersetzt.

(ll)