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05/05/2018 09:16 CEST | Aktualisiert 05/05/2018 09:16 CEST

Authentic Leadership: Exzellenzfaktoren Achtsamkeit, Wertschätzung und Persönlichkeit

Im Gespräch mit Prof. Dr. Anabel Ternès: Sie steht für die Themen Digitalisierung & Work 4.0, Strategische Kommunikation sowie Nachhaltiges Management mit den Schwerpunkten Human Resources Management, Gesundheitsmanagement und Leadership. Als Gründerin und Mentorin geht es ihr dabei auch immer um nachhaltige Geschäftsmodelle und Startup-Bildung. Sie vereint Gründergeist, Führungserfahrung in internationalen Großunternehmen und soziales Engagement mit praxisnaher Forschung.

Foto und Copyright: Anabel Ternès

Es gibt viele Ratgeber, die einem nahelegen, mutig zur eigenen Persönlichkeit zu stehen und zu sein, wie man ist. Ermöglicht Authentizität ein besseres, sinnerfüllteres und gesünderes Leben?

Diese Möglichkeit, die einzigartigen Facetten ihrer Persönlichkeit auszuleben und authentisch zu bleiben, ist ausgesprochen stimulierend, hier behalten die vielen Ratgeber Recht: Müssen sich Menschen während des Arbeitstages einschränken, weil ihre Kompetenzen in stupiden Abläufen nicht gefragt sind; mit ihren Verbesserungsvorschlägen zurückhalten, weil ein Vorgesetzter an Neuerungen nicht interessiert ist; unter dem Strich sinnlose Arbeiten ausführen, die sich entweder ganz einsparen oder zumindest deutlich optimieren ließen, werden nicht nur wertvolle Ressourcen vergeudet, sondern der Frust wird gefördert, der sich wiederum negativ auf die Gesundheit auswirkt. Schon der Gang zur Arbeit, die doch einen großen Teil des Lebens ausmacht, fällt schwer und kostet übermäßig Kraft, die Motivation sinkt wegen der fehlenden Sinnhaftigkeit und Wertschätzung.

Machen authentische, charismatische Führungspersönlichkeiten Unternehmen erfolgreicher?

Das gilt auch für die Führungsetage: Müssen sich Manager in vom Unternehmen geforderte Denk- und Verhaltensmuster zwingen, leiden Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Charisma ebenso. Im Gegenzug haben authentische, charismatische Führungspersönlichkeiten, wie zum Beispiel Steve Jobs eine war, die Macht, nicht nur ihre Mitarbeiter auf die Strategie und Philosophie des Unternehmens einzuschwören, sondern auch die Kunden. Können diese sich nämlich mit den kommunizierten und vorgelebten Prämissen identifizieren, werden die Produkte oder Dienstleistungen noch begehrenswerter und die Nachfrage steigt.

Sind Menschen mutig, die zu ihrer eigenen Persönlichkeit stehen und authentisch sind?

Natürlich gehört eine enorme Portion Mut dazu, sich einerseits mit seiner eigenen Persönlichkeit, mit den individuellen Stärken und Schwächen auseinanderzusetzen und diese andererseits selbstbewusst, aber eben auch selbstkritisch zu kommunizieren. Hier liegt jedoch der Schlüssel zum Erfolg – und das für alle Beteiligten: Zum einen fällt es dem Menschen an sich deutlich leichter, seine eigenen Stärken weiterzuentwickeln, als eventuelle Schwächen abzubauen. Werden die bereits vorhandenen Talente und Fähigkeiten identifiziert und gezielt gefördert, können sie zum anderen sehr viel effizienter eingesetzt werden. Das führt wiederum zur Wertschätzung und sozialen Anerkennung, die die Motivation antreiben und damit zum nachhaltigen Erfolg beitragen.

Ist eine Entwicklung bzw. Einsicht bei Führungskräften zu beobachten?

Das anzunehmen, fällt derzeit noch schwer. Bedenken wir allein die aktuellen Skandale: Der unter Staatsbeteiligung agierende Konzern VW, aber auch die anderen Automobilhersteller betrügen offensichtlich in Bezug auf die Umweltbelastung, die durch die dort gebauten Motoren verursacht wird. Unter dem Strich heißt das: Die Gesundheit der Menschen weltweit ist den Unternehmen vollkommen uninteressant, solange der Umsatz und damit der Profit stimmt. Von nachhaltigem Agieren kann hier nicht die Rede sein, im Gegenteil, dieses enorme Ausmaß an krimineller Energie, das ganz offensichtlich auch nicht Halt vor politischen Ämtern macht, ist menschenverachtend – und das gleich in mehrfacher Hinsicht.

Ein weiteres Indiz, dass der Sinneswandel bei den Führungskräften noch auf sich warten lässt, sind die steigenden Zahlen an psychosomatischen Erkrankungen: „Innerhalb der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) hat die Zahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen zwischen 2000 und 2011 um gut 50 Prozent und die der Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) um rund 56 Prozent zugenommen. Unter BKK-Pflichtmitgliedern haben sich die AU-Tage zwischen 1976 und 2011 verfünffacht und waren 2011 für rund 14,1 Prozent aller AU-Tage verantwortlich.“ – so Statista. Erst wenn diese Zahlen drastisch zurückgehen, haben Führungskräfte ihre veränderte Aufgabenstellung verstanden, denn dann fühlen sich ihre Mitarbeiter wieder wohl, erfahren Wertschätzung und müssen sich nicht zur anstrengenden Pflichterfüllung zwingen.

Können bzw. sollten Führungskräfte zu Sinnstiftern werden und sich als Sinn-Coaches verstehen?

Unbedingt, insbesondere in unserer Zeit des permanenten Wandels in allen Lebens- und Arbeitsbereichen tragen Führungskräfte eine besondere Verantwortung: Nur wenn Mitarbeiter motiviert wird, weil sie einen Sinn in ihrer Arbeit sehen und ihr eigener Anteil daran Wertschätzung erfährt, lassen sich Spitzenleistungen realisieren. Die Frage nach dem Sinn wird immer wichtiger, entspringt sie doch einem zutiefst menschlichen Bedürfnis nach Orientierung und der Teilhabe an einem großen Ganzen – vor allem in Bezug auf die Arbeit, die schon wegen ihres hohen Anteils an der Lebenszeit von großer Bedeutung ist. Darüber hinaus darf nicht vernachlässigt werden, dass der gesamtgesellschaftliche Wandel einst feste Orientierungsgrößen ins Wanken bringt und zur wachsenden Verunsicherung beiträgt. Hier können Führungspersönlichkeiten, die nicht nur Vorstellungen von einer besseren Welt, sondern auch von besseren Unternehmen und damit von der Zukunft entwickeln, mit ihren Visionen zu Sinn-Coaches werden: Sie sollten aufzeigen, warum sich das Leben und die Arbeit lohnen. Diese Sinnstiftung muss sich dann aber auch auf den privaten Bereich ausdehnen, denn sich ausschließlich auf den Beruf zu konzentrieren, reicht nicht zur Sinnfindung aus.

Welche Rolle können dabei Wertschätzung und Achtsamkeit spielen?

Achtsamkeit und Wertschätzung sind wie zwei Seiten einer Medaille, die einander bedingen: Nur achtsame Menschen können authentisch und situationsadäquat auf gegenwärtiges Erleben reagieren. Wird Wertschätzung so direkt, echt und spontan vermittelt, entwickelt sie erst ihre volle Wirkung. Gleichzeitig wird die Achtsamkeit beim Mitarbeiter gefördert, der sich so motiviert noch intensiver mit seiner Aufgabenstellung auseinander- und einen kreativen Prozess in Gang setzt. Damit wird die Grundlage geschaffen, die eine Weiterentwicklung zum Kreativarbeiter, der das künftige Wirtschaftszeitalter tragen wird, erst möglich macht.

Vielen Dank für das Gespräch.