BLOG
04/07/2018 13:14 CEST | Aktualisiert 05/07/2018 13:40 CEST

Australien sperrt Asylbewerber wie mich ein – es ist die pure Folter

Andere Staaten sollten aus unserem Albtraum lernen.

Im Video oben: So hat sich die Kriminalität 2017 durch und gegen Flüchtlinge entwickelt.

Flüchtlinge in geschlossenen Einrichtungen oder Lagern unterzubringen, ist ein heißes Thema in der deutschen Politik. Australien praktiziert eine extreme Form der Internierung, die weit über hiesige Pläne hinausgeht (siehe Infokästen). 

Behrouz Boochani ist iranischer Journalist und wird seit 2013 auf der Insel Manus, etwa 500 Meilen vor Australien, festgehalten. Für die HuffPost schreibt er seine Erlebnisse in dem Lager nieder. 

Im Januar 2017 hat Donald Trump zum ersten Mal nach seinem Amtsantritt mit dem australischen Premierminister Malcolm Turnbull telefoniert und erfahren, wie Australien mit Flüchtlingen umgeht.

Der US-Präsident antwortete Turnbull brüsk: “Sie sind schlimmer als ich.”

Er hatte recht.

Gefängnisse auf drei abgelegenen Inseln

Australien inhaftiert Asylsuchende in “offshore detention centers”, ein Euphemismus der australischen Politiker für Gefängnisse auf drei abgelegenen Inseln – auf Manus, der Weihnachtsinsel und dem kleinen mikronesischen Staat Nauru.

Die Vereinten Nationen haben Australien gerügt, weil das Land Asylbewerber wie Kriminelle behandele und die UN-Antifolterkonvention verletze. 

Die Lagerpolitik Australiens

Wer um Asyl in Australien nachsucht, muss den Antrag von einem Drittland aus stellen.

Wer es ohne Genehmigung per Boot versucht, wird auf See abgefangen und zurückgeschickt oder auf Inseln interniert, etwa auf der australischen Weihnachtsinsel oder auf fremdem Staatsgebiet wie dem Männercamp auf Manus (Papua-Neuginea) oder dem Camp für Frauen und Familien auf Nauru. Die australische Regierung bezahlt die Staaten dafür.

Wer als Bootsflüchtling kommt, darf allerdings nie nach Australien, selbst wenn der Asylantrag berechtigt ist. (HuffPost)

Dennoch verbannt Australien – ein wohlhabendes Land mit Fachkräftemangel – weiter Tausende Menschen, die vor Unterdrückung, Krieg, Diskriminierung, Diktatur, Verfolgung und Attacken krimineller und terroristischer Gruppen fliehen, für unbestimmte Zeit in Gefängnisse inmitten eines stillen Ozeans.

Ich bin einer von ihnen. Ich bin seit fünf Jahren auf der Insel Manus gefangen. Im Iran war ich Journalist und floh statt unter staatlicher Überwachung zu leben.

Ich kam auf der Suche nach Freiheit und wurde eingesperrt

Ich kam auf der Suche nach Sicherheit und Freiheit nach Australien – nachdem ich zunächst nach Indonesien geflohen war und dann ein Boot genommen hatte. Stattdessen sperrte mich die Regierung weg, zusammen mit Hunderten anderer verzweifelter Menschen, darunter Frauen und Kinder.

“Das ist eine gute Idee”, sagte Trump zu Turnbull während ihres Telefonats. “Wir sollten das auch machen.”

Emotionale und körperliche Folter 

Meine Mitgefangenen und ich leiden seit Jahren unter der emotionalen, psychologischen und körperlichen Folter durch die australische Regierung.

Es gibt keine angemessene medizinische Versorgung und keine psychologische Betreuung, um uns die Traumata verarbeiten zu helfen, die wir erlitten haben.

Für viele Flüchtlinge sind die Bedingungen, unter denen uns Australien in den Lagern festhält, buchstäblich unerträglich.

Selbst Kinder versuchen den Suizid

Seit 2014 sind zwölf Asylsuchende in diesen Lagern gestorben. Vergangenen Monat starb ein 52 Jahre alter Rohinga-Flüchtling durch Suizid auf Manus.

Er war vor dem Genzoid in Myanmar geflohen und hatte auf Sicherheit in Australien gehoff. Stattdessen starb der Vater dreier Kinder – zwölf, acht und fünf Jahre alt – in australischem Gewahrsam, ohne sein jüngstes Kind je kennengelernt zu haben. 

Vor knapp zwei Wochen nahm sich ein junger Mann aus dem Iran ebenfalls das Leben. Der 26-Jährige war mit seiner Mutter und seinem siebenjährigen Bruder in einem Familiengefängnis auf Nauru eingekerkert. 

In diesen Inselgefängnissen ist es an der Tagesordnung, dass sich Kinder selbst verletzen und sogar selbst umzubringen versuchen.

Es gab körperlichen und sexuellen Missbrauch durch Wachpersonal, und Kinder wurden in Einzelzellen gesteckt. 

Zeugen werden zum Schweigen gebracht

Nur über sehr wenige dieser Vorfälle wurde in den Medien berichtet, und die Regierung hat versucht, Krankenpfleger und Ärzte zum Schweigen zu bringen, die Flüchtlinge auf den Inseln behandeln und der Presse erzählen wollten, was sie erlebt hatten.

► Das ist das System, das Trump aus der Ferne bewundert hat – und nun zu kopieren versucht.

Erst vor ein paar Tagen sagte der australische Senator Nick McKim (Grüne) während einer Anhörung zu einer Resolution, in der Trumps Politik der Familientrennung verurteilt werden sollte: Die Misshandlung von Flüchtlingen durch Australien habe “Donald Trump und andere politisch weit rechts stehende Regime weltweit inspiriert.”

McKim sagte: “Trump hat vergangene Woche zugegeben, dass er beobachte, was Australien tut ... bevor er seine entsetzliche Richtlinie vorstellte, nach der Kinder aus ihren Familien gerissen werden.”

Vergangene Woche hat Trump seine eigene Anweisung zur Familientrennung aufgehoben, und plant, sie durch eine unbegrenzte Haft für die ganze Familie zu ersetzen, wie sie Australien seit Jahren praktiziert.

Aus der Dunkelheit des Gefängnisses

Ich schreibe aus der Dunkelheit eines Gefängnisses auf Manus und bitte die US-Öffentlichkeit: Tun Sie alles, um ihre Regierung davon abzuhalten, diese inhumane Politik weiter zu verfolgen. Die australische Öffentlichkeit hat das nicht getan und die Folgen sind verheerend.

Über die Jahre habe ich den Schmerz und die Qual der Männer, Frauen und kleinen Kinder auf diesen Inseln kennengelernt. Es gibt nichts Schlimmeres, als den Kummer eines Vaters oder einer Mutter zu sehen, deren Kind leidet.

Es gibt keine tiefere Verzweiflung als die hilfloser Eltern, die ihr Kind nicht beschützen können.

Nur ein Wunsch: die Kinder wieder in die Arme nehmen dürfen

Während ich schreibe, sind um mich herum viele Väter, die ihre Kinder seit fünf Jahren nicht gesehen haben. Ich sehe die Folgen dieser Form von Folter, sehe, wie tief es sie trifft. Letztlich wird sie das zerstören.

Hier sind Väter eingesperrt, die von ihrem Wunsch, ihre Kinder zu sehen und in den Arm zu nehmen an den Rand des Wahnsinns getrieben werden.

Sie haben einen Traum, und nur einen: ihre kleinen Söhne und Töchter wieder in ihre Arme zu schließen.

Was Deutschland plant

Die Union plant in Deutschland die Einführung von Transitzentren an der Grenze für bereits in anderen EU-Staaten registrierte Flüchtlinge. Die Flüchtlinge dürften sich in den Zentren frei bewegen, diese aber nicht verlassen.

Nach EU-Recht dürften Menschen dort wohl nicht länger als vier Wochen festgehalten werden. Nach der Genfer Flüchtlingskonvention ist es strikt verboten, Asylbewerber in Zentren oder Lagern einzusperren. 

Außerdem plant die Union innerhalb Deutschlands Ankerzentren für Asylsuchende, die ihren Asylantrag in Deutschland stellen. Die Flüchtlinge müssen dort wohnen, dürfen die Zentren aber verlassen. (HuffPost)

 

Die Situation auf Manus und Nauru ist eine Tragödie, die sich seit Jahren unter den Augen Australiens abspielt. Proteste von Bürgern und der Zivilgesellschaft haben die Regierung nicht davon abgehalten, dieser Unmenschlichkeit ein Ende zu bereiten.

Die beiden großen politischen Parteien befürworten Insel-Gefängnisse noch immer. 

AFP Contributor via Getty Images
Australier demonstrieren 2017 gegen die harte Asylpolitik ihrer Regierung.

Furchtbare Zukunft

Wenn die Amerikaner und ihre politische Führung nicht jetzt maßgebliche Schritte ergreifen, dann ist das die furchtbare Zukunft, die sie erwartet, aber in viel größerem Maßstab.

Als Präsident Trump Premierminister Turnbull sagte, Australien sei im Umgang mit Asylsuchenden und Flüchtlingen schlimmer als die USA es seien, hatte er recht. Aber nur bis jetzt.

Der Text wurde von Omid Tofighian aus Farsi ins Englisch und von Susanne Klaiber ins Deutsche übersetzt. Er erschien ursprünglich auf “HuffPost Australia”.

(jg)