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08/04/2018 19:31 CEST | Aktualisiert 09/04/2018 10:19 CEST

Ich habe in einem Hippie-Dorf gelebt – es war wahnsinnig konservativ

Das Motto: Der Mann erschafft, die Frau empfängt.

Agatha Kremplewski
In Spanien gibt es ein Dorf, das den Kapitalismus anders denkt. Agatha Kremplewski war dort.

“Das hier ist der Mondtempel, er ist speziell für Frauen reserviert. Männer dürfen ihn nur auf Einladung betreten. Hier kannst du dich zurückziehen, zum Beispiel, wenn du deine Tage hast.

Raquel führt Vincent und mich, gerade frisch in der Valle de Sensaciones angekommen, durchs Dorf und erklärt uns, welcher Ort, welche Funktion hat. Hier ist die Küche und der Gemeinschaftsraum, dort der Medizinkreis, da vorne kommt eine Sauna hin.

Und nun stehen wir vor dem Mondtempel, einer mit einem Stück Stoff verhangenen Höhle etwas abseits der anderen Hütten, Baumhäuser und Wohnmobile.

Ich versuche mich mit dem Gedanken anzufreunden, mich von Kerzen umringt in den Staub zu legen und einsam zu menstruieren oder bei Frauenzirkeln meinem Doppel-XX-Chromosom zu frönen.

Dann ermahne ich mich selbst: Sei offen.

Lass dich ein auf etwas Neues. Nimm diese eine Woche im Ökodorf auch als Chance wahr, deine Weiblichkeit zu entdecken.

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Der Traum vom Hippie-Leben

Erst einige Tage zuvor habe ich in Malaga Vincent kennengelernt, einen Tänzer und Masseur aus Quebec und der echteste Hippie, den ich jemals in meinem Leben getroffen habe.

Vincent scheint nichts zu wollen, außer lieben und geliebt werden und ein wenig tanzen, man kann ihn nur ins Herz schließen. Nach einer trinkseeligen Nacht überredet er mich, mit ihm zusammen in ein Ökodorf in den Bergen Spaniens zu fahren.

Ich wollte so einen Ort schon immer einmal besuchen. Ich bin zwar weder radikal in meinen politischen Ansichten noch besonders spirituell, aber alternative Lebenskonzepte haben mich schon immer fasziniert.

Wie funktioniert das Leben in einem abgeschiedenen Dorf, das sich zumindest teilweise selbst versorgt? Was für Menschen leben dort? Und vor allem mein persönliches Interesse: Kann ich mich bei ihnen zu Hause fühlen?

Ich betrachte die kommende Woche als Experiment und schwöre mir selbst, nichts von vornherein zu verurteilen und alles mitzumachen.

Ich stelle mich auf Abenteuer, Freiheit von Konventionen und körperliche Arbeit im Freien ein. Mit einem Hippie-Dorf verbinde ich eine linksgerichtete Lebensweise, Toleranz, Offenheit und Gleichstellung.

Die Valle de Sensaciones ist ein Ökodorf mit experimentellen Charakter. Etwa fünf Menschen leben dauerhaft hier und probieren sich aus im harmonischen Zusammenleben mit der Natur, Eros und Spiritualität.

Gesellschaft leisten ihnen dabei Reisende aus der ganzen Welt, die zwischen einer und mehreren Wochen mit ihnen gemeinsam leben. 

Der Empfang ist herzlich: Alle Anwesenden umarmen mich wie eine alte Freundin. Zur Begrüßung besprechen wir, etwa 12 Personen, was wir von der kommenden Woche erwarten und warum wir hergekommen sind. Erlaubt ist im Prinzip alles, was niemand anderem schadet.

Ein offener Umgang mit Emotionen scheint üblich, ist aber nicht verpflichtend. Mein erster Eindruck ist sehr positiv, ich habe nicht das Gefühl, mich verstellen zu müssen.

Leben für eine Hand voll Murmeln

Der Ernst des Dorflebens beginnt erst am nächsten Tag: Denn auch, wer in dieser Idylle leben möchte, muss arbeiten. Und arbeiten tut man hier nicht für Geld, sondern für Murmeln.

Das Murmelsystem wurde einerseits entwickelt, um Besuchern vor Augen zu führen, wie viel Arbeit in einem Ökodorf steckt. Es gilt, Feuerholz zu holen, Hütten zu reparieren und den Garten zu pflegen. 

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Ansporn dafür sind sechs (bzw. in der Sommerzeit acht) Murmeln, die täglich “verdient” werden müssen, um das Überleben zu sichern. Das Murmelsystem soll auch dazu dienen, auf spielerische Art und Weise kapitalistische Strukturen zu erforschen.

Zudem ist das Murmelspielen wichtig zur Erhaltung des Dorfes: Anfangs muss nämlich für jeden Tag, den man im Dorf verweilt, eine Murmel gegen reales Geld gekauft werden, quasi als Grundkapital und um Kosten für Nahrung zu decken, die größtenteils eingekauft wird.

Dabei zahlt jeder, soviel er kann – in meinem Fall waren das acht Euro pro Murmel. Eigenen Aussagen nach verdient das Dorf nicht am Murmelgeschäft, sondern sichert lediglich sein Fortbestehen ab.

Frauen: Ab in die Küche!

Ich muss zugeben – ich hatte nicht so viel Spaß mit diesem Spiel. Vor allem, weil ich den Eindruck hatte, dass es Ungleichheiten produzierte: die Verlierer dieses Systems waren vor allem Frauen.

Nach dem Frühstück werden Aufgaben vorgestellt, die an dem jeweiligen Tag anstehen. Neben den notwendigen Tätigkeiten wie Feuerholz sammeln oder Wasser holen kann jeder Dorfbewohner eigene Dienste gegen Murmeln anbieten.

Besonders gern gesehen wird dabei handwerkliches Können, aber auch Tanzstunden, Massagen oder Tantrakurse sind möglich.

Als Redakteurin und Online-Marketing-Managerin waren meine Talente dem Dorf leider nicht so nützlich. Also musste ich mich stärker nach dem Tagesgeschehen orientieren, um meine Handvoll Murmeln zu verdienen. Nun kommt der Haken:

Unterschiedlich schwere Aufgaben werden unterschiedlich entlohnt.

► Eine Stunde Steine schleppen für die Sauna sind zum Beispiel eine Murmel.

► Um eine Murmel für Regale auswischen in der Küche zu verdienen, muss man eineinhalb Stunden arbeiten.

Uns wurde anfangs eine Art Arbeitsteilung vorgestellt:

In der Regel übernehmen die Männer eher die körperlich anspruchsvollen Aufgaben, während Frauen gärtnern oder die Küche aufräumen. 

Frauen werden also dazu angehalten, die Aufgaben zu übernehmen, die weniger Murmeln bringen. Weil ein Mann zum Beispiel mehr Steine oder Feuerholz schleppen kann.

Ich habe das anfangs ehrlich gesagt nicht eingesehen und habe mich entgegen aller Empfehlungen zum Steineschleppen für den Saunabau einteilen lassen.

Das war vielleicht nicht besonders klug – denn ich bin nicht einmal 1,60m groß und wahrlich kein Kraftprotz, aber auch ich wollte meinen Mann stehen.

Trotz Schmerzen konnte mit den anderen mithalten. Ich glaube, mehr aus Gnade und weil sich die Männer für mich eingesetzt haben, habe ich für diese zwei Stunden tatsächlich zwei Murmeln erhalten.

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Am nächsten Tag wurde mir jedoch ein Küchenregal zugeteilt, dass ich neu sortieren sollte. Diese Aufgabe entspräche eher meinen Kapazitäten – bedeutete aber natürlich auch, dass ich nun neun Stunden am Tag anstatt sechs arbeiten musste, um auf mein Soll zu kommen.

Die biologisch bedingte Gender-Pay-Gap

An einem anderen Tag sammeln wir alle gemeinsam Feuerholz. Ich ziehe mühevoll ein Bündel Äste hinter mir her, während Vincent mir-nichts-dir-nichts ein doppelt so dickes Bündel schultert.

Natürlich ist der fast 1,90m große Berufstänzer stärker als ich. Deswegen strenge ich mich aber nicht weniger an. Trotzdem bekommt er für die Aufgabe am Ende des Tages mehr Murmeln als ich. 

Diese eine Woche bringt mich an meine körperlichen Grenzen. Ich will arbeiten, und zwar genauso gut wie ein Mann – und scheitere an meiner mangelnden Kraft.

Das System wiederum belohnt unsere Ungleichheit, anstatt sie zu glätten. Es wird das Produkt belohnt, nicht der Einsatz. Ist das wirklich fair?

Ich kann verstehen, dass beim Überleben in der Wildnis Gutgemeint nicht so viel zählt wie Gutgetan. Mir ist bewusst, dass ich als Frau vielen Männern körperlich unterlegen bin.

Aber warum muss es ein Murmelsystem geben, dass mir mein eigenes Versagen immer wieder vor Augen führt und mein Geschlecht als das darstellt, das weniger wert ist?

Wäre es in so einem kleinen, überschaubaren Wirtschaftssystem wie einem zwölfköpfigen Dorf nicht besser, jeder arbeitet so viel er kann – ohne wertende Murmeln?

Am Ende des Tages werden wir doch genug Feuerholz haben, um uns zu wärmen – jeder Mann und jede Frau, die sich auf so ein Experiment wie in der Valle de Sensaciones einlassen, werden motiviert genug sein, die Arbeit zu verrichten, zu der er oder sie fähig sind.

Der Mann erschafft, die Frau empfängt

Zunächst dachte ich, dieses eigenartige, unterschwellig nach biologischem Geschlecht aufgeteilte Bewertungssystem beruhe lediglich auf Effizienz. Nach und nach wurde mir aber bewusst, dass es auch das Frauenbild widerspiegelt, das im Dorf herrscht.

Wirklich klar wurde mir das an meinem letzten Tag im Dorf: Unsere letzte gemeinsame Sitzung halten wir im Medizinrad ab, einem von einem Schamanen gebauten Steinkreis.

Als die Symboliken und Eigenschaften der einzelnen Teile des Kreises erläutert werden, stockt mir kurz der Atem: Die eine Seite steht für den Mann, den Erschaffer, für Feuer und Kreation; die andere für die Frau, die Empfängerin, für Erde und Emotion.

Der Mann erschafft, die Frau empfängt. Der Mann baut das Haus, die Frau jätet Unkraut im Garten. Die Rollen sind hier klar verteilt – die Frau ist das schwächere Geschlecht.

Weil sie so geboren ist. Die Rückberufung auf die Natur stellt Biologismen als unerschütterliche Tatsachen in den Vordergrund.

Eine Frau ist hier nicht nur Frau in ihrem Körper, sondern in ihrer Funktion – und diese scheint nicht so wichtig wie die des Mannes.

Beim Abschied raunt mir eine Dorfbewohnerin noch zu: “Denk daran, wir Frauen brauchen unsere Männer.” Und die Männer brauchen uns nicht? So eine Denkweise finden wir ja nicht einmal mehr bei unseren Großeltern.

Auch Hippies können stockkonservativ sein

Während dieser einen Woche im Hippie-Dorf habe ich gelernt, dass alternative Lebensweise nicht unbedingt fortschrittlich ist. Dass Fairness und Gleichheit nicht dasselbe sind. Dass auch die unkonventionellsten Menschen stockkonservativ sein können.

Natürlich gilt das nicht für alle Aspekte des Dorflebens. Ich habe selten irgendwo so viel gelernt wie in der Valle de Sensacionen.

Ich habe erfahren, dass Gefühle gut sind und dass es Menschen gibt, die mich akzeptieren und Liebe zeigen, wenn ich mich gebe, wie ich bin – egal ob gut oder schlecht gelaunt. Wenn ich traurig war, gab es immer jemanden, der mich umarmt oder mir zugehört hat.

Von so viel Empathie, wie ich in diesem Dorf in Spanien erlebt habe, können wir hier nur träumen.

Emotional habe ich mich noch nie so frei gefühlt. Und gleichzeitig aufgrund meines Körpers noch nie so gefangen.

Auch wenn meine Erfahrungen in der Valle de Sensaciones nicht nur positiv waren – ich weiß es zu schätzen, dass ich mit den Menschen dort selbst über meine Kritikpunkte sprechen könnte.

Auch wenn dort Regeln herrschen, die ich als extrem konservativ empfinde: Die Dorfbewohner sind offen für Gespräche.

Ich war die Hartz-IV-Empfängerin im Ökodorf

So haben wir an vielen Abenden die Gerechtigkeiten und Ungerechtigkeiten des Murmelsystems diskutiert. Auch geht die Welt nicht unter, wenn man versucht hat, die nötige Menge an Murmeln zu verdienen und es aber nicht geschafft hat. 

Mir ist das passiert – dann haben mir die anderen Dorfbewohner Murmeln geschenkt.

Ich profitierte also von sozialen Leistungen und war quasi die Hartz-IV-Empfängerin unter den Hippies. Das war zwar nett, aber ähnlich wie im richtigen Leben auch nicht so richtig schön.

Ich fühle mich wohler in einer Gesellschaft, die daran arbeitet, dass Männer und Frauen zunehmend gleich behandelt werden, anstatt sich auf vermeintliche Natürlichkeiten zurückzubesinnen.

Solche Experimente wie die Valle de Sensaciones sind wichtig, um alternative Gesellschaftsmodelle auszuprobieren und so mögliche Schlüsse zu ziehen, wie soziale Gruppen abseits bereits bekannter Lebensweisen funktionieren können.

Schnell kann es jedoch passieren, dass man sich in so einem künstlich konstruierten Raum von der Realität entfernt.

In der Welt da draußen können wir komplexe Wirtschaftssysteme nicht durch Murmeln ersetzen und jeden in die seiner Biologie entsprechenden Aufgabe einteilen.

Das ist den Dorfbewohnern sicherlich bewusst, weswegen sie selbst auch den experimentellen Charakter des Projekts betonen.

Was das zwischenmenschliche Verhalten jedoch angeht, könnten wir alle ein bisschen mehr Hippie sein.

(tb/jg)