GOOD
01/04/2018 16:52 CEST | Aktualisiert 30/07/2018 22:44 CEST

Ich habe alles aufgegeben, um die Welt zu bereisen

Fahr los. Hab keine Angst. Lass dich nicht zurückhalten.

Agatha Kremplewski
Sydney Australien (Privatfoto)

Kannst du dir vorstellen, deinen Job noch 30 Jahre lang zu machen? Ich konnte es nicht. Deswegen habe ich beschlossen, Deutschland eine Weile lang zu verlassen, um zu überlegen, wie es weitergehen soll.

Dabei habe ich alles aufs Spiel gesetzt: Ohne nennenswerte finanzielle Rücklagen habe ich meinen Job und meine Wohnung gekündigt, um in die Welt hinaus zu ziehen.

Ein paar Monate zu verreisen ist erst einmal nichts Ungewöhnliches: Viele meiner Freunde erzählen von ihren Backpacking-Touren in Australien, Selbstfindungsreisen in Indien oder Au-pair-Jobs in Frankreich.

Mehr zum Thema: Selbstfindung ist überschätzt! Warum die ständige Suche nach dem “inneren Ich” Gefahren birgt

Jedoch erledigt man solche Vorhaben meist vor, im oder kurz nach dem Studium oder der Ausbildung. Wer schon fest im Arbeitsalltag steckt, reißt sich selten einmal los, um mit schwitzenden Jugendlichen ein Hostelzimmer in Costa Rica zu teilen.

Schon als Kind habe ich vom großen Abenteuer geträumt

Für mich stand es finanziell lange Zeit außer Frage, so eine Reise zu realisieren. Meine Eltern waren lange Zeit arbeitslos bzw. schlugen sich mit schlecht bezahlten Jobs durch.

Während einige meiner Freunde also nach dem Abi Praktika in Südafrika machten oder in Australien Erdbeeren pflückten und Koalas streichelten, kellnerte ich in Vollzeit in einer Eisdiele und schrieb mich bei nächster Gelegenheit für ein Studium in München ein.

Agatha Kremplewski
Einsamer Strand in Las Lajas, Panama (Privatfoto)

Mehr zum Thema: Ich bin obdachlos und gehe auf eine der teuersten Privatschulen der USA

Nach dem Studium bot sich mir die Gelegenheit, ein Volontariat in einer Redaktion zu machen, direkt danach wurde ich fest angestellt. Ich mochte meinen Job, habe viel gelernt und Freundschaften geschlossen - aber irgendetwas fehlte.

Vollzeitjob - und jetzt kommt nichts mehr?

Ich fühlte mich leer und getrieben - und das mit gerade mal 28 Jahren. Ich dachte, das kann doch jetzt nicht über 30 Jahre so weiter gehen? Ich kann doch nicht mit Ende 20 das Gefühl haben, jetzt kommt nichts mehr?

Mehr zum Thema: Von meinem Job träumen viele – für mich wurde er zum Albtraum

Agatha Kremplewski
Übernachten auf einer Bank am Flughafen London (Privatfoto)

Ich stellte meinen doch erst so kurzen bisherigen Weg infrage. Wo bin ich falsch abgebogen? Ich habe studiert, einen guten Abschluss gemacht, gleich einen Job gefunden und sogar einen unbefristeten Vertrag ergattert (was vor allem für Geisteswissenschaftler keine Selbstverständlichkeit ist). Dann fiel mir ein, was eine Freundin einmal über mich gesagt hat:

“Du machst immer alles so richtig.”

Sie wollte damit sagen: Ich mache alles so, wie es vorgesehen ist. Im Grunde bin ich sehr pragmatisch und Sicherheits-fixiert - was vielleicht nicht weiter verwunderlich ist, wenn man in einem weniger gut betuchten Haushalt aufwächst und live erlebt, wie unbequem es ohne Geld werden kann.

Ich hatte Angst, alles zu verlieren, wenn ich einen falschen Schritt mache: meine beginnende Karriere, meinen Job, mein Erspartes. Ich hatte Angst, unvernünftig zu handeln. 

Und deswegen setzte ich, Ende 20, mit wenig Berufserfahrung und 10.000 Euro Bafög-Schulden, alles auf eine Karte:

► Ich reichte meine Kündigung ein.

► Ich gab meine Wohnung auf.

► Ich verschenkte meine Möbel und einen großen Teil meiner Bücher und Kleidung.

► Ich kaufte ein Busticket nach Slowenien.

Das war das erste von 17 Ländern auf drei Kontinenten, die ich in den nächsten Monaten bereisen sollte.

Und wisst ihr, was? Ich lebe noch, nage nicht am Hungertuch und wurde von keiner Kakerlake angeknabbert. Und das klingt immer so blöd, aber vor allem habe ich eine Menge über mich selbst gelernt.

Ich weiß, das ist typisches Selbstfindungs-Gebrabbel, aber tatsächlich ist da etwas dran - schließlich erlebt man sich selbst in Situationen, die man sich vorher vielleicht nicht zugetraut hätte.

Was ich von meinem Leben als Aussteigerin lernte

Ich fuhr also los, auf unbestimmte Zeit, ausgestattet mit einem Rucksack und ein wenig Geld auf dem Konto. Die nächsten Monate lebte ich vor allem in Mehrbettzimmern in Hostels, reise mit teils sehr klapprigen Bussen, ernährte mich viel von Kräckern und Bananen.

Was ich dabei lernte:

1. Ich kann mich völlig ausschalten, wenn andere Menschen in der Nähe sind - ein wertvolle Eigenschaft, wenn man regelmäßig das Zimmer mit bis zu neun anderen Menschen teilt.

Generell bin ich nicht mehr so wählerisch, was meine Schlafplätze angeht - ein schmales Bett in einem kleinen Zimmer genügt, im Zweifelsfall tut es auch eine Hängematte.

2. Ich bin anpassungsfähiger geworden.

Fremde Menschen, Dreck, Insekten - alles kein Problem. Oder zumindest kein großes. Vor der Reise hatte ich viel öfter Angst, mich zu blamieren oder etwas einzufordern - auf der Reise allerdings kam ich nicht drumherum, Menschen wegen allem Möglichen anzusprechen, wenn nötig mit Händen und Füßen.

Eine große Sorge, die ich hatte, bevor ich losfuhr, waren tatsächlich Insekten. Ich hatte panische Angst vor allem, was krabbelt und fliegt. Nachdem ich eines Morgens in Panama allerdings von einer Finger-großen Kakerlake geweckt wurde, die mir über den Bauch kroch, dachte ich: Na, dann ist das ja jetzt auch erledigt. Ich hab’s überlebt.

Agatha Kremplewski
Markt in Rivas, Nicaragua (Privatfoto)

  3. Ich mache mir weniger Stress, wenn etwas nicht so läuft, wie geplant.

Meist tut sich eine Lösung auf. Einmal wollte ich zum Beispiel von Pogradec in Albanien nach Ohrid in Mazedonien fahren - und niemand konnte mir sagen, wo der Bus fährt oder ob es überhaupt einen gibt.

Ich wurde mit den Händen von A nach B geschickt, keiner sprach Englisch und mein Albanisch hält sich sehr in Grenzen. Im Endeffekt bin ich mit dem Taxi gefahren, glücklicherweise konnte ich die knapp einstündige Fahrt auf etwa 25 Euro herunterhandeln. Ich kam mir trotzdem ein wenig dekadent vor - wer fährt schon mit dem Taxi von einem Land ins nächste?

Ein anderes Mal blieb ich mit einem Freund beim Trampen mitten in den Bergen in Spanien stecken. Es war schon Abend, keiner wollte uns mehr mitnehmen - also liefen wir an einer dunklen Landstraße entlang ins nächste Dorf, wo wir glücklicherweise einen Schlafplatz fanden. Dafür nahm uns am nächsten Tag das netteste Pärchen der Welt mit, das uns auch noch zu Paella und Bier einlud.

4. Ich bin mutiger geworden und kann Risiken besser einschätzen.

Viele fragen mich, ob ich keine Angst gehabt hätte, als Frau alleine unterwegs zu sein. Ich war zwar noch nie besonders ängstlich, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich zum Beispiel so problemlos alleine durch Zentralamerika reisen würde.

Natürlich muss man sich ein wenig über die Länder informieren, die man bereisen möchte. In Nicaragua habe ich es zum Beispiel vermieden, nachts alleine Bus zu fahren. Passieren kann natürlich immer etwas, auch in sicheren Ländern.

Eine etwas unangenehme Situation habe ich erlebt, als ein vermeintlich freundlicher und hilfsbereiter Montenegriner bei Kotor zwei Bekannte und mich an einen nahegelegenen Strand lockte.

Er sprach leider kaum Englisch - wir dachten, er will uns vielleicht einfach einen besonders schönen Ort zeigen, zu dritt und am helllichten Tag hatten wir keine Bedenken.

Dann zog sich der gute Mann aus und fing an, zu masturbieren. Wir ergriffen schnell die Flucht, aber den Anblick seines ins Sonnenlicht stechenden, erigierten Penis werde ich nie vergessen.

Ich habe inspirierende Menschen kennengelernt

Auch fragen mich viele, wie ich mir meine Reisen und teils auch Langstreckenflüge leisten konnte. Erstens habe ich mir natürlich ein kleines finanzielles Polster zusammengespart, bevor es losging.

Zweitens habe ich nebenbei gearbeitet - teils frei als Übersetzerin, teils auch gegen Kost und Logis, zum Beispiel habe ich in Panama in Hostels ausgeholfen.

Agatha Kremplewski
Arbeiten im Hostel (Privatfoto)

Irgendwann bekommt man ein Gefühl dafür, wo versteckte Kosten lauern oder wie man Touri-Fallen meidet. Ich habe meistens selbst gekocht, anstatt essen zu gehen, und bin viel zu Fuß gegangen. So erlebt man auch mehr.

Mehr zum Thema: Konsumfallen erkennen - Was zieht mir das Geld aus der Tasche?

Ich habe eine Menge neuer Menschen kennengelernt, die Unfassbares auf die Beine gestellt haben.

Ein belgischer Mathematiker zum Beispiel, der über 60 Länder bereist hat und nun ein Hostel in Kolumbien baut.

Ein Tänzer aus Quebec, der sich zwei Monate lang ohner Geld durch Europa geschlagen hat.

Eine Brasilianerin, die eine hohe Position im Marketing eines Großkonzerns hatte - und nun in einem Aussteigerdorf in Spanien lebt.

Das sind alles keine wirklichen Vorbilder für mich - ich finde es nicht erstrebenswert, sich von der Gesellschaft zu verabschieden und von nun an im Baumhaus zu leben und im Schamanenkreis Energien zu beschwören (glaubt mir, ich war da, ich hab’s probiert - kann man machen, muss man nicht).

Aber diese Menschen inspirieren. Sie beweisen: Auch wenn das Leben nicht geradlinig verläuft, man vielleicht seinen Karriereweg wechselt, Kinder bekommt oder eben auch nicht, geht es weiter.

Fahr los, hab keine Angst!

Ich kam nach Deutschland zurück, praktisch ohne Geld, ohne Wohnung, ohne Job - dafür mit mehr Selbstvertrauen und deutlich entspannter.

Ich habe eine neue Bleibe und neue Aufgaben gefunden. Selbst wenn mein Neustart in Deutschland nicht ideal war (man braucht einfach ein wenig Zeit, um seinen Rhythmus wiederzufinden), habe ich gelernt, dass nicht immer alles gleich perfekt sein muss.

 

Agatha Kremplewski
Van-Life in Australien (Privatfoto)

Ich habe gelernt, geduldiger mit mir selbst zu sein und mehr darauf zu achten, mein eigenes Ding durchzuziehen - das ist die wichtigste Lektion. Und ich habe gemerkt, erstaunlicherweise fügt sich alles.

Es muss und kann natürlich nicht jeder so eine Reise machen. Manche sind durch Familie oder vielleicht sogar gesundheitlichen Zustand an einen Ort gebunden. Andere haben einfach nicht das Bedürfnis.

Wenn deine Situation es allerdings gerade hergibt, du vielleicht mit deiner aktuellen Lebenssituation nicht zufrieden bist, eine größere Veränderung bevorsteht und dir die Füße zappeln: Fahr los. Hab keine Angst. Lass dich nicht zurückhalten.

Mehr zum Thema: Junger Mann ertindert sich seinen Wunschtrip durch Europa

Es muss nicht immer die ganz große Reise sein. Du musst auch nicht alles, was du dir bis dato erarbeitet hast, aufgeben.

Dein Abenteuer muss nicht aussehen wie die Insta-Wall eines Luxus-Aussteigers, der sich ein paar Wochen Malediven gönnt. Es kann auch der Low-Budget-Trip durchs Baltikum sein. Oder mal einen Monat im Hostel in Portugal jobben.

Und wenn du Lust hast, aufs Ganze zu gehen: Überlege dir, was du riskierst. Bist du dir darüber im Klaren, dass du im Zweifelsfall auf dich selbst gestellt bist? Dass der nächste Job vielleicht nicht dein Traumjob sein wird? Dass du vielleicht mal mit sehr wenig Geld auskommen musst?

Dann mach’s. Solange du im Kopf ein wenig flexibel bleibst, wird alles gut gehen. Mit einem gewissen Restrisiko müssen wir alle leben.

Ich jedenfalls habe meine Entscheidung nicht bereut und habe nun die Gewissheit: Ich kann jederzeit wieder losziehen und werde trotzdem auf meinen Füßen landen - irgendwie.