GOOD
07/08/2018 15:15 CEST | Aktualisiert 13/08/2018 14:16 CEST

Ausländer in Deutschland haben mir beigebracht, mein Heimatland zu lieben

Eigentlich wollte ich auswandern. Dann kam der Sommer 2008.

Ich stehe in einem Raum aus Gold. Von der Wand bis zur Decke glänzt und funkelt es mir entgegen. Mein Nacken schmerzt vom Hochstarren. “Mein Gott, wie schön”, denke ich. Trotz allem Staunen habe ich ein flaues Gefühl im Magen. Ich bin zum ersten Mal in einer Synagoge, noch dazu in einer, die eine derart düstere Geschichte trägt wie die in Budapest.

Im Zweiten Weltkrieg starben im Budapester Ghetto, in dessen Zentrum sich die Synagoge befand, Tausende Menschen an Hunger. 2000 von ihnen sind im Innenhof der Synagoge beerdigt.

“Where is everybody from?”, will die Touristenführerin wissen. Ein junges Mädchen meldet sich: “Aus Deutschland!”

“Oh!”, sagt die Führerin und fragt trocken: “Anyone else from Germany?” Ich sinke hinter einem etwas größer gewachsenen Mann in mich zusammen und vergrabe meine Hände in den Hosentaschen.

Im Video oben: Das sind die kuriosesten Vorurteile gegenüber Deutschen.

Es gab viele Momente in meinem Leben, da habe ich mich dafür geschämt, Deutsche zu sein.

Nicht immer war der Holocaust der Anlass dafür. Auch als ich das erste Mal die Überreste der deutsch-deutschen Grenze sah, hätte ich am liebsten direkt meinen Pass eingetauscht.

Denn die Freude, dass die deutsche Spaltung überwunden wurde, ist das eine. Das andere ist die bittere Gewissheit, dass die Teilung des Landes Hunderten Menschen, die nur die Freiheit wollten, das Leben kostete.

Sie wurden auf der Flucht erschossen – oder starben im Stacheldraht der Grenzanlagen. 

Wer will schon Bürger eines Landes sein, das soviel Hass und so viel Leid in seiner DNA trägt?

Ich habe mich so sehr für mein Heimatland geschämt, dass ich ernsthaft vorhatte, nach dem Abitur auszuwandern. Dann kam der Sommer 2008.

► Vier Wochen lang übernahm ich die Reisebegleitung für eine internationale Jugendgruppe.

Die Teilnehmer stammten aus fünf verschiedenen Ländern und lernten allesamt Deutsch als Fremdsprache. Sie hatten bei einem Wettbewerb des deutschen Kultusministeriums mitgemacht und sich durch überragende Leistungen für die Lernreise qualifiziert.

Im Gegensatz zu mir begeisterten sich diese ausländischen Jugendlichen für das Land. Sie waren neugierig auf die Menschen, wollten die Kultur aufsaugen, so gut sie konnten, und so viel über das Land lernen, wie möglich.

Dass ich mein Heimatland heute liebe, habe ich ihnen zu verdanken.

Deutschland ist ein großartiges Land 

Gerade weil ich in Deutschland geboren wurde, habe ich mir nie wirklich Gedanken darüber gemacht, wie gut ich es hier eigentlich habe.

Alles, was gut lief, war für mich selbstverständlich. Alles, was schlecht lief, sah ich dagegen als einen Grund mehr dafür, dass ich Deutschland sobald wie möglich verlassen sollte. 

Bis ich mit einer Schülerin aus Moldau ins Gespräch kam. Wir waren auf dem Rückweg von einem Tagesausflug, das Mädchen saß mir im Zugabteil gegenüber und schaute traurig aus dem Fenster. 

“Du hast so ein Glück Anna”, sagte sie. 

“Wieso genau?”, frage ich sie perplex.

“Na, weil du aus Deutschland kommst.”

Dieser eine Satz genügte: Ich fing an, meine Einstellung zu meinem Heimatland von Grund auf zu überdenken. Am Ende musste ich zugeben: Sie hatte Recht – und das aus mehreren Gründen.

Deutschland ist ein sicheres Land

Einer wurde mir schon wenige Tage später bewusst.

Im Park spielten wir Volleyball. Ein Junge aus Namibia zog sein T-Shirt aus. Sein Oberkörper war kreideweiß, bis auf eine kleine rosa Stelle auf seiner linken Brust: eine daumengroße, feine Narbe.

“Was ist denn da passiert?”, fragte ich. “Ach, jemand hat mich auf dem Heimweg niedergestochen”, antwortete der 17-Jährige gelassen.

Ich drehte mich zu einem der anderen Jungen aus Namibia um, in der Hoffnung, dass er ebenso schockiert sein würde wie ich. Aber er zuckte bloß mit den Schultern. “In Namibia ist das normal”, sagte er unbeeindruckt.

Auch wenn in den sozialen Netzwerken viele gerne gegenteilige Meinungen herausposaunen: Deutschland ist ein verdammt sicheres Land.

Sicher, wie überall muss man in manchen Gegenden nachts etwas vorsichtiger sein als in anderen. Aber die Mehrheit der Deutschen hat keinen faktisch belegbaren Grund, um ihr Leben zu fürchten, wenn sie morgens das Haus verlässt und auch nicht, wenn sie sich abends auf den Heimweg macht.

► Die Kriminalitätsrate geht seit einigen Jahren sogar deutlich zurück; von 2016 auf 2017 sank die Zahl der Straftaten sogar um zehn Prozent. Das ist der stärkste Rückgang seit 20 Jahren.  

Das Gesundheitssystem funktioniert

Eine meiner Schülerinnen bekam während ihres Aufenthalts furchtbare Zahnschmerzen. Sie musste sich einer Wurzelbehandlung unterziehen.

Der Gedanke machte ihr große Angst, nicht nur, weil sie befürchtete, sich die Behandlung nicht leisten zu können. In ihrer Heimat Marokko, erzählte sie mir, sei die medizinische Versorgung nicht so gut und viele Krankenhäuser seien sehr altmodisch ausgestattet.

Das deutsche Gesundheitssystem ist sicherlich nicht ohne Fehler. Wie oft habe ich schon darüber gestöhnt, dass ich keinen Arzttermin bekommen habe, dass ich trotz Termin noch zwei Stunden im Wartezimmer saß, oder, dass ich ein teures Medikament aus eigener Tasche zahlen musste.

Ich habe mir nie bewusst gemacht, was für ein Segen es ist, dass es hierzulande gesetzliche Krankenversicherungen gibt, deren Beiträge bezahlbar sind und die garantieren, dass jeder Mensch, der auf medizinische Versorgung angewiesen ist, diese auch bekommt.

Die Lebensqualität ist hoch

An meinem zweiten Tag mit der Gruppe kam ein Mädchen aus der Elfenbeinküste zu mir und fragte, ob wir Gelegenheit hätten, zu einem Supermarkt zu gehen.

Als ich sie fragte, was sie denn von dort brauche, antwortete sie, sie wolle Wasser kaufen.

Ich schlug ihr vor, stattdessen ihre leere Flasche vom Vortag mit Leitungswasser aufzufüllen und sie sah mich mit großen Augen an. “Das schmeckt genauso gut und ist ganz unbedenklich”, versicherte ich ihr.

Es gibt unzählige Länder auf der Erde, in denen sauberes Wasser keine Selbstverständlichkeit ist

Auch in Ländern, die eine hohe Lebensqualität haben, gibt es Probleme mit der Wasserversorgung: Weil das Grundwasser beim Bau eines Dammes mit Blei verseucht wurde, musste etwa die Stadt Flint im US-Bundesstaat Missouri vier Jahre lang ohne sauberes Wasser auskommen.

In Deutschland reicht in der Regel ein Anruf bei den Stadtwerken, damit sich jemand um fehlerhafte Wasserleitungen kümmert. Das kann vielleicht ein, zwei Tage dauern. Sicherlich keine vier Jahre.

Wir haben eines der besten Bildungssysteme der Welt

Für das Jugendprogramm, das ich leite, muss man sich bewerben.

Dazu gehört auch, dass die Interessenten begründen, wieso sie sich für Deutschland interessieren. In 99 Prozent der Fälle lautet die Antwort: “Ich möchte dort studieren.”  

In Deutschland stehen jungen Menschen unzählige Möglichkeiten offen.

Wir haben ein breites Angebot an Studienfächern und Studienformen, vom Dualen Studium über den doppelten Abschluss bis hin zu Lehramt.

► Und: Die Qualität der Lehre ist in allen Fächern sehr hoch. Im internationalen Vergleich belegt Deutschland den vierten Platz.

Im Gegensatz zu den USA (Platz 1) und Großbritannien (Platz 2) gibt es in Deutschland dabei aber keine Studiengebühren. Für die fällig werdenden Semesterbeiträge und andere Kosten gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich Unterstützung zu holen. 

Wie wichtig das ist, wird von vielen Deutschen gar nicht erkannt. Aber: Die Bildung eines Einzelnen kann Großes in Bewegung setzen. 

Im Steckbrief eines Schülers konnte man so lesen: 

Ich möchte mein Studium in Deutschland machen und einen guten Job finden und das Geld nutzen, um Armen zu helfen – das ist mein Traum.”

Ein Studium in Deutschland kann ihm dabei helfen, diesen Traum zu verwirklichen. 

Den meisten meiner Schüler, die in Deutschland studieren wollten, ist es gelungen. Ein Junge aus Ungarn studiert an der Charité in Berlin Medizin, ein Mädchen aus Albanien Jura in Dresden. Ein Junge aus Kairo in Ägypten studiert International Business in München.

Viele von ihnen wollen etwas verbessern in der Welt, wollen ihren Mitmenschen helfen und einen Beitrag zur Gesellschaft leisten.

► Und Deutschland gibt ihnen die Möglichkeit dazu. Ich finde, das ist ein sehr schöner Gedanke. 

Deutschland ist ein Stehaufmännchen

Auf unserer vierwöchigen Reise durch Deutschland haben wir viele Orte besucht, an denen sich Deutschland von seiner düstersten Seite gezeigt hat: Das Haus der Wannsee-Konferenz, das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen und das Konzentrationslager in Dachau erinnern daran, wie viel Blut in diesem Land vergossen wurde.

► Aber daran denken die meisten meiner Schüler nicht, wenn sie dieses Land besuchen. Oder zumindest nicht nur.

Sie sehen das Holocaust-Mahnmal und die Überreste der Mauer und empfinden Hoffnung. Dass auch ihre Länder ihre Vergangenheit – all das Blutvergießen, all die Unfreiheit – eines Tages abschütteln und einen Aufbruch wagen können.

Dass auch sie eines Tages in einem wirtschaftlich starken Land wie Deutschland leben können.

Deutschland hat aus seiner Geschichte gelernt. Daran glaube ich ganz fest. Das Land, das noch vor 80 Jahren alle Andersdenkenden ausmerzen und jegliche Vielfalt und die damit verbundenen Freiheiten unterdrücken wollte, gibt es nicht mehr. So sehr einige AfD-Anhänger es sich auch zurückwünschen mögen.

Heute steht Deutschland für Freiheit, für Perspektive und für Hoffnung.

Menschen kommen zu uns, ob als Flüchtling oder als Einwanderer, weil sie glauben, dass sie sich hier eine bessere Zukunft aufbauen können als in ihrer Heimat. Dieser Wandel beeindruckt mich immer wieder.

Freiheit wird nicht weniger, wenn man sie teilt

Wer nach Deutschland einwandert, entscheidet sich aktiv dafür, Teil dieses Landes zu sein. Und muss hart dafür arbeiten, in der Gesellschaft anerkannt zu werden. Wer hier geboren wird, muss das nicht tun. 

Manchmal kommt mir das fast unfair vor. Denn viele von uns wissen die vielen Freiheiten und Möglichkeiten, die uns unser Heimatland bietet, gar nicht richtig zu schätzen. So wie ich damals. 

Aber nach diesem Sommer, in dem ich mit Jugendlichen aus allen Teilen der Welt durch Deutschland gereist bin, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich verdammt gerne in Deutschland lebe. Und meine Heimat für kein anderes Land eintauschen möchte.

Ich war 19, als ich mich dafür entschied, Deutsche zu sein. Und ich habe es bis heute nie bereut. 

(lp)