POLITIK
12/03/2018 14:51 CET | Aktualisiert 12/03/2018 14:55 CET

Trotz Festanstellung – Behörde zwingt Afghanin, Geld vom Staat zu nehmen

Nach der Ehrung für Integration wurde meiner Angestellten die Arbeitserlaubnis entzogen.

dpa
Frau mit Kindern in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Hessen. (Symbolbild)

Als mir Shally erzählte, dass sie nicht mehr arbeiten dürfe, hatte ich furchtbare Angst um sie. Und um ihre Familie, die mir ans Herz gewachsen ist. Ich musste annehmen, dass sie abgeschoben würden – in ihren sicheren Tod.

Ich betreibe ein Feinkostcafé in Neuenhagen bei Berlin und habe Shally beschäftigt. Eine Frau aus Afghanistan. Shally war mit ihrer Familie 2012 nach Deutschland geflohen.

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Für mich war sie eine hervorragende Mitarbeiterin, bei meinen Gästen überaus beliebt. Dann entzog die Ausländerbehörde in Brandenburg ihr die Arbeitserlaubnis.

In der Heimat keine Überlebenschance

Wie ich erfahren habe, ist ihr Asylantrag abgelehnt worden. Deshalb darf sie nun nicht mehr in Deutschland arbeiten. Warum, ist völlig unverständlich für mich. Shally war unglaublich fleißig.

Sie hat zwei Kinder: Ihre Tochter ist 15 Jahre, ihr Sohn 14. Beide gehen zur Schule, sprechen hervorragend Deutsch und haben Freunde hier.

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Ihr Mann Raghesh hat erfolgreich eine Weiterbildung zum Fachhelfer für Sanitär- und Heizungstechnik absolviert und hat eine gute Perspektive auf Festanstellung. Aber auch er hat keine Arbeitserlaubnis mehr.

In Afghanistan droht der Familie der Tod. Denn als Hindu gehört Shally einer verfolgten religiösen Minderheit an. Auch wenn sie nicht viel über ihre Lage in Afghanistan geredet hat, weiß ich, dass sie nicht ohne Grund geflohen ist.

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Da geht es um Erpressung und Mord – richtig bedrohliche Dinge. Sie hätte in ihrer Heimat keine Überlebenschance.

Trotz Festanstellung zu Sozialhilfe gezwungen

Zum Glück habe ich dann erfahren: Shelly wird nicht abgeschoben. Aber nur, weil sie keine Papiere hat. Seitdem hat sich meine Angst in Wut verwandelt:

Zurück nach Afghanistan kann Shelly nicht. Und hier arbeiten darf sie nicht – und das, obwohl sie bei mir eine unbefristete Festanstellung hätte!

Es ist doch vollkommen absurd: Shally hat im Café 1000 Euro netto verdient und als Aufstockerin 300 Euro vom Amt dazu bekommen.

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Nun wird sie gezwungen, vollständig von Sozialhilfe zu leben. Dabei will sie niemandem auf der Tasche liegen, sondern selbst arbeiten.

Frauen in Afghanistan: kein Zugang zu Bildung

Shally ist eigentlich eine Erfolgsgeschichte, denn sie hat wirklich Großartiges geleistet. Wie so viele Frauen hat sie in Afghanistan keinen Zugang zu Bildung bekommen und daher nicht lesen und schreiben gelernt.

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Umso beeindruckender ist, was sie geschafft hat: Innerhalb kurzer Zeit hat sie Deutsch gelernt und sich hier integriert. In meinem Laden hat sie im Service gearbeitet – das heißt direkt mit den Kunden. Und das ist gar nicht so einfach.

Denn in meinem Geschäft gibt es nicht nur Kaffee, sondern wir bieten italienische Feinkost und haben eine sehr anspruchsvolle Karte.

Verschiedenste Sorten von Weinen, Oliven, Antipasti – meine Mitarbeiter müssen in einer eigenen Ausbildung erst lernen, was sie verkaufen und wie.

Schon für Deutsche ist das oft schwierig. Bei einer Frau, die als Anaphabetin aus einem völlig fremden Kulturkreis zu uns gekommen ist, kann man die Leistung gar nicht hoch genug schätzen.

Sie hat das geschafft und dafür hat sie großen Respekt verdient.

Ministerium ehrt meinen Betrieb für vorbildliche Integration

Ich kann es noch immer nicht fassen. Im November noch stand eine Delegation des brandenburgischen Sozialministeriums bei mir im Geschäft.

Man ehrte mich und meinen Betrieb im Rahmen einer sogenannten “Kreis-Reise” für vorbildliche Intergrationsleistungen, weil ich erfolgreich eine Geflüchtete als Mitarbeiterin ausgebildet habe und beschäftige.

Doch nur zwei Monate später entzieht man ihr die Arbeitserlaubnis und zwingt dieselbe Mitarbeiterin, zuhause zu bleiben und von Sozialhilfe zu leben. Das ist doch nicht möglich!

Ich habe mich ans Sozialministerium gewandt, aber bisher hat man mir nur geantwortet, dass die Ausländerbehörde juristisch einwandfrei gehandelt hat.

Auch als Arbeitgeberin fühle ich mich da völlig allein gelassen. Ich habe eine hervorragende Mitarbeiterin verloren. Auch wenn viele immer noch meinen, Ausländer würden den Deutschen die Arbeits- und Ausbildungsplätze wegnehmen: Das stimmt nicht. Der Arbeitsmarkt ist vollkommen leergefegt.

Shally hat gezeigt, wie gut wir zusätzliche Arbeitskräfte brauchen können. In meinem Geschäft sind wir nur ein kleines Team von zehn Leuten. Wir halten zusammen und fühlen uns eher wie eine Familie.

Da ist es besonders schlimm, wenn von einem auf den anderen Tag so ein Loch in unserer Mitte ist. Aber auch von den Menschen im Ort habe ich nur Zuspruch erfahren.

Flüchtlingskinder sollen ihr Leben genießen dürfen

Mir jagt die Gänsehaut über den Rücken, wenn ich daran denke, dass Shally einfach zu so einem Leben verurteilt wird. Warum darf sie nicht arbeiten, wenn sie das will und jeder davon etwas hat?

Was wird hier aus Menschen gemacht, die vor Verfolgung, Hunger und Gewalt aus ihrer Heimat geflohen sind und hier bereit sind, neu anzufangen und hart dafür arbeiten!

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Besonders schlimm finde ich aber, was man den Kindern zumutet. Shellys Tochter hat ihre Kindheit auf der Flucht verbracht, nun als 15-Jährige ist sie gezwungen, sich mit Behördenbriefen und Bescheiden besser auszukennen, als jeder normale Erwachsene.

Dabei sollte sie doch einfach mal fröhlich sein dürfen und ein Leben in Freiheit genießen.

Gelebte Willkommenskultur

Wir müssen verstehen, dass die meisten Flüchtlinge traumatisierte Menschen sind, die einen schweren Weg hinter sich haben, oftmals alles verloren haben und etwas Schutz und ein neues Zuhause suchen. Das einzige, was uns manchmal im Weg steht, ist die Sprachbarriere.

Deshalb sollten wir auch bereit sein, etwas dafür zu tun, damit Willkommenskultur auch wirklich gelebt wird. Ich selbst bin viel gereist und herumgekommen und wurde überall auf der Welt gut aufgenommen. Dafür bin ich dankbar und möchte gerne etwas zurückgeben.

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Mittlerweile habe ich drei weitere Afghanen als Praktikanten bei mir im Laden, zwei davon haben leider bisher auch nur einen Duldungs-Status.

Wie es mit Shally weitergeht, ist noch nicht klar, aber ich bin zuversichtlich, dass ihr Status hier in Deutschland neu beurteilt wird. Ich hoffe sehr, dass wir in Gesprächen mit dem Landratsamt zu einer guten Lösung für sie und ihre Familie kommen können.

Der Text wurde von Veit Lindner aufgezeichnet.