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04/04/2018 15:53 CEST | Aktualisiert 04/04/2018 15:53 CEST

Ausgeträumt, Amerika? Unterwegs in einem gespaltenen Land

Zerstört Donald Trump den amerikanischen Traum?

Pgiam via Getty Images

Zerstört Donald Trump den amerikanischen Traum? Mit dieser Frage im Kopf ist ARD-Korrespondent Jan Philipp Burgard kreuz und quer durch die USA gereist. Er wollte nicht über die Amerikaner sprechen, sondern mit ihnen.

Er hat Kohle-Kumpels in West Virginia getroffen, Techies im Silicon Valley, Cowboy-Kids in Texas, einen Sheriff an der Grenze zu Mexiko, Kranke in Kentucky, Umweltaktivisten in Alaska, Politiker und Journalisten in Washington. Seine Erlebnisse sind gerade in dem sehr persönlichen Buch „Ausgeträumt, Amerika?“ erschienen. Hier ein Auszug.

Meine Hände zittern nicht nur wegen der Kälte, als Anna und ich vor dem Lincoln Memorial in Washington aus dem Taxi steigen. Noch nie in meinem Leben war ich so aufgeregt. Anna ahnt nicht das Geringste.

Ich glaube, in ihren Gedanken lesen zu können, dass sie lieber direkt ins Restaurant gefahren wäre, statt bei arktischen Temperaturen und zu später Stunde noch ein Monument zu besichtigen.

Den ganzen Tag hat Anna mich von Museum zu Museum geschleift, aber angesichts der Minusgrade scheint ihr Wissensdurst ausgerechnet jetzt am Lincoln Memorial gestillt zu sein.

Der wichtigste Moment meines Lebens ist gekommen

Außer uns ist kaum noch ein anderer Besucher zu sehen. Wahrscheinlich findet Anna meine Idee völlig verrückt, hier auf dem Weg zum Dinner noch haltzumachen. Und hätte sie vorher gewusst, dass ich sie nötigen würde, noch Dutzende Stufen zu erklimmen, die zu dem tempelartigen Bau hinaufführen, so hätte sie mit Sicherheit andere Schuhe angezogen.

Doch sie lässt sich nichts anmerken. Als wir oben ankommen und an den dorischen Säulen vorbeischreiten, verspüre ich einen Hauch Erleichterung. Denn obwohl die Eiseskälte Annas Beine merklich zittern lässt, zieht die Magie dieses Ortes sie sofort in ihren Bann.

Dunkelheit herrscht in der Ruhmeshalle, nur Abraham Lincoln erscheint in geheimnisvollem Licht. Erschaffen aus weißem Marmor und stolze sechs Meter groß, blickt er von seinem Thron auf uns herab. Gütig, aber auch mit einer gewissen Strenge. “Das ist der wichtigste Moment deines Lebens.

Vermassele es jetzt bloß nicht”, höre ich Lincoln zu mir sprechen. Mein Puls geht schneller. “Wirklich beeindruckend”, sagt Anna im Brustton der Überzeugung. “Aber sollen wir uns das nicht lieber noch mal im Hellen angucken, wenn es etwas wärmer ist? Vielleicht steht unser Taxi ja noch da unten.“

Jetzt habe ich ein ernsthaftes Problem. Soll ich meinen Plan besser verschieben? Oder würde ich dann unter den Augen des größten Präsidenten in der Geschichte der USA wie ein kleiner Drückeberger dastehen? Ich entscheide mich, an meinem Plan festzuhalten – und sofort stehe ich vor dem nächsten Problem.

In der Dunkelheit finde ich die Stelle auf dem Boden nicht mehr, in der das Zitat eingemeißelt ist, das als Überleitung zu meiner alles entscheidenden Frage dienen soll. Jetzt marschiert auch noch eine Kleingruppe japanischer Touristen in unsere Richtung, die mit ihrem heiteren Geplapper im Begriff ist, die Intimität des Moments zu zerstören.

Nun ist Improvisationstalent gefragt.

Dort, wo Martin Luther King seine “I have a dream” Rede hielt, erfüllt sich mein Traum

Behutsam greife ich nach Annas Hand und ziehe sie entschlossen aus der Ruhmeshalle – weg von den japanischen Touristen, weg vom Fluchtweg zum Taxistand, weg vom strengen Mr. Lincoln. Ich führe Anna zur äußeren Säule des Tempels, weit und breit ist niemand mehr in Sicht.

Dafür eröffnet sich hier ein atemberaubender Blick auf das Wasserbassin vor dem Lincoln Memorial, den sogenannten Reflecting Pool. Dahinter ragt ein riesiger Obelisk in die Höhe, das Washington Monument. Und in der Ferne erinnert uns die majestätische Kuppel des Kapitols daran, dass wir uns im Herzen der Weltmacht USA befinden.

“Wusstest du, das dort vorne eine der bedeutendsten Reden in der Geschichte Amerikas gehalten wurde?”, frage ich Anna und deute mit der Hand so souverän wie unter diesen Umständen möglich, in die Richtung der Stelle, wo ich die besagte Inschrift im Boden vermute.

Anna schaut mich fast regungslos an, vielleicht ist sie schon schockgefroren. “Dort vorne hat Martin Luther King im August 1963 seine berühmte Rede gehalten”, fahre ich fort. “Hunderttausende hatten sich hier rund um das Lincoln Memorial versammelt.” Anna scheint resigniert zu haben, ihr Blick wandert nicht mehr in die Richtung des Taxistands. Das ist meine Chance.

Jetzt oder nie.

“I Have a Dream!, hat Martin Luther King damals gerufen, und auch ich habe einen Traum. Ich träume davon, bis in alle Ewigkeit mit dir zusammen zu sein und eine Familie mit dir zu gründen. Ich träume davon, irgendwann mit dir und unseren Kindern hier in Amerika zu leben.” Anna legt ihren Kopf an meine Schulter. “Das ist auch mein Traum”, sagt sie liebevoll.

Mein Herz hüpft.

Aber die Tragweite meiner Worte scheint sie irgendwie noch nicht begriffen zu haben. Kein Wunder, in der Aufregung habe ich ganz vergessen, auf die Knie zu gehen und den Ring aus der Manteltasche zu ziehen. Das hole ich jetzt nach und stelle die entscheidende Frage. Sie strahlt und fällt mir in die Arme.

Diesen historischen Moment möchten wir natürlich mit einem Foto festhalten.

Doch als wir gerade abdrücken wollen, taucht wie aus dem Nichts plötzlich eine Großfamilie vor unserer Säule auf. Sechs Kinder umschwärmen uns. “Soll ich ein Bild von euch machen?”, fragt die Mutter der Kompanie freundlich und pfeift ihre Kinder zurück. Dankbar und überschwänglich drücken wir ihr das Handy in die Hand.

Während sie die perfekte Einstellung sucht, erzählt sie, dass sie mit der ganzen Familie aus dem US-Bundesstaat Utah angereist sind, um sich die Hauptstadt anzusehen. Sie seien Mormonen. Dann geht die Frau extra auf die Knie, um das Foto von uns aus dem perfekten Winkel zu schießen. “Es ist äußerst nett von Ihnen, dass Sie für uns sogar auf die Knie gehen”, sage ich.

“Ich bin zufällig auch gerade auf die Knie gegangen, um meiner Freundin einen Heiratsantrag zu machen.” Die Frau aus Utah springt auf und umarmt uns wie eine enge Verwandte. “Herzlichen Glückwunsch! Gott schütze euch! Gott möge euch viele Kinder schenken!” Und der liebe Gott scheint damals sehr genau zugehört zu haben.

Kein Politiker hat den amerikanischen Traum so verkörpert, wie Barack Obama

Er hat es wirklich gut mit uns gemeint. Inzwischen leben wir in Washington und sind stolze Eltern einer kleinen Tochter. Unser persönlicher amerikanischer Traum erfüllt sich. Und der amerikanische Traum beschäftigt mich weiter, jetzt beruflich.

Einer meiner ersten Arbeitstage als Korrespondent im ARD-Studio Washington war der letzte Arbeitstag von Präsident Barack Obama. Kein anderer Politiker hat aus meiner Sicht den amerikanischen Traum so sehr verkörpert wie er. Und jedenfalls den Traum des Bürgerrechtlers Martin Luther King, der gegen die Rassentrennung kämpfte und deshalb ermordet wurde.

Der erste schwarze Präsident in der Geschichte der USA war in meiner Wahrnehmung auch der lebende Beweis, dass man in Amerika, selbst aus einfachen Verhältnissen stammend, alles im Leben erreichen kann, wenn man nur hart genug dafür arbeitet.

Obama wuchs ohne Vater auf, er studierte Jura und arbeitete sich vom Sozialarbeiter in Chicago zum Senator in Washington hoch. Weil ihm kein Traum zu groß erschien, trat der junge, international noch völlig unbekannte Politiker 2008 bei den Präsidentschaftswahlen an – und triumphierte.

Nun ist seine Ära zu Ende. An Obamas letztem Tag als Präsident schaute ganz Amerika ausgerechnet auf “unser” Lincoln Memorial. Dies hatte mit Obamas Nachfolger zu tun.

Zu Ehren von Donald Trump wurde hier am Vorabend seiner offiziellen Amtseinführung ein Konzert gegeben. Als ich Trump vor der Statue Lincolns posieren sah, konnte ich immer noch nicht ganz fassen, dass er der neue Präsident der Vereinigten Staaten sein wird.

Denn im Wahlkampf hatte der frühere Unternehmer und Reality-TV-Star so ziemlich das Gegenteil von dem verkörpert, was man von einem großen amerikanischen Staatsmann erwarten würde.

Und dann kam Trump

Statt die Gesellschaft zu einen, hat er ihre Spaltung vorangetrieben. Statt Hoffnung zu verbreiten, hat er Angst und Wut gesät.

► Trump bezeichnete Mexikaner pauschal als “Vergewaltiger”, die “Drogen und Verbrechen bringen”, und versprach, eine “große, schöne, mächtige Mauer” an der Grenze zum Nachbarland Mexiko hochzuziehen.

► Barack Obama nannte er einen “Gründer” des sogenannten Islamischen Staates.

► Den Namen seiner Gegnerin Hillary Clinton verwendete er selten ohne das Adjektiv “betrügerisch”.

► Trump bestritt die Existenz der globalen Erwärmung.

► Unbequeme Fragen einer Journalistin erklärte der Präsidentschaftskandidat indirekt mit ihrer Menstruation.

Doch selbst als kurz vor der Wahl ein Video aus Trumps Zeit als Reality-TV-Star auftauchte, in dem er damit protzte, Frauen nach Belieben zwischen die Beine greifen zu können, ohne Gegenwehr fürchten zu müssen, schadete ihm dies nicht.

Ich könnte auf der 5th Avenue stehen und jemanden erschießen und würde keine Wähler verlieren.”

Mit diesem Satz hatte Trump vermutlich recht. Entgegen vieler Voraussagen von Umfrageforschern und Experten gewann er die Präsidentschaftswahl. Die ganze Welt war überrascht, teilweise schockiert. Was war passiert?

In seiner Siegesrede in der Wahlnacht sagte Trump einen Satz, der mich aufhorchen ließ. “Wir werden den amerikanischen Traum erneuern.” Lag genau hier der Schlüssel zu Trumps Erfolg?

Der Riss durch die Gesellschaft wird immer größer

Hatten die für ihren Optimismus bekannten Amerikaner den Glauben daran verloren, dass sich der Traum vom eigenen Haus und von einer soliden Ausbildung für die Kinder erfüllt, wenn sie nur hart genug dafür arbeiten?

Tatsächlich dachte im Wahljahr mehr als die Hälfte der Amerikaner, dass es ihren Kindern schlechter gehen wird als ihnen selbst. Und vieles deutet darauf hin, dass sozialer Aufstieg in den USA immer schwerer wird. Während die Reichen immer reicher werden, werden die Armen immer ärmer.

Die reichsten zehn Prozent besitzen 75 Prozent des Gesamtvermögens. Die Mittelklasse schrumpft. Die Reallöhne sind seit mehr als 20 Jahren nicht gestiegen.

Aber inzwischen verdient ein Vorstandsvorsitzender eines mittelgroßen US-Konzerns rund 350-mal so viel wie ein einfacher Angestellter. Rund 50 Millionen Amerikaner leben laut US-Statistikbehörde unter der Armutsgrenze und sind auf Lebensmittelmarken des Staates angewiesen.

► Warum wird dieser Riss, der durch die amerikanische Gesellschaft geht, immer schneller immer größer?

Funktioniert der Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär nur noch in Hollywood-Filmen? Warum glauben Millionen von sozial abgehängten Amerikanern, dass ihnen ausgerechnet ein bereits in eine reiche Familie hineingeborener Milliardär aus Manhattan ihren amerikanischen Traum zurückgeben wird? Und wie verändert Donald Trump dieses Land, das wir zu kennen glaubten, aber das uns nun immer fremder wird?

Antworten auf diese Fragen verspreche ich mir nicht gerade von Politikern in der als “Blase” bekannten Hauptstadt Washington. Ich will nicht über die Menschen draußen im Land sprechen, sondern mit ihnen. Brechen wir auf zu einer Reise kreuz und quer durch Amerika. Auf der Route 66 werden wir ein Stück von Mike mitgenommen, dem Mechaniker.

Er versucht, die gute alte Zeit zurückzuholen, indem er Oldtimer repariert. Wir werden Joshua und Brook kennenlernen, die am Straßenrand in einer Sozialwohnung leben und dort ihren Sohn großziehen. Wir werden Tom treffen, den Trucker, der fahren muss, bis er tot umfällt. Ihre Geschichten können uns mehr über Amerika verstehen lassen als manche Statistik oder Studie.

Woher aber stammen all die Angst und die Wut?

In West Virginia werden wir die Hillbillys besuchen, die “Hinterwäldler”, die im Rest Amerikas oft belächelt werden. Aber in ihren Wäldern, Kohlegruben und Herzen verbirgt sich ein Geheimnis über die Seele Amerikas. Ich hatte immer geglaubt, der amerikanische Traum bedeute nicht nur das Versprechen von gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten für Amerikaner.

In meiner Vorstellung durfte jeder, unabhängig von Herkunft und Hautfarbe, in den USA sein Glück suchen und finden. So sagt es Lady Liberty, die Freiheitsstatue in New York, in ihrer Inschrift: “Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren. Die bemitleidenswerten Abgelehnten eurer gedrängten Küsten. Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen. ”

Donald Trump hingegen verkündete ein Einreiseverbot für Menschen aus sechs mehrheitlich muslimischen Ländern. Außerdem unterschrieb er einen Erlass, um den Bau der Mauer an der Grenze zu Mexiko vorzubereiten.

Damit löste er zwar international eine Welle der Empörung aus, und in einigen Teilen der USA kam es zu Protesten – eine Überraschung sind Trumps Taten allerdings nicht. Der Präsident versucht wohl schlicht, die Versprechen einzulösen, für die er gewählt wurde.

Woher aber stammen all die Angst und die Wut so vieler Amerikaner, die Trump mit seiner Fremdenfeindlichkeit als Sprachrohr und Vertreter ihrer Interessen empfanden?

In den schneebedeckten Bergen Montanas suchen wir nach einer Erklärung für den erstarkenden Rechtsextremismus in den USA. Dort erleben wir auch, wie sich der amerikanische Traum für die Familie Han zu einem Albtraum zu verwandeln droht.

In der Wüste Arizonas werden wir den Rancher Jim fragen, warum er hofft, dass ausgerechnet auf einem Grundstück die Mauer zu Mexiko errichtet wird. Und wir werden dort den aus Mexiko stammenden Sheriff fragen, wie er über die Mauer denkt.

Was die neue Abschottungspolitik für die Wirtschaftsmacht USA und für ihre Innovationskraft bedeutet, erleben wir im Silicon Valley. Und wie gespalten das Land zwischen unbedingtem Fortschrittsglauben und dem Wunsch nach einer Rückkehr in vergangene Zeiten ist, können wir in Las Vegas beobachten.

In Texas sind wir dabei, wenn kleine Jungen mutig auf Bullen reiten, ihre Eltern aber Angst vor der Welt jenseits des Zaunes ihrer Ranch haben. Abends im Fernsehen läuft ausschließlich der politisch rechtslastige Sender Fox News. Ob die Medien zur Spaltung des Landes beigetragen haben, wollen wir im Presseraum des Weißen Hauses herausfinden.

In Washington drängt sich auch die Frage auf, ob Donald Trump einen Psychiater braucht. Sein großes Vorbild Richard Nixon ließ immerhin gezielt verbreiten, er sei verrückt geworden. Wer in Amerika krank wird, steckt schnell in finanziellen Schwierigkeiten. Denn Millionen US-Bürger sind nicht, oder unzureichend versichert. In Kentucky erfahren wir, woran das System krankt.
Außerdem machen wir uns auf den weiten Weg nach Alaska. Denn Donald Trump hat den Klimawandel als “Erfindung der Chinesen” bezeichnet. Auf einem riesigen Gletscher treffen wir den Wissenschaftler Eran Hood.

Er weist nach, wie schnell das Eis schmilzt und erklärt uns, warum er sich durch Präsident Trump in seiner Arbeit bedroht sieht. In Alaska begegnen wir auch dem Inupiat-Eskimo Esau Sinnok.

Er nimmt uns mit auf seine Insel, die wegen des Klimawandels nach und nach im Meer versinkt. Vielleicht verrät er uns auch, ob er trotzdem noch Hoffnung hat für sich selbst und für Amerika. Ich freue mich, dass sie mich begleiten, auf der Suche nach dem verlorenen Traum.

Dies ist ein Auszug aus dem Buch “Ausgeträumt, Amerika?” von Jan Philipp Burgard, das gerade im Rowohlt Verlag erschienen ist.

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