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02/01/2019 14:06 CET | Aktualisiert 02/01/2019 14:06 CET

Ausgeblutet. Wie das Stigma um Menstruation Mädchen den Weg zur Bildung versperrt

Jordan McDonald

Bildung für alle! Es ist eines dieser Ziele der Weltgemeinschaft, dem wohl jede*r ohne Zögern zustimmen würde: Natürlich brauchen alle Menschen Bildung, sagen wir, denn Bildung ist gut. Bildung eröffnet uns Chancen, bringt uns persönlich weiter und öffnet auch berufliche Türen. Alle sollen das haben. „Bildung für alle“ ist aber auch ein moralischer Gemeinplatz: Ein ehrenhaftes Ziel auf das wir uns einigen können, solange wir nicht in der Tiefe hinterfragen, was eigentlich die Voraussetzungen dafür sind, es zu erreichen. Eine der unangenehmen Fragen ist die nach Gleichberechtigung im Schulkontext. Oder noch unbequemer: nach spezifischen Formen der Diskriminierung von Mädchen an Schulen. Oder noch unbequemer: Schließt das Stigma um Menstruation Mädchen von der Bildung aus? (Spoiler: ja) Die Periode gehört zum Alltag von so ungefähr der Hälfte aller auf der Erde lebenden Menschen. Aber drüber reden? Nicht im Detail und doch bitte nur hinter vorgehaltener Hand. 

Periode in der Werbung: Blaues Blut?

Wir alle kennen diese seltsam sterile Flüssigkeit, die in der Werbung auf Binden geträufelt wird. Wahlweise auf einem pastellig blauen oder türkisem Untergrund liegt da so eine blütenweiße Binde, und aus einem Reagenzglas tröpfelt es blau. Danach hüpft eine fröhliche junge Frau in heller Kleidung über eine Blumenwiese. Viel weiter von der Realität könnte das alles nicht sein. Natürlich ist das Werbung und die verzerrt natürlich notorisch die Realität. Allerdings beeinflusst sie die Realität auch. Die Illusion einer sterilen Monatsblutung und das Stigma darüber zu sprechen, vermitteln besonders jungen Mädchen, dass sie das ganze leise und unauffällig ertragen müssen (- bloß keine Männer damit behelligen!). Aber wenn man nicht über die Periode reden kann, wie fragt man dann um Hilfe?

Pro Monat drei bis sieben Fehltage

Vor ungefähr zwei Jahren rückte das Thema “Period Poverty” in den Fokus der britischen Medien. Es wurde darüber berichtet, dass dort Mädchen während ihrer Periode nicht zur Schule gehen können, weil ihnen das Geld für Monatshygiene fehlt. Es ging ein Aufschrei durch Großbritannien. Dass es so etwas geben könnte, kam für viele als ein Schock. Das Problem mangelnder Monatshygiene ist in der Entwicklungszusammenarbeit schon länger bekannt. Wenn Menschen sowohl arm als auch weiblich sind, ist das eine gefährliche Mischung. Und je ärmer sie sind, desto schwieriger ist die Lage. Weltweit gehen Schätzungen zufolge 50 Millionen Mädchen regelmäßig nicht zur Schule, weil sie über keine Methoden verfügen, mit ihrer Menstruation umzugehen. Es geht dabei nicht nur um Binden, auch wenn dies ein wichtiger Aspekt ist. Es geht oft auch um Unterwäsche, in die man diese Binden hineinlegen kann. Es geht um sauberes Wasser. Und es geht um Toiletten, in denen Mädchen vor Blicken geschützt sind.

Das “Frauenproblem” Menstruation

All diese Faktoren betreffen speziell Mädchen und sorgen dafür, dass sie mehrmals im Monat nicht zur Schule gehen können. Das Ergebnis: Sie fallen im Unterricht zurück. Doch der mangelnde Zugang zu Monatshygiene kann noch einen weiteren Effekt haben: Männer nutzen die hilflose Lage der Mädchen aus, um Binden gegen sexuelle Handlungen zu tauschen. Erst kürzlich berichtete Unicef, dass 65 Prozent der Mädchen im Kibera Slum in der Nähe der kenianischen Hauptstadt Nairobi diese Erfahrung bereits gemacht haben. Ungewollte Schwangerschaften und Infizierungen mit HIV sind die häufige Folge. Spätestens jetzt muss die sterile blaue Flüssigkeit wie eine Farce erscheinen. Menstruation ist auch kein “Frauenproblem”, mit dem die Betroffenen im Stillen irgendwie umgehen müssen. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, wenn Mädchen und Frauen sich aufgrund ihrer Periode so sehr in die Ecke gedrängt fühlen, dass sie sich aus dem Alltag zurückziehen, Hygieneartikel klauen oder sich gar prostituieren. 

Was tun?

Etwas, das wir alle tun können, ist, die moralischen Gemeinplätze zu hinterfragen und zu überlegen, welche strukturellen Probleme eigentlich angegangen werden müssen, um unser Ziel zu erreichen. Im Falle von „Bildung für alle“ lohnt es sich, sexuelle und reproduktive Rechte stärker in den Fokus zu nehmen und Mädchen ganz gezielt dabei zu unterstützen, ihre Schullaufbahn regulär abschließen zu können. Und zwar ohne eine ungewollte Schwangerschaft, Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt oder Scham über ihre Periode.

Dass dieser Ansatz Erfolg hat, zeigen auch die Projekte der Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW), die in afrikanischen Ländern südlich der Sahara gemeinsam mit jungen Menschen an Schulen daran arbeitet, das Tabu rund um die Periode zu beenden. Dabei geht es auch noch um mehr: In den Schulklubs finden besonders jüngere Jugendliche einen sicheren Raum, um ihre Fragen und Probleme anzusprechen sowie etwas über Verhütung, Consent und ihre eigenen Rechte zu erfahren. Die Folge ist, dass mehr Mädchen die Schule abschließen und der Notenschnitt sich deutlich hebt.