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06/12/2018 14:54 CET | Aktualisiert 06/12/2018 14:54 CET

Aufstieg und Fall der Deutschen Bank

Der Urknall ereignete sich am 27. Oktober 1986, dafür verantwortlich war die Regierung Thatcher. Ab diesem Tag war es ausländischen Firmen erlaubt an der Londoner Börse zu handeln und Anteile an britischen Firmen zu halten. In der Folge erwarb die Deutsche Bank die altehrwürdige Institution Morgan Grenfell, die sich allerdings als weit weniger solide erwies als gedacht. Der Arroganz ihrer Angestellten in der City of London tat dies allerdings keinen Abbruch, ihre egoistischen Exzesse kannten keine Schranken mehr.

Die Aufbruchsstimmung dieser Jahre schildert Dirk Laabs in seinem Bad Bank. Aufstieg und Fall der Deutschen Bank (DVA, München 2018) so fesselnd, dass man sich in einem Thriller wähnt, einem Thriller mit grossem Aufklärungspotential.

Wer wissen will, wie die Welt funktioniert, sollte den Menschen studieren. Und vor allem seine Anfälligkeit für süchtiges Verhalten, denn den Hals nicht voll zu kriegen, ist nichts anderes als Sucht. Und sein Hang, sich blenden zu lassen, ist in seiner Natur angelegt. Das wussten bereits die alten Römer, die das „mundus vult decipi“ nannten, die Welt will betrogen werden.

Dass das Image einer Bank wesentlicher ist als was sie wirklich ausmacht, gehört zu den Rätseln, denen wir alle unterliegen. Der Selbstbetrug scheint dem Menschen Schicksal. Und daran zu glauben, dass Geld glücklich macht, ebenso. „Only money matters“ lautet einer der Zwischentitel dieses Buches und fasst damit so recht eigentlich zusammen, worum es bei den Banken (und fast überall in der modernen Welt) in erster Linie geht.

Im Buddhismus gilt die Gier als das Grundübel, im Kapitalismus als die Lösung. Da werden Finanzinstrumente geschaffen, die keiner versteht, da werden Warnungen ignoriert und Risikos eingegangen, weil man die Realität nicht wahrhaben will. Dass man sich dabei oft auch haarscharf am Rande der Legalität bewegt und auch hin und wieder die Grenze überschreitet – sowieso. „Auf genau solche Unternehmen war Donald J. Trump angewiesen“, so Dirk Laabs und macht damit so nebenbei klar, dass es Trump ohne die Trump-Profiteure nicht gäbe.

Obenaus schwingt, wer den Machtkampf beherrscht

Bei Banken gilt, was auch sonst in der sogenannten Wettbewerbsgesellschaft gilt: Obenaus schwingt, wer den Machtkampf beherrscht. Und je besser die Bedingungen für den Kampf sind (je weniger reguliert wird), desto rücksichtsloser und unverschämter kann gestritten werden. Wenn man sich dabei übernimmt, heisst das noch lange nicht, dass man dann auch zur Kasse kommt. Als fünf Tage nachdem der politisch bestens vernetzte Energiekonzern Enron Bankrott gegangen war, zwei Jets in die Zwillingstürme des World Trade Center rasten, hatte die Welt anderes zu tun, als sich um die wild gewordenen Banken zu kümmern.

Zum journalistischen Handwerk gehört bekanntlich, dass man personalisiert. Und das tut Dirk Laabs auch ausgiebig. Das hat zur Folge, dass sich Bad Bank spannend liest, jedoch gelegentlich den Eindruck aufkommen lässt, das Schicksal der Deutschen Bank (und jeder anderen Bank) hänge vom Führungspersonal beziehungsweise von einzelnen Personen ab. Naheliegender scheint mir, dass die die Geschäftskultur prägenden Werte (Gier; Selbstüberschätzung; Gehorsam; Niemand schaut genau hin, wenn viel Geld verdient wird etc.) letztlich entscheidend sind.

Nichtsdestotrotz: Natürlich sind viele Ereignisse auch von den dabei involvierten Personen geprägt. Und Dirk Laabs wartet mit aufschlussreichen Geschichten und Anekdoten über zahlreiche prominente Zeitgenossen auf – von Donald Trump über James Comey zu Rudy Giuliani, der als umtriebiger New Yorker Staatsanwalt nicht immer ein glückliches Händchen zeigte. „Nach einem erfolglosen Undercover-Einsatz gegen Drogendealer in Brooklyn, an dem er persönlich teilgenommen hatte, posierte er in schwarzer Lederweste für die Fotografen. Die Weste hatte er zufällig in der Asservatenkammer entdeckt, aber übersehen, dass sie einem Hells-Angels-Rocker gehört hatte und mit entsprechenden Aufnähern versehen war. Einer dieser Aufnäher bezeugte, dass der Träger der Weste einen Menschen umgebracht hatte.“

Die Deutsche Bank war über Jahrzehnte der dominierende Machtfaktor in Deutschland; nach der Übernahme des US-Konkurrenten Bankers Trust im Jahre 1999 was sie sogar die Nummer Eins in der Welt. Sie schien solide und unbesiegbar, doch sie war es nicht. Wachstum um jeden Preis war angesagt und so lange Geld gemacht wurde wie in der Investmentbank oder beim Handel mit Kreditinstrumenten, schaute man auch nicht so genau hin, ignorierte man die Warner, die es durchaus gab. Im Juni 2018 kostete die Aktie weniger als 10 Euro. Zum Vergleich: Vor dem Ausbruch der Finanzkrise, im Juli 2007, war eine Aktie noch 109 Euro wert. Ein desaströser Wertverlust.

Wie es dazu hat kommen können, schildert Dirk Laabs eindrücklich. Am besten fasst man dieses Buch, das auch eine immense Fleissarbeit ist, mit des Autors eigenen Worten zusammen. „Dies ist ein Buch über Menschen, die ihre Bank und sich selbst überschätzt haben, am Ende sogar glaubten, unfehlbar zu sein.“

Nie täuscht sich der Mensch bekanntlich mehr, als wenn er sich selber einzuschätzen hat.